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Mensch zu sein ist schön genug

Der "Händewascher" von E.R.N.A. (1987 Malerei Öl und Acryl) will Schuld abwaschen.
Der "Händewascher" von E.R.N.A. (1987 Malerei Öl und Acryl) will Schuld abwaschen. FOTO: Jürgen Weser/jgw1
Altenau. Im Mai erregte die Ausstellung "Meine Reformation" in der Galerie Altenau 04 die Gemüter. Jetzt gibt es eine Fortsetzung. Jürgen Weser

(jgw1) Zur Vernissage setzten sich bildende Künstler und Philosophen in einer Diskussionsrunde kontrovers zum Umgang mit der Reformation im Jubiläumsjahr auseinander. Das vom Landkreis Elbe-Elster, der Sparkassenstiftung, Kulturreise Elbe-Elster und dem Verein Art Aue gesponserte Ausstellungsprojekt hinterlässt einen 300 Seiten umfänglichen und opulent gestalteten Ausstellungskatalog, der sämtliche in beiden Ausstellungen gezeigte Kunstwerke, die Aufsätze und Essays und alle Aktivitäten zum Projekt enthält: eine Fundgrube für Kunstliebhaber und Kunsthistoriker.

Projektorganisator und E.R.N.A. haben mit ihren Mitstreitern Bleibendes zum Jubiläumsjahr der Reformation hinterlassen, das sich abseits üblicher Jubelfeiern und eines glatt gebügelten Geschichtsmainstreams bewegt. Dabei haben die Künstler des Projektes keine billige und oberflächliche Provokation gesucht, sondern sich ernsthaft mit kritischen Aspekten der Reformation, des Wirkens von Martin Luther und mit der heutigen Erinnerungskultur auseinandergesetzt, ohne die positiven Seiten der Veränderungen durch die Reformation zu negieren.

Auf den ersten Blick erscheint die aktuelle Ausstellung "Meine Reformation" weniger brisant und kritischer als Teil 1. Dass der erste Blick trügt, das liegt wohl daran, dass die Ausstellung den Betrachter diesmal nicht mit einer so großen Fülle an Kunstwerken auf engem Raum überwältigt wie "Meine Reformation Teil 1". Die Schau lässt bei weniger Arbeiten der sechs Künstler Raum für gründliche Betrachtung und gründlichere Rezeption. Mit ihrer Poetry-Slam-Einführung brachte es feremansa alias Paula Böckelmann aus Berlin gleich auf den Punkt. Sie hatte einen leibhaftigen menschlichen Engel mitgebracht und rezitierte: "Denn Mensch zu sein ist doch schon schön genug und dies zu erkennen, das tut einfach gut." Natur und Engel werden auf den Fotografien von ihr und Miriam Neudecker eins, zum Schluss symbolisch ohne Flügel.

Provokant bleibt auch diesmal Steffen Fischer aus Dürrröhrsdorf bei Dresden mit seinen Malereien auf Papier, etwa wenn "Geistlicher mit Konkubine" im Bett posiert oder Kirche auf der Serie "Thronfolge" angeprangert wird.

Beeindruckend E.R.N.A.s Radierungen und die Ölmalerei zum Thema christlich-rituelle Waschungen schon von 1988. Der "Händewascher" will hektisch Blut abwaschen. Er hat Schuld auf sich geladen wie Pilatus auf ihrem Siebdruck. Paul Böckelmann stellt drastisch und mit Wut dar, wie er über Kreuz liegt mit dem Kreuz.

Die in Dresden lebende Tina Flau erzählt mit Farbradierungen auf Bütten ihren "Traum vom Garten Eden" und von Eitelkeit und Vergänglichkeit, während Andreas Hanisch auf seinen Fotografien sehr heutige Verirrungen der Luthermanie zum Beispiel mit dem "Lutherloft" eingefangen hat.

Der aus Kolumbien stammende Künstler Juan Miguel Restrepo Valdes will "durch das kritische Auge Luthers die mystische Aura der Reliquien entziffern" und den Bezug zu Macht und Konsuminteressen hinterfragen. Ausstellungstafeln geben ausführlich die Auseinandersetzung des Philosophen Dr. Roland Strauß mit Luther und unserem Umgang mit ihm wieder. Insgesamt bleibt die Aussage von Paul Böckelmann als Resümee beider Ausstellungsteile, dass er als Atheist kein Heil bei Luthers Gott finden kann.

Bis zum 3. Dezember ist die Ausstellung, allemal ansehenswert und zur Diskussion herausfordernd, in der Galerie Altenau zu sehen. Vorherige Anmeldung ist ratsam (Tel.: 035342 588 oder 0162 9249844)