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| 18:26 Uhr

Cottbus
Zwischen Liebeslust und Freiheitsdurst

Szenenfoto mit: (im Vordergrund v.l.n.r.) Andreas Jäpel (Leporello), Ingo Witzke (Masetto); Christian Henneberg (Don Giovanni) und Liudmila Lokaichuk (Zerlina); (im Hintergrund) Damen und Herren des Opernchores.
Szenenfoto mit: (im Vordergrund v.l.n.r.) Andreas Jäpel (Leporello), Ingo Witzke (Masetto); Christian Henneberg (Don Giovanni) und Liudmila Lokaichuk (Zerlina); (im Hintergrund) Damen und Herren des Opernchores. FOTO: Marlies Kross / Theaterfotografi / Marlies Kross
Cottbus. Martin Schüler inszenierte Mozarts „Don Giovanni“ am Staatstheater Cottbus mit einem fantastischen Ensemble. Von Stefan Amzoll

Offene Szene. Blutrote Schals hängen über die ganze Breite der Bühne statt eines Vorhangs (Bühnenbild: Gundula Martin). Was  wird hier gespielt? Revolution? Liebe? Beides offenbar. Wo helle Aufregung ist und die Verhältnisse gefährlich, kreuzt der Schwanz das Bajonett. Das wusste schon Georg Büchner und schrieb nach diesem Bilde das Drama „Dantons Tod“, in dem die Liebe und die Revolution scheitern.

In Mozarts „Giovanni“-Musik ist sofort Krieg. Die Ouvertüre schreit geradezu am Anfang. Die meisten Inszenierungen lassen sie bei geschlossenem Vorhang einfach ablaufen. Anders Martin Schüler, der den „Giovanni“ in Cottbus mit einem fantastischen Ensemble inszenierte. Er lässt den Komtur in Generals­uniform von der Loge herab seinen Zorn entladen. Der erste Takt der Ouvertüre fällt aufs Genaueste mit seinem Schrei zusammen, was die Wirkung erhöht. Argwöhnisch verfolgt er, wie der umtriebige Giovanni hinter seiner Tochter Donna Anna her ist. Der General will Giovanni an den Hals, fordert ihn mit dem Degen heraus und stirbt bei dem Gefecht. Das ist der Springpunkt aller folgenden erotischen Reibereien.

Alle sind hinter einander her. Don Ottavio, Annas Verlobter, will die „Untat“ rächen. Anna liebt ihn  aber nicht, jedenfalls nicht ernstlich, weswegen der noch mehr hinter ihr her ist. Sie liebt Giovanni, was die rachsüchtige Umgebung ihr verbieten will. Läuft sie mit Schleier im Gesicht, trauert sie um ihren Vater, nimmt sie ihn ab, lodert wieder ihre Liebe auf. Diese schöne Idee verwirklicht Sara Rossi Daldoss sehr anschaulich. Dirk Kleinke, beliebt als verschmitzter, hintergründiger Tenor, groß in Pfaffenrollen, hat keine Probleme, den Ottavio als ungelenken Rächer und komischen Liebhaber zu singen.

Darf ein Giovanni, die Inkarnation männlicher Lebens – und Liebeslust, überhaupt verheiratet sein? Die unglückliche Ehefrau heißt Donna Elvira. Klar wird: Sie ist ihrem Gatten dauernd hinterher. Die Arien der energischen Debra Stanley schwanken denn auch zwischen heiß und kalt, Liebe und Hass.

Dem Freiheitshelden ewig hinterher ist auch Leporello. Dauernd  singt er sich vor, seinen Herrn zu verlassen, weil der trotz unendlicher Affären und damit verbundener Gefahren nicht zur Ruhe käme. Jedoch zu verlockend sind die Scheine, die Giovanni ihm bei solchen Krisen reicht. Von zornig bis ärgerlich bis zutiefst solidarisch (am Schluss im Bogen der Bühnenwand bangt er zitternd um das Überleben seines Herrn) temperiert Andreas Jäpel souverän diese an Ernst und Komik reiche Figur.

Giovannis Flucht ist gefährliche Odyssee und zugleich Vorgang der Lust auf neue Abenteuer. Christian Henneberg entpuppt sich sofort als Idealtypus der Rolle. Dynamo des Suchens und Findens ist er, kreisender Habicht, der im geeigneten Moment seine Beute zu fassen kriegt. Ständig muss er die Kleider  wechseln, um nicht erkannt zu werden. Beim Rollentausch mit Leporello steigt er in Klamotten, wie sie der schlichte Bürger am Leib hat. (Kostüme Susanne Suhr). Henneberg spielt nicht nur den Weiberhelden, er beseelt den Draufgänger genauso als Figur der Freiheit.

Dem Bauernmädchen Zerlina ist der Schwerenöter freilich auch hinterher und die hinter ihm, was ihrem Bräutigam Masetto, gleichfalls Bauer, das Blut ins Hirn steigen lässt. Farbig und volkstümlich wirken die kleine Liudmila Lokaichuk und der hochgewachse Ingo Witzke, in deren echte Liebe Giovanni rigide dreinfährt. Ergreifend die Arien und Duette des Paares angesichts solcher Bedrohungen. Selbstredend ist Massetto mit Verbündeten hinter dem Verführer her, trifft aber nur Leporello, der in Kleidern seines Herrn steckt. Statt seiner soll er nun sterben. Rechtzeitig erscheint Giovanni und schlägt Masetto lazarettreif. Der Ärmste muß fortan am Stock und mit Verbandszeug am Leib hinkend durch die Oper gehen.

Groß aufgemacht, wie es sich gehört, die Ball-Szene. Die Musik ist hier besonders vertrackt, denn sie schichtet drei verschiedene Tanzweisen übereinander. Kein Problem für die Musiker des Philharmonischen Orchesters unter dem umsichtigen Evan Alexis Christ, solche Tücken zu bewältigen. Mit dem Chor im Zentrum öffnet die Szene den Blick in eine Gesellschaft, die aller Freiheitsbestrebung Feind ist. Der schwarz gewandete, mächtig intonierende Chor (Einstudierung Christian Möbius) wirkt wie eine undurchdringliche Wand. Glänzend gelöst auch die Schluss-Szene. Der Komtur erscheint hier gewöhnlich als monumentaler Steinerner Gast. Martin Schüler indes bringt eine ganze Schar von Komturen in Militärmänteln auf die Bühne. Diese furchteinflößenden Figuren wandeln je langsamer, desto gefährlicher in rauchiger Landschaft.

Giovanni fürchtet sich vor diesen so wenig wie die Freiheitshelden der Renaissance und Französischen Revolution vor ihren Häschern. Der Bann geht über ihn, bevor der tödliche Schuss fällt. Das Schluss-Sextett lässt die herrlichste Musik aus ihren Mündern fahren. Eine tolle Aufführung.

Karten für die Vorstellungen am 1. März, 2. April, 26. April und 11. Mai gibt es im Besucherservice sowie online: www.staatstheater-cottbus.de, Ticket-Telefon 0355/ 782424 24.