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| 15:18 Uhr

Brandenburg liest
Sommernacht – schwebend, spannend, skurril

Cottbus. Mehr als 170 Zuhörer aus nah und fern vergnügen sich beim Literaturmarathon „Brandenburg liest“ in Branitz. Von Ida Kretzschmar

Diese Sommernacht hat es in sich. Während auf dem Altmarkt bei der ersten Cottbuser Walzernacht die Lausitzer in einen Schwebezustand versetzt werden, schweben am Freitag beim ersten Literaturmarathon auf Gut Branitz Worte durch die Luft.

Katarzyna Zorn und Hendrik Röder vom Brandenburgischen Literaturbüro, das gemeinsam mit der RUNDSCHAU zu dieser literarischen Nacht eingeladen hat, begrüßen Autoren, die ihren Lebensmittelpunkt im Land Brandenburg gefunden haben. „Brandenburg liest“, so das Motto des langen Abends, zu dem mehr als 170 Bücherfreunde aus nah und fern in den Kongresssaal gekommen sind.

Gleich zu Beginn liest die jüngste Autorin aus ihrem noch unvollendeten Roman „Zwillinge“. Es geht um zwei Brüder, die einander fremd geworden sind, ihre enge Bindung verloren haben. „Das Thema Verlust interessiert mich“, sagt die 22-Jährige, die eine Konditorlehre in Luckau absolviert. In ihrer Freizeit aber lässt Paula Amelie Carstensen beim Schreiben ihrer Kreativität freien Lauf.

Julia Schoch ist die Zweite im literarischen Reigen. Sie gibt Einblick in ihren im Winter erschienenen Roman „Schöne Seelen und Komplizen“. Die aus Bad Saarow stammende Schriftstellerin wirft einen unsentimentalen Blick auf die Schule, auf Vergangenes und Gegenwärtiges und provoziert mit ihrem direkten, wahrhaftigen, liebevoll-spitzen Ton zustimmendes Kichern und Nachdenklichkeit im Saal.

Auch John von Düffel, der in der Region längst kein Unbekannter ist, stellt er doch immer sein neuestes Buch in der Burger „Bleiche“ vor, packt das Thema Schule an und schlägt das „Klassenbuch“ auf. Ein literarisches Häppchen, das Appetit macht auf mehr und vor allem auch viele junge Leute anspricht, die hier in weitaus größerer Zahl vertreten sind als gewöhnlich bei Leseabenden.

Zur Primetime aber ist er endlich an der Reihe. Cindy Pohl (27) und Dino Lehmann aus Forst bekennen: „Eigentlich sind wir vor allem wegen Rainald Grebe gekommen.“ Zwei Mittfünfziger sind deshalb sogar extra aus Doberlug-Kirchhain angereist. Auch Dresdner und Lübbener sind voller Spannung, als Grebe gemeinsam mit der Schauspielerin Tilla Kratochwil nun Auszüge aus den (immerhin 1500 Seiten langen) „Ehebriefen von Theodor und Emilie Fontane“ zum besten gibt. Keine schwere Kost, leicht verdaulich an diesem lauen Sommerabend. Und doch: Diese Briefe zwischen Liebesgeflüster und Zürnen lassen tief blicken. Der berühmte brandenburgische Schriftsteller, dessen 200. Geburtstag im nächsten Jahr gefeiert wird, war eben auch nur ein Mann.

Noch ein anderer erweist sich hier als Magnet – der Soko-Leipzig TV-Kommissar Steffen Schroeder. „Wie er die Begegnung mit einem Mörder“ beschrieben hat, war total spannend. „Auf einmal war ich hellwach. Habe ihn förmlich vor mir gesehen“, kommentiert Monty Muth aus Cottbus. Gemeinsam mit seiner Freundin Lydia Hoppe hat er gleich vor Ort ein Buch gekauft und es sich von dem prominenten Schauspieler signieren lassen. Auch die zwei Lübbener Kathrin Ellenrieder und Thomas Papp hat vor allem diese Enthüllung „Was alles in einem Menschen steckt“ angezogen.

Doch es lohnt sich, weiter auszuharren. Zur blauen Stunde lässt Antje Rávic Strubel die „blaue Frau“ aus ihrem noch im Werden befindlichen Roman durch den Raum schweben. Kurz vor Mitternacht weckt dann noch einmal Sven Stricker mit „Mensch, Rüdiger!“ die Lebensgeister. Seine zwei potenziellen Selbstmörder, die nebeneinander auf einer Brücke sitzen, sind einfach zum Totlachen.

Ein Lesemarathon, der nicht nur literarische Leckerbissen bereit hält. In den Pausen gibt es auch kulinarische. Mit Jazz und Popsongs tauchen zudem Christiane Altmann vom Cottbuser Konservatorium und ihre Schüler Eva und David Harlander sowie Konrad Klemba diesen Abend in Musik. Und wer davon nicht genug bekommen kann, für einen letzten Walzer kommt man gerade noch zurecht...