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| 18:53 Uhr

Konzert in Cottbus
„Meine Liebe zum Swing war keine Rebellion“

Der Musiker Andrej Hermlin ist am 25. Oktober in der Cottbuser Stadthalle zu Gast.
Der Musiker Andrej Hermlin ist am 25. Oktober in der Cottbuser Stadthalle zu Gast. FOTO: picture alliance / dpa / Britta Pedersen
Cottbus. Mit seinem Swing Dance Orchestra gastiert Andrej Hermlin am 25. Oktober in der Cottbuser Stadthalle. Von Gunnar Leue

Andrej Hermlin frönt dem Swing seit 30 Jahren mit seinem Swing Dance Orchestra – aus dem in den 90er-Jahren eine fast 30 Musiker starke Big Band wurde. Am 25. Oktober gastiert er mit seinem Orchester in der Cottbuser Stadthalle.

Sie spielen mit Ihrem Orchester ein Best of Swing ganz nach dem Motto „It’s Ballroom Time“. Wann haben Sie die Musik das erste Mal gehört?

Hermlin Mit elf, denn ich war früh Swingfan. Die erste Glenn-Miller-Platte – aus der Jazz-Reihe von Amiga – habe ich von meiner Mutter bekommen, aber normalerweise hörte ich Swing von Kassetten, die ich selbst in meinem Kinderzimmer zu Hause auf SFB und Rias mit einer abenteuerlichen Konstruktion – bestehend aus einem sowjetischen Kofferradio, polnischen Mikrofon und einem DDR-Kassettenrekorder – aufgenommen hatte. Ich mochte Miller, jedoch nicht so sehr wie Benny Goodman oder Tommy Dorsey.

Warum nicht?

Hermlin Ich fand seine Musik ein bisschen kühl und steif, was vielleicht daran lag, dass nur Studioaufnahmen auf der LP waren. Die Miller-Band war ja live sehr viel besser – energetischer, freier und manchmal wilder. Ich habe mit der Zeit allerdings auch andere Aufnahmen von ihm gehört, die schwungvoller, expressiver, fröhlicher, jazziger sind. Viele kennen von ihm ja nur die Hits wie „Chattanooga Choo Choo“ oder „In the Mood“, und alle glauben, er hätte sie geschrieben. Dabei hat er nur ein bekanntes Stück selbst geschrieben: „Moonlight Serenade“. Auch die Arrangements sind nicht von ihm, sondern von Jerry Gray und anderen. Selbst den berühmten Miller-Sound mit der führenden Klarinette hat es schon vor ihm gegeben. Er ist nur von ihm perfektioniert worden.

Miller war ein cleverer Mann, der vor allem ein gutes Näschen hatte?

Hermlin Ich sage manchmal, er war der Dieter Bohlen der 30er-Jahre. Sehr erfolgreich, sehr geschickt, ein sehr guter Geschäftsmann, der Trends erspürte und ein Top-Gespür für Hits hatte. Es war auch seine Idee, Sänger und Sängerinnen zu engagieren, die zwar nicht die sensationellsten Musiker waren, aber dieses ,Typ von nebenan’-Image hatten. Eine Marion Hutton traf kaum einen Ton, aber das Publikum liebte sie als Wirbelwind auf der Bühne.

Womit die Miller-Band zu echten Popstars avancierte?

Hermlin Ja, aber Miller war keineswegs von Anbeginn erfolgreich. Seine erste Band hatte er wegen Misserfolgs aufgelöst. Der große Durchbruch kam 1939, da stieg er zur Nummer-eins-Band in Amerika auf. Glenn-Miller-Titel kamen quasi automatisch in unser Repertoire, als wir vor 18 Jahren mein Swing Dance Orchestra als Big Band neu gründeten. 2004 ergab es sich dann, dass uns die Glenn Miller Birthplace Society in Clarinda, dem Geburtsort von Glenn Miller, für ein großes Festival engagierte. Eine Riesensache für uns. Wir sind rübergeflogen und haben dort ein richtiges Miller-Programm aufgeführt, das viel Anklang fand.

Wie erklären Sie sich die konstante Swing-Beliebtheit seit dem Revival in den Neunzigern?

