Wenn von Kunst aus der DDR die Rede ist, fällt das Stichwort "Sozialistischer Realismus" unvermeidlich. Gegeben hat es ihn, dieser Eindruck lässt sich bei retrospektiven Ausstellungen gewinnen, allerdings mehr auf dem Papier als in Wirklichkeit.

Zwar wurden auch in der Lausitz in den Jahren bis 1990 einschlägige Motive wie Arbeiterbrigade, Bäuerin, Kraftwerksingenieur et cetera häufig in jener bodenständig alltagsnahen, nicht abstrakten Weise porträtiert, die den Kulturfunktionären als Geschmack der Arbeiterkasse vorschwebte. Noch viel häufiger aber holten sich die Künstler ihre Inspirationen nach eigenem Gusto von überall aus der Kunstgeschichte und dem eigenen Welt-Erleben, bloß nicht aus politischen Malerei-Anleitungen.

Wenn es dagegen etwas gibt, das die damalige Kunst im Osten tatsächlich verbindet und von der im Westen unterscheidet, dann ist es das allgemeine Festhalten an der Figur und an der Landschaft.

Anders als in der Bundesrepublik, wo zumindest in der Elitenkunst jahrzehntelang vollkommen abstrakte Formen vorherrschten, blieben hier Motive, die zumindest entfernt an Menschen, Tiere, Pflanzen, Köpfe, Beine, Bäuche erinnerten, die zentralen Bildelemente.

Anatomie der Gesellschaft

Wie unterschiedlich die "Figurationen" in Form und Inhalt ausfallen konnten, demonstriert die aktuelle Ausstellung aus der Kunstsammlung Lausitz im Senftenberger Schloss.

Figurationen können Aktstudien menschlicher Körper sein, wie Günther Rechn oder Hans-Georg Wagner sie in ganz unterschiedlicher Manier zu Papier brachten. Oft gelten die Figurationen gar nicht in erster Linie der Körperlichkeit. Teils mehr, teils weniger abstrahierte Gestalten, Gliedmaßen und Gesichter inszenieren eher emotionale Zustände und Beziehungen, etwa auf Arbeiten von E.R.N.A., Angela Hampel und Horst Weber.

Bei Eckhard Böttger (1954-2010) bildet die Figur häufig nicht Individualitäten, sondern die Anatomie der gesamten Gesellschaft ab. Sein Gemälde "Ohne Kopf, ohne Fuß", entstanden während des Irakkrieges im Jahr 2001, zeigt einen Koloss ohne Kopf und Füße. Eine Gewalt, die sich ohne Erdung und Verstand in Bewegung setzt. Dieses Bild des Finsterwalders entspricht seiner schon in der DDR entwickelten Ausdrucksweise.

Die stilistische Vielfalt kann hier nur angedeutet werden. Rund 90 Arbeiten hat der Senftenberger Kurator Bernd Gork zusammengestellt, darunter Malerei, Grafik und Skulpturen. Jürgen von Woyski, Gerhart Lampa, Harald Metzkes, Carl Lohse, Sigrid Noack, Hans Scheuerecker, Klaus Zylla, Dieter Zimmermann, Paul Böckelmann, Hanspeter Bethke, Steffen Mertens, Lusici und viele andere Künstler sind vertreten.

Ohne Langeweile

Natürlich gibt es in der Ausstellung auch Werke, die in die Schablone "Sozialistischer Realismus" passen, bis hin zu Anklängen an naive Volkskunst. Das heißt aber nicht, dass es sich um langweilige Bilder handelt. Bemerkenswert ist zum Beispiel das "Porträt K.-H. Übelmann" des Cottbusers Rainer Mersiowsky (1943-1997) aus dem Jahr 1973. Es zeigt in Anknüpfung an den kühl-akkurat realistischen Stil der Neuen Sachlichkeit einen Herrn mit Zeichenstift am Schreibtisch.

Vermutlich handelt es sich um einen Architekten oder einen Ingenieur, also um einen jener intelligenten Techniker, die in der DDR am ideologischen Reißbrett und in konkreter Umsetzung die neue friedlich-solidarische Gesellschaft des Sozialismus aufbauen sollten.

Interessante Schieflage

Der Mann in seinem seriös dunklen Mantel blickt mit einem dieser verantwortungsvollen Aufgabe angemessenen Ernst zum Betrachter. Hinter ihm öffnet sich ein Fenster, und hier gerät das Motiv in eine interessante Schieflage. Das Fenster nimmt nämlich einen überproportional großen Bedeutungsraum ein. Es scheint fast wichtiger als der Porträtierte. Es ist so groß, dass der säuberlich gemalte Fensterrahmen nicht vollständig auf die Leinwand passt. Das Fenster verliert sich nach oben im Nirgendwo, und sein Ausschnitt zeigt nur das Blaue am Himmel und leichte Wolken. Wie immer die Gesellschaft aussehen wird, die Herr Übelmann aufbauen soll, noch ist sie nicht mehr als ein luftiges Versprechen.

Kunst aus der DDR macht nur den Kernbestand dieser Ausstellung aus. Sie erstreckt sich von 1905 bis in die Gegenwart und bildet repräsentativ den sehr qualitätvollen Reichtum der weiterhin wachsenden Kunstsammlung Lausitz ab.

"Figurationen" im Senftenberger Schloss bis zum 7. September dienstags bis sonntags von 10.30 Uhr bis 17.30 Uhr.