Jens Klaus Wilde spielt den Jägerburschen Max. Der ist glücklich verliebt in und verlobt mit Agathe, der Tochter des Erbförsters, dessen Nachfolger er einmal werden soll. So wäre alles in Butter, wenn nicht der Hase im Pfeffer wäre: Es gibt einen Brauch, der besagt, dass alle Pläne und Abmachungen hinfällig werden, wenn ein Kandidat bei dem rituellen Probeschuss danebentrifft. Max, immer ein sicherer Schütze, trifft aber seit einiger Zeit nicht mehr. Statt Schützenkronen erntet er Spott. Max ist in Nöten. Was tun„
Menschen, Operngestalten, die vor dieser Frage stehen, Wege suchen, finden und manchmal verfehlen, Menschen mit Problemen, verwickelt in komplizierte Situationen und geprägt von tiefen Konflikten, die mag Jens Klaus Wilde, der 2002 mit dem Max-Grünebaum-Preis ausgezeichnet wurde. Man muss sich nur mal in Erinnerung rufen, welche Partien der 1966 in Borna Geborene allein in neun Jahren Cottbus schon gesungen und gespielt hat: den Zarewitsch, den Don José (Carmen), Riccardo (Un ballo in maschera), den jungen Faust (Gounods „Faust“ ), Cavaradossi (Tosca), den Herzog von Mantua (Rigoletto), Don Alvaro (Macht des Schicksals), Rodolfo (La Bohème) und vor wenigen Tagen zur Wiedereröffnung des rekonstruierten Großen Hauses den Franz in den „Rheinnixen“ .

Rolle mit psychologischem Tiefgang
Und nun der Max. Wilde spielt diese Partie zum dritten Mal. Wie auch Wolfgang Lachnitt die Oper zum dritten Mal inszeniert (1982, 1992, 2007). Eine Rolle, wie Wilde sagt, mit psychologischem Tiefgang: „Dieser Max ist zwiegespalten. Da winkt das persönliche Glück an der Seite Agathes, droht aber, ihm gleich wieder zu entgleiten, weil das Brauchtum auf das Unglück zuzulaufen scheint. Er steht als Verlierer da und braucht, um Gewinner zu werden, seine Chance.“
Es bemächtigen sich Zweifel, Ängste und Schmerzen des jungen Mannes ( „Nein, länger trag ich nicht die Qualen“ und „Durch die Wälder, durch die Auen“ ). Wer war noch nicht in solch einer Situation, die Entscheidungen abverlangt“ Wer griffe nicht nach einem Strohhalm, wenn weit und breit kein Rettungsboot in Sicht„ Nichts anderes tut Max, als ihn der finstere Kaspar umgarnt. Der hat eine Rechnung mit Agathe offen, die ihn abgewiesen hat. Außerdem hat er sein Leben Samiel, dem schwarzen Jäger, verpfändet. Ausgerechnet auf diesen Kaspar muss Max seine Hoffnungen setzen. Der verspricht Max „geheime Kräfte der Natur“ , die seine Kugel lenken werden. Was für eine Verlockung! Und was für eine Umgebung, in der diese Gestalt annimmt: In der Wolfsschlucht werden die Kugeln gegossen. Samiel, der geheimnisvolle schwarze Jäger, ist dabei. Kaspar will sich von seinem Bann befreien und ihn auf Max übertragen.
Das verspricht den Zuschauern wohl knisternde Spannung und eindrucksvolle Bilder. Darauf setzt Regisseur Wolfgang Lachnitt. Seine Inszenierung der Lortzing-Oper „Zar und Zimmermann“ , im Frühjahr in der Interims-Spielstätte des Theaters aufgeführt, ist heute noch in aller Munde.
„,Der Freischütz' ist ein großes atmosphärisches Stück“ , sagt Wolfgang Lachnitt. „Die Kostüme von Nicole Lorenz und das Bühnenbild von Bernd Franke lassen, ohne sich mit einer 1:1-Umsetzung zu quälen, die Zeit kurz nach Ende des Dreißigjährigen Krieges (1618 - 1648) erkennen. Es geht wieder darum, die Geschichte mit greifbaren Bildern zu erzählen, die Erstaunen und Überraschung auslösen. Eine offene Bühne lässt die Verwandlung der Außen- und Innenwelt miterleben.“ Ohne Einzelheiten zu verraten, weckt Wolfgang Lachnitt große Neugier vor allem auf die Wolfsschlucht.
Es deutet sich eine Atmosphäre an, in der sich Künstler wie Jens Klaus Wilde wohlfühlen und entfalten können. Sagt dieser doch von sich, ein „singender Darsteller“ zu sein: „Ich stelle dar, setze Handlung um, spiele, zeige die Entwicklung von Charakteren - bis zu dem Punkt, wo man nur noch singen kann; denn sanglicher Ausdruck kann mehr als Sprache vermitteln. Darstellen und Singen sind für mich immer gleichrangig. Oper, das ist Singen und Spielen zugleich. Sie vermittelt sowohl Musik- als auch Theatererlebnis“ , sagt Jens Klaus Wilde.
So wird denn auch das Ende der Geschichte, wenn Max seine verhängnisvolle siebte Kugel abfeuert, die von Samiel gelenkt und niederträchtig geleitet wird, dramatisch sein. Auch wenn viele die Oper „Der Freischütz“ kennen, sei den anderen das Ende nicht vorweggenommen.
Max ist jedenfalls noch unglücklicher als zuvor. Was ist mit Agathe“ Was ist mit Kaspar„ Was da im Überschwang der Ereignisse geschieht, berührt sehr. Genau das will Lachnitt: „Wir wollen auch mit diesem Stück, das so unendlich große Qualitäten aus der Menschengeschichte besitzt, betroffen machen. Cottbus hat ein großartiges Ensemble mit hervorragenden Sängern und Darstellern. Da muss das ganz einfach gelingen.“