Hermlin Darüber denke ich oft nach. Natürlich hat diese Musik alle Ingredienzien für großen Erfolg: Melodien, die jeder nachsingen kann, toller Groove. Swing ist unglaublich elegant, aber gleichzeitig auch wild und verrückt, zudem nie langweilig, weil nicht immer das Gleiche wie Techno, Rock’n’Roll oder Tango. Und das ganze Drumherum, die Kleidung, die schönen Autos, der Art déco. Über allem schwebt ein bisschen Nostalgie. Dadurch ist kein Ende der Popularität abzusehen, was ich nicht für möglich gehalten hätte. Als das Revival in den Neunzigern begann, dachte ich noch, das muss ich schnell aufsaugen und genießen. Ich war so glücklich, dass es in meiner Lebenszeit passierte, denn für mich war Swing etwas Vergangenes, das nie wiederkommen würde. Aber auf einmal war alles wieder da und ich mittendrin.

Der Swing ist eine sehr massenwirksame Spielart des Jazz, ähnlich dem Dixieland, aus dem er teilweise hervorging. Sind Sie jemals beim Dresdner Dixieland-Festival aufgetreten?

Hermlin Vor einigen Jahren haben wir dort mal gespielt. Dixieland steht mir allemal näher als Free Jazz, mit dem ich überhaupt nichts anfangen kann. Der ist mir einfach total fremd, aber ich will nicht Polizist spielen, jeder soll machen, was er mag. Dixieland steht mir da eindeutig näher, weil er auf dem Oldtime Jazz der 20er-Jahre basiert, stilistisch sind viele Sachen im Dixieland allerdings nicht so mein Fall. Da bin ich vielleicht zu sehr Ästhet. Für mich muss eine Band elegant angezogen sein, gut frisiert und mit Eleganz spielen. Mit Jeans und Pullover auf die Bühne zu gehen, ist einfach nicht mein Ding.

In der DDR waren Sie allein schon mit Ihrem Aufzug, der sich an das Amerika der 30er- und 40er-Jahre anlehnte, ein Exot. Wurde man damit im Arbeiter-und-Bauer-Staat eigentlich schon als Rebell betrachtet?

Hermlin Nein. Manchmal sagen Westler ja, Swing war doch verboten in der DDR. Aber das ist Quatsch und zeugt nur von gravierendem Unwissen. Das Regime in der DDR schlug dann zu, wenn es gefährliche Texte vermutete. Meine Liebe zum Swing war keine Rebellion gegen mein Elternhaus oder gegen den Staat, sondern nur die Liebe zur Musik. Ab 1987 hatte ich mit meinem Swing Dance Orchestra Auftritte in Studentenclubs und selbst im Palast der Republik – sogar am 7. Oktober 1989 zum staatlichen Festakt des 40. Jahrestages der DDR, während draußen die Polizei gegen Demonstranten vorging.

Wie kamen Sie dazu?

Hermlin Der Auftritt war schon ein halbes Jahr vorher ausgemacht worden. Trotzdem wurde ich natürlich von meinen Freunden massiv attackiert, wie ich da nur spielen könne! Ich hatte allerdings den Plan, die einmalige Gelegenheit zu nutzen und eine Rede zu halten, was ich auch getan habe. Dazu muss man sagen, dass wir nicht im Hauptsaal, in dem der eigentliche Festakt stattfand, zusammen mit Künstlern wie Ludwig Güttler gespielt haben, sondern in einem kleineren Restaurantsaal, wo das Publikum jedoch auch aus verdienstvollen Arbeitern und Leuten des Zentralkomitees bestand.

Und was haben Sie den Ballgästen gesagt?

Hermlin Dass es kein Tag zum Feiern sei, sondern Anlass zu tiefster Nachdenklichkeit. Wenn nicht sofort Gorbatschowsche Reformen begännen, würden wir alle dieses Land verlieren. Daraufhin gab es von einer Hälfte des Publikums Beifall, die andere verließ den Saal. Am nächsten Tag liefen die Telefone heiß: Man wollte wissen, wer der antisozialistische Provokateur war. Der Band sollte die Spielerlaubnis entzogen werden. Dazu kam es allerdings nicht mehr. Nicht unserer Band, sondern der DDR wurde letztlich die Spielerlaubnis entzogen.

Spürten Sie an diesem Abend schon die Endzeitstimmung im Palast?

Hermlin Ich ging gegen 21 Uhr in den großen Saal, wo viele kleine und ein großer runder Tisch standen. Am großen Tisch saß ein einziger Mann: Erich Honecker. Während eine Tanzkapelle irgendwelche Schlager spielte, guckte er in die Ferne. Es war ein sehr symbolisches Bild. Leider hatte ich keinen Fotoapparat dabei.

Mit Andrej Hermlin
sprach Gunnar Leue