| 16:41 Uhr

Menschenleer und doch lebendig

Sie mag es groß und dynamisch: die Zeichnerin Katrin Günther. An diesem Bild arbeitet sie seit Anfang des Jahres.
Sie mag es groß und dynamisch: die Zeichnerin Katrin Günther. An diesem Bild arbeitet sie seit Anfang des Jahres. FOTO: Thomas Joerdens
Berlin/Hohenleipisch. Grau-braune Wüstenlandschaften bis zum Horizont mit tiefen Kratern und gefährlich steilen Abbruchkanten wechseln sich ab mit ausgedehnten grünen Kieferwäldern, die vertikal streng nach oben streben wie eng beieinanderstehende gotische Kirchtürme. Wenn Katrin Günther ihr Heimatdorf Hohenleipisch im Elbe-Elster-Kreis besucht, spürt sie jedes Mal einen Adrenalin-Kick. Thomas Joerdens

Während der Fahrt durch die Niederlausitz überwältigen sie die landschaftlichen Gegensätze, das "endlose Nichts" und die Dimensionen des Braunkohletagebaus im südlichen Brandenburg an der Grenze zu Sachsen.

Diese starken Eindrücke wirken bis in Katrin Günthers Kunst. Seit ungefähr einem halben Jahrzehnt entwirft die studierte Architektin und freie Zeichnerin filigrane, undurchdringliche, wuchernde Siedlungsdschungel aus einem komplizierten Gewirr von Stangen, Latten, Brettern, die wiederum Häuser, Treppen, Stege aus Holz bilden. Spontan denkt man an eine Mischung aus Science-Fiction und Super-Mikado für Fortgeschrittene. Dabei wirken die futuristisch und doch vertraut erscheinenden Gebilde menschenleer und lebendig zugleich. Denn in den überwiegend schwarzen Tuschezeichnungen auf 1,50 Meter großem schneeweißen Endlospapier herrscht Bewegung. Die perspektivischen Konstruktionen winden sich in die Tiefe oder strömen seitwärts, sie wirbeln wie in einem Strudel oder ranken sich an massiven Felswänden empor, die teilweise zu erahnen sind. Das sonderbare Holzhütten-Chaos scheint selbst zu leben.

"Wie transportiere ich Emotionen schwarz auf weiß?", lautet eine der Fragen, die sich die 47-jährige Künstlerin stellt. Ihre Antworten sind großformatige, dynamische Bilder, die irritieren, berühren, bewegen. Die Zeichnung, der einfache Strich auf Papier, erscheint Katrin Günther dafür das ideale Medium. Reduziert, authentisch, klar.

Die reduzierte Klarheit endet spätestens vor einem der Güntherschen Werke. Und Bewegung entsteht von allein, weil der Betrachter hin- und hergehen muss, wenn er sich zumindest einen Teil der facettenreichen Zeichnungen erschließen will. Mit etwas Abstand gewinnt man zunächst einen Überblick über die Holzwesen, die des Öfteren über die Papierränder hinauszuschießen scheinen. Doch erst das Herantreten erlaubt einen Blick auf die zahllosen feinen und feinsten Details beziehungsweise ins Innere der Bilder, in denen man sich leicht verlieren kann und die die Fantasie anfeuern.

Wenn Katrin Günther mit einer Feder die schwarze Tusche kratzend auf das glatte Papier bringt, droht sie manchmal selbst in ihren Zeichnungen zu verschwinden und muss beizeiten innehalten, um sich einen frischen Blick aufs Ganze zu verschaffen. Erkenntnisse darüber, in welche Richtung das Bild geht, entwickeln sich häufig erst beim Machen. Die Landschaften wachsen gewissermaßen sich selbst bildend. Das habe sie irgendwann begriffen. Die Werke entstehen meist über mehrere Monate. Entweder in einem ihrer beiden Berliner Ateliers oder in Konstanz. An der dortigen Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung lehrt die Wahlberlinerin seit vier Jahren als Professorin für Darstellen und Gestalten und pendelt zwischen der Hauptstadt und dem Bodensee.

"Das Leben ist gerade perfekt", findet Katrin Günther, und ihre blauen Augen strahlen. Sie mag Spannungen. Etwa die zwischen dem beschaulich-aufgeräumten Schwabenland und dem lauten, schmutzigen Berlin. Überdies profitiert sie als freischaffende Künstlerin von den Auseinandersetzungen mit den Studierenden und der Sicherheit eines unbefristeten Arbeitsverhältnisses. Schließlich nahmen mit den dynamischen Zeichnungen ihre Verkäufe sowie Beteiligungen an Ausstellungen zu. Tendenz steigend. Mit der 150 mal 200 Zentimeter messenden Arbeit "La Piscina" (2016), eine vergleichsweise kleine Zeichnung, hat sich Katrin Günther zum dritten Mal für den Brandenburgischen Kunstpreis beworben und wurde erneut für die Ausstellung auf Schloss Neuhardenberg nominiert, die bis 8. Oktober zu sehen ist.

Stillstand ist weder in ihren Bildern noch in ihrem Leben eine Option. "Es muss immer weitergehen", könnte eine Maxime von Katrin Günther lauten. Dies gilt auch konsequent für ihre Künstlerinnenkarriere, die sie vor zwölf Jahren auf professionelle Füße gestellt hat. Ergänzend zu den naturgemäß zweidimensionalen Zeichnungen, erforscht Katrin Günther seit einigen Jahren echte Räume. Gemeinsam mit Klangkünstlern experimentiert sie mit Installationen in Kirchen, etwa 2014 im Berliner Dom, sowie auf öffentlichen Höfen und Plätzen.

Ähnlich wie in den Zeichnungen geht es um Raum und Rhythmus, die im Zusammenspiel idealerweise Erlebnisräume eröffnen. Im Rahmen der Klanginstallationen erscheinen die Orte in einem neuen Kontext, der über die Bedeutung der jeweiligen Architekturstile oder baugeschichtlichen Bedeutungen sinnlich hinausweist.