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Interview
Vom Wunschkonzert zum perfekten Moment

Freihändig, im Anzug auf dem Rad. Max Raabe unterwegs in Berlin.
Freihändig, im Anzug auf dem Rad. Max Raabe unterwegs in Berlin. FOTO: Marcus Höhn / DeutscheGrammophon
Cottbus. Max Raabe hat mit seinem Palastorchester am 14. Dezember in der Cottbuser Stadthalle gastiert und das Publikum begeistert. Für das RUNDSCHAU-Veranstaltungsmagazin Lautix hat Nils Consius mit dem außergewöhnlichen Künstler über seine Musik gesprochen und wie er seine Zeit verbringt, wenn er gerade nicht auf Tour ist. Nils Consius

Herr Raabe, das Jahr 2017 geht zur Neige: Seit 31 Jahren gibt es das Palast-Orchester, 28 Jahre sind seit dem Fall der Berliner Mauer vergangen und – für Sie gewiss ein besonderes Jubiläum – seit 1992, einem Vierteljahrhundert, liebt und bejubelt sie das Publikum für „Kein Schwein ruft mich an“. Beginnen wir gleich damit: Wie kam Ihnen die Idee zu diesem Evergreen und welche Bedeutung hat er für Sie heute?

Max Raabe: Das war ganz unspektakulär, eher zufällig, ein Spaß. Ich kam nach Hause und mein Anrufbeantworter blinkte. Auf dem Display stand: „Null“. In einem Rutsch hatte ich die Textzeilen und eine Melodie im Kopf und beides notiert. Und heute? Nun, vor „Kein Schwein ruft mich an“ waren wir, als Berliner Studenten und Palast-Orchester, so etwas wie Lokalmatadore oder ein Geheimtipp, und auch völlig zufrieden damit. Nach diesem Stück wurden wir dann auch schnell außerhalb Berlins bekannt – und das ist zum Glück noch heute so.

Vor zwei Wochen jährte sich der Fall der Berliner Mauer zum 28. Mal. Wie haben Sie, als Wahlberliner, das historische Ereignis vom 9. November 1989 erlebt? Erinnern Sie sich noch daran?

Raabe: Natürlich, erinnere ich mich daran – wer tut das nicht? Das war auch für mich eine sehr aufregende Nacht. Ich war ja zu dieser Zeit noch Student, habe das Opernfach studiert, und wir hatten an der Hochschule Premiere einer Hans Werner Henze-Oper an diesem Tag: „Das Ende einer Welt“. Wie passend, nicht wahr?! Nach der Aufführung sagten die Leute: „Habt Ihr schon gehört, die Mauer ist offen“ und ich meinte noch: „Nun macht mal keine Witze“. Aber dann bestätigte sich schnell, dass es wirklich so war. Also haben wir noch ein bisschen die gelungene Premiere gefeiert und uns dann auf den Weg gemacht. Erst zum Brandenburger Tor und später noch zum Checkpoint Charly.

Über die Musik der zwanziger und dreißiger Jahre sagten Sie einmal, sie sollte damals wie heute die Realität für einige Takte ausblenden. Wie viel vom Lebensgefühl und der Vorliebe für die Musik und Mode jener Zeit steckt bei Max Raabe privat im Kleiderschrank, Freundeskreis oder in der Wohnung?

Raabe: Also tatsächlich ist diese Musik damals geschrieben worden, um die Menschen in den Filmen, in den Revuen oder abends beim Tanzen aus ihrer Realität zu reißen. Und ich finde, dass funktioniert auch heute noch – soll es auch. Die Stücke sind so stark, die Texte so mitreißend, charmant oder auch ironisch verfasst, dass man sich voll und ganz darauf konzentrieren mag und darin vertiefen kann. Ich persönlich lebe ganz klar im Heute, im Hier und Jetzt. Vielleicht habe ich eine gewisse Haltung zu bestimmten Dingen, die ich als „gehobene, europäische Mittelklasse“ bezeichnen würde. Privat kleide ich mich nicht im Stil der Zwanziger oder Dreißiger. Man wird mich aber auch nie beim Besuch einer Oper im Kapuzenpulli antreffen. Ich finde es aber völlig okay, wenn da neben mir jemand im Kapuzenpulli sitzt, der dieses Musik ebenso mag, versteht und sie – wie ich – einfach genießt. Das ist mir weitaus wichtiger, als jeder Dresscode.

Also sind moderne Erfindungen wie Geschirrspüler oder Smartphone für Max Raabe auch kein Tabu?

Raabe: Absolut nicht! Das Smartphone vor allem, weil man damit wunderbare Fotos machen kann, und ich nicht immer und überall mit einem riesigen Fotoapparat um den Bauch herumhängend durch die Gegend laufen muss. Aber ich lasse es auch gerne mal liegen, weil… na sagen wir: Weil ich ein recht entspanntes Verhältnis der modernen Technik gegenüber habe (lacht).

Mit welcher bekannten Musikgröße würden Sie gerne mal gemeinsam ins Studio gehen?

