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| 18:12 Uhr

Der Intendant am Ende der Spielzeit
Hofft auf „Wiederverzauberung des Theaters“

Abschiedsstimmung: Martin Schüler hat 83 Werke in Cottbus inszeniert. Als Intendant setzte er gern auf Mehrspartenprojekte.
Abschiedsstimmung: Martin Schüler hat 83 Werke in Cottbus inszeniert. Als Intendant setzte er gern auf Mehrspartenprojekte. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Heute endet die Spielzeit am Staatstheater Cottbus – und die Intendanz von Martin Schüler. Als Operndirektor inszenierte er 83 Werke. Von Ida Kretzschmar

Für einen rauschenden Abschied von der Spielzeit sorgt heute Abend die „Csárdásfürstin“ am Staatstheater Cottbus. Eher leise verlässt nach 27 Jahren Martin Schüler die Bühne. Wie angekündigt räumt der Intendant und Operndirektor seinen Chefsessel. Eigentlich lief sein Vertrag bis ins Jahr 2024. Nach den Querelen um den Führungsstil des Generalmusikdirektors hatte Martin Schüler, der am Mittwoch seinen 60. Geburtstag feiert, selbst seinen Rücktritt von all seinen Ämtern angeboten.

Damit übernimmt er die Verantwortung für die Theaterkrise, um den Weg freizumachen für einen Neuanfang. Ein Schritt, der vielen Respekt abverlangt. Der Förderverein des Staatstheaters wollte ihn nicht gehen lassen, verwies darauf, dass er für „herausragende Leistungen des gesamten Ensembles gesorgt hat, beim Publikum beliebt und anerkannt ist, Sänger zu besonderer Reife führte, uns unvergessliche Inszenierungen bescherte.“

Martin Schüler, am 11. Juli vor 60 Jahren in Finsterwalde geboren, bleibt bei seiner Entscheidung, gerade, weil ihm die künstlerisch erfüllende Zeit in Cottbus sehr viel bedeutet: „Es war für mich als Theatermacher wunderbar, nach Arbeiten an Opernhäusern in der Welt so viele Jahre verantwortlich in der Heimat wirken zu können. Noch dazu im schönsten Jugendstiltheater Deutschlands. Ich bin gern zur Arbeit gegangen“, bekennt er.

Mehrspartenprojekte: Eine Nacht in Venedig wurde für viele Zuschauer zum Vergnügen. Alle Sparten des Hauses waren daran beteiligt.
Mehrspartenprojekte: Eine Nacht in Venedig wurde für viele Zuschauer zum Vergnügen. Alle Sparten des Hauses waren daran beteiligt. FOTO: Marlies Kross

Seit 1991 war er Operndirektor am Staatstheater. Hier erarbeitete er als Regisseur 83 Werke. Sein Name gilt als Garant für ein aufregendes, spielerisch-intensives, oft auch lebenspralles Musiktheater, das weit über die Grenzen der Lausitz Beachtung gefunden hat. Überregionale Wertschätzung erwarb sich das Cottbuser Opernensemble unter anderem mit semiszenischen Inszenierungen wie Offenbachs „Rheinnixen“. So war es dem Wagner-Verehrer Schüler auch möglich, den viel beachteten „Ring des Nibelungen“ über zehn Jahre hinweg auf die Cottbuser Bühne zu bringen. „Ich konnte ein Sängerensemble so fördern und formen, dass es die schwierigsten Werke auf hohem Niveau bewältigte“, freut er sich. Wichtig ist ihm, dass sowohl eingefleischte Opernfreunde wie auch Schulklassen ihren Spaß dabei haben. Die Trefferquote war hoch. „Die Auslastung der Sparte Oper lag Ende Mai bei 80 Prozent. Begonnen hatte ich nach der Wende mit 52,8 Prozent“, betont der scheidende Operndirektor.

Dem Intendanten bereitete besonderes Vergnügen, wenn das Theater seine angestammten Spielstätten verließ. Dazu gehören die Sommerspektakel im Kasernenhof, vor allem aber die Spielplanpräsentationen in Pücklers Park, „Fidelio“ im Zuchthaus und sieben Theaterfeste im Großen Haus. „Eine Herzensangelegenheit waren mir die Begegnungen mit den Stifterfamilien der Max Grünebaum-Stiftung und die jährlichen Preisverleihungen“, hebt Martin Schüler hervor.

