Die junge Südkoreanerin lächelt, während sie freundlich aber bestimmt die Cellisten, Trompeter und Violinisten dirigiert. Zu freundlich für Peter Gülke. „Sie dürfen ruhig noch etwas frecher werden“ , unterbricht sie der 73-Jährige. Eun Sun Kim probiert es ein zweites Mal, mit mehr Tempo, aber ebenso höflich. Wieder unterbricht Gülke nach einem kurzen Lauf. „Der erste Takt ist entscheidend. Mit ihm geben sie das Tempo vor, danach ist das schwierig zu korrigieren“ , so Gülkes Rat.
Genau deshalb sind die 26-jährige Südkoreanerin und ihre drei Dirigentenkollegen hier in Cottbus - um von Peter Gülkes Erfahrungen zu profitieren. Geboren in Weimar, steht der Musikwissenschaftler und Dirigent seit 48 Jahren vor den großen und kleinen Orchestern der Welt. Er war Generalmusikdirektor in Weimar (ab 1981) und später in Wuppertal (1986 bis 1996). Gibt es Auftritte, die ihm besonders in Erinnerung geblieben sind? „Die erste Aufführung, die ich in der Bundesrepublik Deutschland dirigiert habe, war Beethovens „Fidelio“ - die Befreiungsoper“ , erinnert sich Peter Gülke, der von der Stasi bedrängt, im Jahr 1983 in die BRD übersiedelte.
Peter Gülke ist Herausgeber von Sinfonien Mozarts und Schuberts, musikwissenschaftlicher Schriftsteller, er leitete Orchester in Paris, Rom und Wien. In Cottbus ist er zum ersten Mal. Im Auftrag des deutschen Dirigentenforums zur Förderung des dirigentischen Nachwuchses unterrichtet er in dem Meisterkurs überdurchschnittlich begabte junge Frauen und Männer.
„Der Kontakt mit den Schülern ist auch für mich eine Bereicherung“ , sagt Gülke. „Das ist eine andere Generation mit anderen Fähigkeiten und Unfähigkeiten. Mit dem Taktwechsel bei rhythmischen Kniffligkeiten, beispielsweise bei Strawinski, gehen die jungen Leute souveräner um“ , nennt er eine Gabe der zukünftigen Orchesterleiter.
Für Eun Sun Kim, die vor sechs Monaten in das Dirigentenforum des Deutschen Musikrates aufgenommen wurde, ist es der zweite Kurs bei einem Meister. Bereits zum siebenten Mal kommt Johannes Klumpp in den Genuss. Seit zwei Jahren wird der Leiter des Akademischen Orchesters Freiburg durch das Forum gefördert. Nach der Südkoreanerin darf er die Cottbuser Musiker dirigieren.
Direkt ab dem Auftakt wiegt er seinen Körper mit den Läufen, in weit ausholenden Gesten zeigt er die Einsätze an. Etwas mehr Tempo und forte. Auch hier greift Peter Gülke ein, gibt Ratschläge - auch psychologische. „Kommunizieren Sie immer mit ihrem Orchester. Der Stromstoß muss bis in die hinteren Reihen gehen.“
Der Meisterdirigent ist während der Übungsstunden ständig in Bewegung. Kurz sitzt er auf einem Stuhl, schon springt er auf, steht hinter den Schülern an der Wand, neben ihnen auf dem Podest und auch zwischen den Musikern. „Dirigieren ist etwas Lebendiges und das Orchester ist ebenfalls ein lebendiger Organismus. Das ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen“ , verdeutlicht Gülke das Zusammenwirken von Dirigent und Orchester. „Es macht Spaߓ , sagt Johannes Klumpp nach der Probe. „Das Orchester ist sehr freundlich. Und es ist natürlich toll, von Peter Gülke mit seinem Wissen und seinen Erfahrungen lernen zu können.“ Auch die Cottbuser Musiker finden Gefallen an dem Kurs: „Die Arbeit mit anderen Dirigenten und ihren Herangehensweisen ist interessant. Und Peter Gülke hat eine sehr angenehme Art“ , sagt Trompeter Andreas Mütze.
Morgen zeigen die Nachwuchsdirigenten, wie sehr der Meister ihr Können verfeinert hat. Die Ukrainerin Oksana Lyniv, der Schweizer Simon Gaudenz, die Südkoreanerin Eun Sun Kim und der Deutsche Johannes Klumpp werden Werke von Schubert, Strawinski und Tschaikowski dirigieren. Was bei den Proben durch die gelegentlichen Einsätze Gülkes noch wie ein Dirigenten-Duo anmutet, wird der Nachwuchs morgen allein bewältigen. Wie das Konzert abläuft und wer welche Werke dirigiert, entscheidet Peter Gülke heute. Eins ist sicher: Alle vier werden zum dirigierenden Einsatz kommen.

Service Dirigenten im Konzert
 Morgen um 19.30 Uhr werden die Meisterschüler im Konservatorium Cottbus zeigen, was sie bei Peter Gülke gelernt haben. Das Philharmonische Orchester des Staatstheaters Cottbus spielt das Konzert in Es-Dur ( „Dumbarton Oaks“ ) von Igor Strawinski, die „Rokoko-Variationen“ von Peter Tschaikowski und die Sinfonie Nr. 4 c-Moll ( „Tragische“ ) von Franz Schubert.
Karten gibt es für 14 Euro, ermäßigt 10 Euro, telefonisch unter: 01803/ 44 03 44 (9 Cent/Min.).