Was heißt es, Mensch zu sein“
Betroffenheit bringt Nachdenken mit sich. Die Inszenierung wird viel Stoff dafür geben: „Eine Kraft in dieser Oper ist das Volk und sind die Charaktere, die aus ihm hervorgegangen sind. Wie es unüberhörbar Stellung bezieht, wird im ersten und letzten Bild personifiziert sichtbar. Eine weitere Botschaft antwortet uns, wenn die Frage aufgeworfen wird: Was ist das denn, das Menschsein„ Eine Antwort darauf lautet: Jeder ist für sein Schicksal an jedem Tag von Neuem verantwortlich. Aber er hat dieses Schicksal auch in der eigenen Hand.“
Doch er muss auch etwas tun dafür. So sieht es Jens Klaus Wilde: „Ich bin froh, den Max ohne die Larmoyanz geben zu können, die dieser Figur in vielen Inszenierungen aufgepflanzt wird. Max steht zu seinem Fehltritt. Seine Einstellung: ,Ich habe das gemacht. Ich habe gewusst, was daraus entstehen kann. Jetzt werde ich mich der Strafe stellen.' Das finde ich toll; denn wer steht heute schon zu seinen Fehlern““
Hier wird Aktualität hörbar, obwohl es keinen Versuch gibt, diese Oper in das Heute zu ziehen. Der Max-Darsteller mag aktuellen Zeitbezug nur, „wenn er mit Feingefühl, Schmackes, Verstand und Herz hergestellt wird. Nicht wir auf der Bühne, sondern unsere Zuschauer sollen sagen: ,Oh, das gibt es doch heute auch noch.'“
Möge sich auf die Zuschauer übertragen, was Regisseur und Max-Darsteller empfunden haben. Lachnitt sagt: „Mich hat das Stück emotional noch nie so ergriffen wie jetzt beim dritten Mal.“
Jens Klaus Wilde stellt fest: „Noch nie habe ich erlebt, dass die Psyche des Max so ausgelotet wurde wie in dieser neuen Cottbuser Inszenierung.“

Ein Zeitgenosse „Jungfernkranz“ war 1821 ein Mega-Hit
 Haben Sie noch nicht Maria von Webers „Freischütz“ gehört„ Nein“ Unglücklicher Mann! Aber haben Sie nicht wenigstens aus dieser Oper das „Lied der Brautjungfern“ oder kurzweg den „Jungfernkranz“ gehört„ Nein“ Glücklicher Mann! Wenn Sie vom Hallischen bis zum Oranienburger Tor gehen, hören Sie jetzt immer und ewig dieselbe Melodie, das Lied aller Lieder: den „Jungfernkranz“ . . . Bin ich noch so guter Laune des Morgens aufgestanden, so wird sich gleich alle meine Heiterkeit fortgeärgert, wenn schon früh die Schuljugend, den „Jungfernkranz“ zwitschernd, bei meinem Fenster vorbeizieht. Es dauert keine Stunde, und die Tochter meiner Wirtin steht auf mit ihrem „Jungfernkranz“ . Ich höre meinen Barbier den „Jungfernkranz“ die Treppe heraufsingen.

Heinrich Heine in seinen „Briefen aus Berlin“ am 16. März 1822