Einstand: Mit Hoffmanns Erzählungen (1993) eroberte Schüler die Lausitz.
Einstand: Mit Hoffmanns Erzählungen (1993) eroberte Schüler die Lausitz. FOTO: Marlies Kross

Zu den schwierigsten Kapiteln dieser Jahre zählt er den Schritt in die Kulturstiftung 2004: „Die Mitarbeiter mussten davon überzeugt werden, dass die Stiftung ein Erfolgsmodell für die Zukunft des Theaters ist. Fast alle dachten, dass man sie abwickeln will. Das Gegenteil ist der Fall: Inzwischen ist die Brandenburgische Kulturstiftung Garant für das finanzielle Überleben des Staatstheaters und des Landesmuseums“, ist Martin Schüler überzeugt. „Dass es das Staatstheater noch gibt, dass es als Drei-Sparten-Haus geführt wird und dass es künstlerisch einen ausgezeichneten Ruf in Deutschland genießt, das ist wohl das Beste, was ich – gemeinsam mit allen Künstlern und Mitarbeitern – erreicht habe“, erklärt er auf Nachfrage.

In seiner Ära hat sich das Staatstheater Cottbus der besonderen Idee verschrieben, die Qualitäten aller Sparten zusammenzuführen und Mehrspartenprojekte mit Oper, Schauspiel und Orchester zur Aufführung zu bringen. „Das kleine Ballett haben wir nicht nur am Leben erhalten, sondern dabei unterstützt, über sich hinauszuwachsen. Das Schauspiel, das neun Jahre mit vielen besonderen Projekten unter der Leitung Mario Holetzecks aufwartete, ist nun unter Jo Fabian unterwegs zu neuen Ufern.“

Abschiedsvorstellung: „Macbeth“ war seine letzte Inszenierung als Operndirektor. Für ihn ein Höhepunkt der Chorarbeit: „Die Damen des Opern- und des Extrachors sind grandios.“
Abschiedsvorstellung: „Macbeth“ war seine letzte Inszenierung als Operndirektor. Für ihn ein Höhepunkt der Chorarbeit: „Die Damen des Opern- und des Extrachors sind grandios.“ FOTO: Martin Müller

Martin Schüler pflegt eine altmodische Angewohnheit. Er sammelt seine Arbeiten in Karteikarten. Seine letzte Oper am Staatstheater „Macbeth“ war seine 115. Inszenierung, die 83. in Cottbus – umjubelt von den Zuschauern, perfekt auf die Bühne gebracht – und doch umwölkt von den Zerwürfnissen hinter den Kulissen. „Ich bedaure, dass es mir im letzten Jahr nicht mehr gelang, die Arbeitsbedingungen am Theater durchgängig so zu gestalten, dass für jeden ein freies und lustvolles Arbeiten möglich war. Dass ich nun die exzellenten Musiker und Sänger nur noch vom Zuschauerraum aus erleben kann, ist für mich nach all den erfolgreichen Jahren persönlich ein großer Verlust“, gesteht er. Eine Sabbatzeit voller Ungewissheiten steht vor ihm.

Wird er dennoch im nächsten Jahr die Oper „Effi Briest“ in Cottbus inszenieren? Nicht zuletzt rechnet Komponist Siegfried Matthus fest mit diesem Regisseur. Die Oper ist und bleibt Martin Schülers Leidenschaft. Seine große Hoffnung: „Die Wiederverzauberung des Theaters!“

Aufbruchstimmung: Im Jahr 1991 wurde Martin Schüler als Operndirektor in Cottbus engagiert.
Aufbruchstimmung: Im Jahr 1991 wurde Martin Schüler als Operndirektor in Cottbus engagiert. FOTO: Marlies Kross
Glanzstück: Elektra (2015) mit Gesine Forberger in der Titelrolle hält der scheidende Operndirektor für seine beste Inszenierung überhaupt.
Glanzstück: Elektra (2015) mit Gesine Forberger in der Titelrolle hält der scheidende Operndirektor für seine beste Inszenierung überhaupt. FOTO: Marlies Kross / Marlies Kross/Theaterfotografin