Eigentlich wollte er Schauspieler werden - damals in den Siebzigern, als lange Haare noch ein Symbol waren für Anderssein und Individualität. Als er mit wehender Mähne und mit 30 Kilo weniger unterm Parka im Cottbuser Jugendklub „forum k“ Texte von Villon las. Um sich dann doch für die Malerei zu entscheiden. „Nebenbei“ sind mit den Jahren viele eigene Gedichte entstanden, die ein verrücktes, aber doch geradliniges Leben widerspiegeln. Viel ist zu lesen über die Liebe, über den Hass, über den Verrat und die Eifersucht, oft auch, vielleicht zu oft, vom Tod. Über die schwarzen Frauen, die ihn nicht mehr losgelassen haben, von seiner großen Leidenschaft, die er nicht versteckt. Sissi Prinzessin Saires du / stolzer Abendschatten / kindliche Madonna mit / den großen ungeküssten / Auberginenlippen.
„Engel sind gelegentlich schwarz“ , sagt er. Eine Liebe, ein Hingezogensein, das er irgendwann das erste Mal in einem Cottbuser Café spürte, als eine afrikanische Schöne vorüberging. Afrika, der mehrdeutig dunkle Kontinent, ist Scheuereckers große Obsession und die Geheimnisse, die die Frauen mitbringen, bleiben Geheimnisse: Wenn du um Hilfe schreist /vor Morgenglück, dann ist es Zeit / deine Mom nach deinem ersten / Freund zu fragen / und warum sie ihn erschlugen / die Mutter sagte, er wusste viel / zu viel von einem kleinen Mädchen / DEr schwarzen Königin.
Scheuerecker ist jetzt 55, ein Alter, in dem man noch nicht zurückblickt, sich aber fragt, was bleiben könnte. Produktive Jahre waren es, in denen er sich rieb am Staat und an den morschen Fassaden der DDR. Wo er anerkannt war in einer eher kleinen, aber kritischen Kommune und wo ihn auch der Westen mochte als malenden Widerständler in seiner ab-strakten Form. Doch die Mauer fiel und das Interesse der Westgaleristen erlosch. Die allgemein gültige Praxis holte ihn ein, ein Ostmaler wurde über Nacht zum Konkurrenten. Nun steht das Œvre / kalt und klar / in meinem Atelier / als wäre ich / der Maler dieser bunten / Welt / Doch du wirst es / merken / Freundin mit den roten Lippen / dass ich der Täuscher bin / ein Neger, gar ein Ignorant.
Vorbei wohl die Zeit, als sich die Freundesschar mit ihrem langhaarigen Außenseiter schmückte. Lange vorbei auch der Moment, als er sich entschloss, nicht weiter zu lesen in den Aktenbergen der Stasi, in denen bis zum Jahre 1980 über 2500 Seiten über ihn aufgehäuft waren - von 37 IM zusammengetragen. „Ich kann mich mit einem Thema nicht zweimal auseinandersetzen“ , so Scheuerecker, „das ist es nicht wert.“
Warum er nicht weggegangen ist damals, einen Ausreiseantrag gestellt hat wie viele andere? „Aus Bockigkeit“ , sagt Scheuerecker. „Ich wollte nicht!“ Da hatte er bei einigen Westreisen schon den bürgerlichen Galeriebetrieb kennengelernt. Die Welt der Vernissagen zwischen Schnittchen und Prosecco. Den schwer verdienten Rotwein teilt er nun lieber mit guten Freunden und starken Frauen, die aus der großen Zeit geblieben sind. Das alte Bürgerhaus nahe der Cottbuser City steht an diesem Novemberabend kühl und leer, einer Trutzburg gleich, die Schutz bietet gegen Ignoranz und die falschen Freunde.
„Ich schraub' mein Leben auf null“ , sagt Scheuerecker und es klingt fast wie ein neuer Anfang. Doch das geht natürlich nicht, wenn man einer der ausdrucksstärksten Maler der ostdeutschen Avantgarde ist, Hunderte Bilder verkauft (und verschenkt) hat. Wenn die Bilder in Banken und Sparkassen hängen, in Nobelrestaurants und in den privaten Gemächern der spärlich gesäten Lausitzer Geldgesellschaft.
Und die Gelassenheit hat, zuzusehen, wie sich manch eifriger Schüler müht, aus dem Schatten des Lehrers herauszutreten. Am ende pendle / ich ganz unentschlossen / zwischen allen / Stühlen / dem blatte gleich / das sich dem Herbstwind / beugt / und zwischen all den / ehrlichen gefühle / adieu sagt / und / ich habe nichts bereut schreibt er in dem Gedicht „Abgesang“ .
Wer Schwierigkeiten mit Scheuereckers Bildern hat, findet vielleicht leichteren Zugang über seine Gedichte. In beiden ist er präzise, fast akkurat. „Die Sprache muss klar sein wie der Pinselstrich“ , sagt er in die große Küche hinein beim letzten Rotwein. Seine Vorbilder sind noch immer Villon, Brecht, die Gedichte von Klaus Kinski oder Wolf Wondratscheck.
Und das Schicksal schont ihn nicht. In einer der wütendwilden Nächte, in denen Malen und Schreiben zu einem kreativen Kraftakt werden, erreicht ihn die Nachricht vom plötzlichen Herztod der jungen Geliebten. Er schreibt:

Wir hatten einen guten
Winter
das Beste starb
einfach so
zwischen acht und zehn
mit zweiundzwanzig

mehr Winter geht nicht

Eine CD mit ausgewählten Gedichten ist in Arbeit, die Freunde von der Band Sandow, mit denen er schon fast seit 25 Jahren zusammenarbeitet, haben die Musik dazu gemacht. Es fehlt noch der letzte Schliff im Studio und es fehlt natürlich die Vermarktung.
So kann es dann noch eine Weile dauern, bis die CD zu haben ist. Denn Vermarktung ist Scheuer-eckers Sache nicht.