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| 16:09 Uhr

Meisterzauberer und Seelenvertraute

Eva Strittmatter (8. Februar 1930 – 3. Januar 2011)
Eva Strittmatter (8. Februar 1930 – 3. Januar 2011) FOTO: Gudrun Stark
Bohsdorf. Seit 20 Jahren ist der Erwin-Strittmatter-Verein unterwegs auf den Spuren des Schriftstellers, der in der Lausitz bekannt und beliebt, aber nicht unumstritten ist. Von Begegnungen zwischen Bohsdorf und Schulzenhof erzählt ein Erinnerungsbuch, herausgegeben von den Vereinsmitgliedern Renate Brucke (Vorsitzende) und Matthias Stark. Behutsam schließt es auch die Spuren der Lyrikerin Eva Strittmatter ein. Ida Kretzschmar

Es ist zuerst eine Liebeserklärung an zwei Dichter, die schon zu ihren Lebzeiten Legenden waren, verehrt und bewundert, weil sie vielen in diesem Landstrich und weit darüber hinaus tief aus der Seele sprachen.

Ihrem Weg zu folgen, ist Vereinsmitgliedern Passion. Wobei Zugeneigtsein den kritischen Blick nicht aussparen muss, dort wo sich Diskrepanzen auftun zwischen dem Menschen und seinem dichterischen Werk. So wird weder Strittmatters Militärvergangenheit verschwiegen noch Unrühmliches im Familienalltag.

Fast 30 Autoren verschiedener Generationen und Berufe versammeln sich in diesem Buch, um auf unterschiedliche, persönliche Weise ihre Strittmatter-Begegnungen zu schildern, die nicht selten selbst zu Poesie werden.

Die größte Entfernung überbrückt wohl das tuwinische Stammesoberhaupt Galsan Tschinag, und doch ist er den Bohsdorfern sehr nah. Er ist Ehrenmitglied des Vereins und hat sich selbst durch seine magische Dichtkunst international einen Namen gemacht hat. Als Germanistikstudent ging er auf Schulzenhof in die Lehre, wo er sich in Evas Nähe geborgen fühlte. In seinem Beitrag für das Erinnerungsbuch nennt er Erwin Strittmatter "Meisterzauberer". Und seinen "berggroßen, aber nur allzumenschlichen geistigen Vater".

Auch die Schauspieler Oliver Breite und Michael Becker, die im Staatstheater Cottbus im "Laden" auf der Bühne standen, geben ihre Meinung kund. "Das Werk steht für sich selbst. Unhintergehbar", schreibt Becker, den seine Zuschauer als "Strittmatter sein Bruder" bezeichnen.

Die Anderthalbmeter-Großmutter aus der "Laden"-Verfilmung, Carmen-Maja Antoni, ebenfalls Ehrenmitglied im Verein, verrät im Interview, dass sie unter allen Büchern Erwin Strittmatters "Tinko" bevorzugt.

Auch die Familie kommt zu Wort. Knut Strittmatter, Sohn aus des Dichters erster Ehe, erzählt, dass er Tierliebe, Naturverbundenheit, Freude an Musik und Gesang von seinem Vater erbte, aber "nicht die fast fanatische Besessenheit an der Arbeit, die zu wenig Zeit für die Kinder, deren Familien und die Freunde übrig ließ." Strittmatter-Enkelin Judka wird in einem alten "Magazin"-Beitrag über den Großvater deutlich: "Einen Sinn für Familie hatte er nicht." Auch das ist zu lesen: Die Freundschaft mit dem Schriftstellerkollegen Peter Jokostra endet in Feindschaft.

"Ohne sie wäre eine bestimmte Stelle in mir leer geblieben", schreibt Matthias Stark über Eva S. in seinen Gedanken zur "Mondnacht". Matthias Stark nennt sie in seinem Gedicht "Fischerin im Ozean der Sprache". Mit kleinen Worten Großes sagen: Das vermochte die feinfühlige Dichterin und Seelenvertraute.

So ist diese Publikation ein Fundus aus Geschichten, Briefen, Gedichten, Empfindungen, Fakten und Bildern, aus denen reichlich zu schöpfen ist. Einen zusätzlichen Reiz erhält das Buch durch zahlreiche Schwarz-Weiß-Abbildungen. So ist eine Radierung von Hubertus Giebe aus Dresden zu sehen, die Erwin Strittmatter zeigt (1987). Gudrun Stark aus Stolpen hat Eva Strittmatter in einer Federzeichnung porträtiert. Und es gibt viele andere stimmungsvolle Zeichnungen und Fotos, die die Autoren selbst beigesteuert haben.

Kleine Anmerkung nur: Die Spurensuche hätte für Leser dieses Buches erleichtert werden können, wären die Autoren in jedem Falle gleich im Inhaltsverzeichnis genannt worden.

Von Bohsdorf nach Schulzenhof. Hgb.: Renate Brucke und Matthias Stark. Sew-Verlag, 168 Seiten, 13 Euro (auch unter bohsdorf@strittmatter-verein.de erhältlich) Am 30. April um 16 Uhr lesen daraus Michael Becker, Oliver Breite, Knut Strittmatter und die Herausgeber in der Theaterscheune in Cottbus-Ströbitz.