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| 18:41 Uhr

Menschenhandel und der Sinn der Vergebung

Sebastian Wirnitzer (Bassa Selim), Ingo Witzke (Osmin), Laila Salome Fischer (Konstanze) und Alexander Geller (Belmonte) in einer emotionalen Szene am türkischen Hofe (v.l.). Eine Frau, hin- und hergerissen zwischen zwei Männern, das Drama programmiert.
Sebastian Wirnitzer (Bassa Selim), Ingo Witzke (Osmin), Laila Salome Fischer (Konstanze) und Alexander Geller (Belmonte) in einer emotionalen Szene am türkischen Hofe (v.l.). Eine Frau, hin- und hergerissen zwischen zwei Männern, das Drama programmiert. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Europäerinnen in der Hand von Moslems. Die Flucht scheitert. Eine Exekution scheint beschlossene Sache. Doch Rache ist nichts – Verzeihen ist alles, heißt die Devise in Mozarts Singspiel "Die Entführung aus dem Serail". Das Stück feierte am Samstagabend im Staatstheater Cottbus Premiere. Evan Christ dirigierte, Martin Schüler inszenierte. Rüdiger Hofmann

Mozarts Beitrag zum Kampf der Kulturen könnte aktueller kaum sein. Nur sind es in Mozarts Singspiel "Die Entführung aus dem Serail" die Europäer, die sich in der morgenländischen Gesellschaft zwangsläufig integrieren müssen. Flüchtlingsthematik einmal andersherum.

Der Inhalt sei kurz erzählt: Auf einer Mittelmeerreise von Piraten gekidnappt und auf einem Sklavenmarkt verkauft, kommen Konstanze, Blonde und Pedrillo in den Serail des türkischen Bassa Selim. Hier in der Fremde gelten "nichteuropäische" Werte und Maßstäbe. Der trickreich eingefädelte Rettungsversuch von Belmonte, dem Verlobten von Konstanze, schlägt fehl. Zu allem Überfluss erkennt der Bassa in Belmonte auch noch den Sohn seines ärgsten Feindes. Doch er verzichtet auf eine Bestrafung und lässt die Europäer frei.

Das Singspiel in drei Aufzügen schrieb der nur 26-jährige Mozart für das neu gegründete "Deutsche Nationaltheater" in Wien, wo es am 16. Juli 1782 in deutscher Sprache uraufgeführt wurde. Das Stück handelt mit gesprochenen Texten und gesungenen Partien. In der Premierenfassung am Staatstheater inszeniert Martin Schüler das Werk mit dem Opernensemble des Hauses - den Sängersolisten und dem Opernchor (Leitung: Christian Möbius). Die Ausstattung übernahm Gundula Martin.

Als Konstanze konnte die Sängerin Laila Salome Fischer gewonnen werden. Sie ist stimmlich dann am stärksten, wenn sie ihre Trauer über ihre Trennung von Belmonte zum Ausdruck bringt. Furchtlos meistert sie höchste Lagen, die an Mozarts Königin der Nacht und ihre Rachearie aus der Zauberflöte erinnern. Man leidet mit ihr und hofft auf einen glücklichen Ausgang.

Ihre Zofe Blonde wird von So pranistin Katerina Fridland verkörpert. Das Publikum schließt sie ins Herz, ihre vokalen Ausbrüche sind keck, voller Selbstbewusstsein und vollmundig vorgetragen. Sie spielt mit ganzem Körpereinsatz - vor allem die erotischen Verwirrungen scheinen wie maßgeschneidert. Den Part des Pedrillo übernimmt Tenor Hardy Brachmann - er spielt und singt einfach fantastisch. Virtuos trägt er besonders die heiteren Momente zur Freude des Publikums vor. Auch Belmonte alias Alexander Geller blüht auf an diesem Abend, seine Partie wirkt ausgereift, nicht überzogen, teilweise schelmisch.

Einzigartig in diesem Singspiel ist, dass ihre Zentralfigur Bassa Selim als Sprechrolle konzipiert ist. Erstmalig gastiert der Schauspieler Sebastian Wirnitzer am Staatstheater Cottbus in dieser Rolle. Um ihn entsteht ein klangliches Geflecht von differenzierter musikalischer Charakterisierungskunst und ergreifender Emotionalität, gewürzt mit Janitscharen-Chor und mehr als einer Prise Humor.

Die Partie des unbelehrbaren Osmin übernimmt der Bassist Ingo Witzke. Mannigfaltige Drohungen trägt Witzke im Koloratur-Bass vor und lotet in der Rolle den breiten Raum zwischen ziemlich hohen und tiefen Tönen vollständig aus.

Flair und Ambiente des Bühnenbildes sind stimmig, nichts scheint übertrieben, alles hat seinen Platz. Lediglich beim ersten Auftritt der vermummten weiblichen Hofangestellten wird man von einem Schauer durchzuckt. Unweigerlich denkt man an die schwarzen Witwen aus der einen oder anderen Nachrichtensendung. Das tut der gelungenen Premiere aber keinen Abbruch, was der minutenlange und teilweise mit stehenden Ovationen vorgetragene Applaus beweist.

Karten für die Vorstellungen am 20. und 24. Februar und am 24. März, je 19.30 Uhr, Ticket-Telefon 0355/78242424, sowie

www.staatstheater-cottbus.de