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| 02:38 Uhr

Meisterhafte Magie mit Melancholie

Wolfgang Finkbein mit Harald Metzkes Ölbild "Auf dem Schlappseil".
Wolfgang Finkbein mit Harald Metzkes Ölbild "Auf dem Schlappseil". FOTO: Tino Schulz/tsz1
Cottbus. Zirkuspferde tänzeln durch die Hallen. Artisten zeigen atemberaubende Kunststücke und auch schon mal verführerische Rundungen. Ida Kretzschmar

Elefanten trompeten den Clowns zu, die traurig und übermütig von berauschenden Farben und grafischen Elementen umgeben sind. Wolfgang Finkbein hat das Schalthaus im Dieselkraftwerk Cottbus in eine Manege verwandelt. Dem "Zirkuszauber in der Kunst des 20. Jahrhunderts" ist eine Ausstellung gewidmet, die bis 20. August im dkw. zu sehen ist.

Maler und Grafiker sind in diese kunterbunte, flirrende Welt der Artisten, Clowns und exotischen Tierdressuren eingetaucht. Ihre Werke spiegeln ein Sinnesfeuerwerk, in dem der graue Alltag verschwindet. Und doch halten ihre Narren der Gesellschaft auch den Spiegel vors Gesicht, lassen sie hindurchblitzen, wie Magie und Melancholie gleichsam ein Zwillingsdasein führen.

Der 77-jährige Kunstsammler Wolfgang Finkbein, der heute in Dresden beheimatet ist, fühlt sich in dieser Welt zu Hause. Er gehörte viele Jahre selbst zum fahrenden Volk. Allerdings nicht zu den Gauklern, Seiltänzern und Artisten. Er war Fernfahrer.

Vor mehr als 40 Jahren begann er seine heute gut 900 Zirkuswerke umfassende Sammlung, von der in Cottbus rund 160 Arbeiten zu sehen sind.

Angefangen hatte es mit einem kleinen Bild. Finkbein, der vor der Wende als Fernfahrer durch die halbe Welt zog, hielt eines Tages im Jahre 1966 auch in Meißen. In einer Buchhandlung entdeckte er ein Ölbild, das ihm gefiel. Sein Großvater und Urgroßvater waren Buchhändler in Wernigerode, wobei der Großvater auch eine kleine Grafiksammlung besaß. So vererbten ihm die Ahnen nicht nur Liebe zu Büchern, sondern auch einen Sinn für Kunst. Das kleine Ölbild entpuppte sich als unverkäufliche Dekoration. Als der Buchhändler aber den Namen des Großvaters erfuhr, stellte es sich heraus, dass er einst bei diesem in die Lehre gegangen war. In guter Erinnerung daran schenkte er dem Enkel einen Schuhkarton mit Exlibris und eine undatierte Radierung von Sascha Kronburg-Roden: "Der Affe als Dompteur".

Das war der Beginn einer lebenslangen Leidenschaft. "Wie ein Affe die Menschheit am Gängelband hält, war das erste Bild meiner Sammlung", lacht Wolfgang Finkbein. Natürlich hat es auch in der Cottbuser Ausstellung seinen Platz gefunden.

Handschrift an Handschrift fügte sich aneinander. Anfangs sammelte er auch Landschaften und Akte, bevor er sich ganz dem Zauber der Manege hingab, den er auch einst mit den Großeltern entdeckte. "Mich hat im Zirkus immer beeindruckt, wie sich Trapezkünstler unter dem Kuppeldach drehen, die Drahtseilakte, diese bunte Vielfalt aus Clownerie und Tricks - dieses scheinbar Schwerelose", hat er das Staunen nicht verlernt.

Die Mittel des frischgeborenen Sammlers waren begrenzt. "Tauschgeschäfte und Vitamin B halfen, manche Lücke zu schließen", bekennt er. Er kam herum, wusste auch schon mal Zinkweiß und ähnliche realsozialistische Raritäten zu besorgen. So kam er auch mit Harald Metzkes und anderen namhaften Künstlerin in Verbindung. Freundschaften, die bis heute halten. Neben Malereien sind es vor allem Arbeiten auf Papier, darunter herausragende grafische Mappenwerke, die er erwerben konnte.

Nach der Wende zunächst Versandleiter eröffnete er bald eine eigene Galerie in Gotha. Ein Kredit dafür wurde ihm nicht zugestanden. Also hieß es, zu wirtschaften. Und es lief gut, zumal er, sich dem fahrenden Volk zugehörig wissend, weiterhin herumkam. Er tauchte bei der Art Cologne auf und immer dort, wo gute Kunst zu finden war. Und so füllte sich nach und nach die Sammlung mit großen Namen, die auch in Cottbus mit ihren Arbeiten zu bewundern sind: Max Beckmann, Marc Chagall, Erich Heckel, Harald Metzkes, Hans Ticha, George Grosz, Pablo Picasso und viele mehr sind hier vertreten. Das Wertvollste ist wohl eine Lithografie von Otto Müller "Zirkuspaar". Darauf ist der hoch dotierte Brücke-Maler, Zigeunermüller genannt, selbst mit seiner Frau Mascha zu sehen.

Gelegentlich wechseln seine Zirkusbilder schon mal den Besitzer. Dem Berliner Willy-Brandt-Haus, so verrät er, verhalf er zu so manchem Stück Magie. Und auch in New York und sogar Tokio verliebte man sich in diese schillernde Kunstwelt.

An vielen der Blätter aber hängen Erinnerungen und Begegnungen. Gemeinsam mit seiner Frau, die seine Kunstleidenschaft bis zu ihrem Lebensende teilte, entdeckten sie auf einem Markt in Nizza zwei farbenfrohe Arbeiten von George Rouault, die er gern in die Sammlung einreihte. Neben dem "Traurigen Clown" (1968) von Bernhard Buffet oder Blättern aus der Grafikmappe "Zirkus" (1920) des unbekannten Arminius Hasemann, die zwischen Verführung und Tod einen Lebensbogen spannen, erzählen sie ihre eigene Geschichte in dieser einmaligen Zirkus-Kunstsammlung. Und das dkw., das in museumspädagogischer Arbeit schon mit Zirkusprojekten auf sich aufmerksam machte, ergänzt die Schau mit Arbeiten aus der eigenen Sammlung, darunter Malereien von Hubertus Giebe und Heinz-Karl Kummer, Arbeiten auf Papier von Eckard Böttger und Dieter Zimmermann sowie Fotografien von Ute Mahler und Alexander Rodtschenko.

Eine Kuriosität aber hat nur Finkbeins Sammlung aufzuweisen. Schmunzelnd zeigt er auf Colette Hofers Zirkus-Litografien: "Sie stammen von einer Malerin mit Kapitänspatent."

Zum Thema:
Die Ausstellung "Zirkuszauber" ist bis zum 20. August im Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus zu sehen. Führungen: heute und am 31. Mai, jeweils 16.30 Uhr, Familienführung: am Internationalen Museumstag, am 21. Mai, 11 Uhr. Kunstkreis 60+ am 14. Juni, 14 Uhr. Zur Ausstellung erscheint ein Begleitheft.Zur Vernissage von "Zirkuszauber" kündigte Museumschefin Ulrike Kremeier noch eine Überraschung an. Wenn am 1.Juli das dkw. und das Museum Junge Kunst Frankfurt (Oder) in Cottbus zum Landesmuseum Moderne Kunst fusionieren, sind alle nach Cottbus eingeladen, in einem großen Zirkusprogramm mitzufeiern.