Raabe: Hm, da habe ich, ehrlich gesagt, gar keine konkreten Wünsche oder Pläne. So etwas passiert bei mir spontan. Bislang hat auch noch keiner der Kollegen vom Palast-Orchester zu mir gesagt: „Ruf doch mal Lady Gaga an, ob sie bei diesem Titel mitmachen will“ oder so. Andererseits gibt es aber auch schon eine Reihe von Duetten, die ich gesungen habe. Ich teile mir durchaus gern den Platz auf der Bühne mit anderen Kollegen, aber den brennenden Ehrgeiz, mit einer bestimmten Person unbedingt gemeinsam musizieren zu wollen, habe ich nicht.

Was macht Max Raabe gerne, wenn er nicht gerade auf Tour, im Studio oder beim Proben ist?

Raabe: Ach, da bin ich ganz gut dafür, einfach mal nichts zu tun. Zuhause erhole mich und denke möglichst an gar nichts, lese ein Buch oder treffe mich mit Freunden. Meine Freunde sind mir wichtig, deshalb melde ich mich auch immer bei ihnen, wenn ich ein paar Tage frei habe. Und wenn dann jemand sagt: „Okay, ich koche was, komm rum“, dann freue ich mich und bin sofort dabei.

Das Cottbuser Konzert am 14. Dezember markiert fast die Ziellinie der „Das hat mir gerade noch gefehlt“–Tournee. Inzwischen ist Ende Oktober Ihr neues Album erschienen: „Der perfekte Moment... wird heut verpennt". Damit geht es für Sie schon im Januar wieder auf Tour. Was gibt es zur neuen Platte zu sagen?

Raabe: Nun zuerst, dass ich es Annette Humpe verdanke, mich mit den Musikern von Rosenstolz und bald darauf auch mit Achim Hagemann, den langjährigen, musikalischen Begleiter von Hape Kerkeling, zusammengefunden zu haben. Da gab es keinen großen, intellektuellen Startschuss oder Hintergedanken. Das hat sich einfach so gefügt. Ich hatte bis dahin meine Lieder immer komplett selbst geschrieben. Das Arbeiten mit Annette und Co. hat mir aber so viel Spaß gemacht, dass ich jetzt gar keine Lust mehr verspüre, alles alleine zu machen. Man kommt einfach viel weiter und auf ganz andere Ideen, wenn man sich mit anderen Künstlern austauscht. Verblüffend war, als wir meine Musik der letzten drei Jahrzehnte quasi als Ganzes am Stück durchgehört haben, dass das alles plötzlich wie ein großer, in sich geschlossener Kreis oder Zyklus auf mich wirkte. Das war mir vorher so noch gar nicht bewusst! Eine tolle Erfahrung, dass wir, so unterschiedlich jeder Einzelne für sich ist, so wunderbar zueinander passten und miteinander arbeiten konnten. Heraus kam „Der perfekte Moment“ und das Ergebnis gefällt mir persönlich sehr gut. Ich lobe mich wirklich nur ungern selbst, aber in diesem Fall sei es mir erlaubt (lacht).

Bekommen die Konzertbesucher in der Stadthalle Cottbus darauf schon einen kleinen Vorgeschmack oder erscheinen die neuen Stücke exklusiv erst auf den Set-Listen der nächsten Tour?

Raabe: Weil wir selbst total neugierig und gespannt sind, wie die neuen Stücke beim Publikum ankommen, proben wir schon ganz fleißig, um in Cottbus bereits zwei oder drei der neuen Nummern ins Programm mit einbauen zu können.

Ihr aktuelles Programm „Das hat mir gerade noch gefehlt“ wird als waschechtes Wunschkonzert gehandelt – ist das richtig, und wenn ja, wie kam es dazu?

Raabe: Mich haben bei unseren Auftritten immer wieder Besucher gefragt, ob wir nicht mal wieder dieses oder jenes Lied spielen könnten. Dadurch erinnert man sich an Titel, die früher zum festen Repertoire gehörten, dann aber im Laufe der Zeit irgendwie in der Versenkung verschwunden sind. Da fand ich die Idee eines Wunschkonzerts sehr spannend. Unsere Fans hatten die Möglichkeit, aus rund 600 Stücken ihre Lieblingslieder auszuwählen. Die beliebtesten Titel kamen dann ins Konzertprogramm für „Das hat mir gerade noch gefehlt“. Dabei gab es einige Wünsche, dich mich total überrascht haben, wie „La Mer“ von Charles Trénet, zum Beispiel. Obwohl wir diese Nummer in Deutschland nie live vor Publikum gespielt hatten, stand „La Mer“ letztlich auf Platz eins der Liste! Ich persönlich bezeichne das Programm deshalb gerne auch als das Wiederentdecken verschollener Schätze. Und dabei hat es mich, ehrlich gesagt, nicht sonderlich überrascht, dass wir erstmals seit 15 Tournee-Jahren ausgerechnet „Kein Schwein ruft mich an“ diesmal nicht auf dem Programmzettel haben.