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| 18:46 Uhr

Kunst zum Mitmachen
Eine Ausstellung wird zum Labor

 Ein Bobbycar so groß wie ein Geländewagen lockt in die Ausstellung von Martin Kaltwasser ins Kulturhaus der BASF Schwarzheide.
Ein Bobbycar so groß wie ein Geländewagen lockt in die Ausstellung von Martin Kaltwasser ins Kulturhaus der BASF Schwarzheide. FOTO: Rasche Fotografie / Steffen Rasche
Der Sieger des Wettbewerbs „Kunst für den Seecampus“, Martin Kaltwasser, stellt in der BASF Schwarzheide aus. Von Ida Kretzschmar

Vor der Tür steht „Das Biest“. Ein Bobbycar, so groß wie ein Geländewagen – Martin Kaltwassers Parodie auf die Automobilgesellschaft. Dem Sieger des Wettbewerbs „Kunst für den Seecampus“ widmet die BASF Schwarzheide eine Ausstellung.

In Martin Kaltwassers Brust schlagen zwei Herzen: das des Architekten und das des Künstlers. Nun wird Kaltwasser, der international durch seine Installationen und Skulpturen, mit Kunst im öffentlichen Raum auf sich aufmerksam machte, das Schulgebäude Seecampus in Schwarzheide mit seinen Ideen neu gestalten.

Sechs Künstler von internationalem Format hatten sich an dem Wettbewerb beteiligt, erzählt Paul-Gerhard Thiele, Vorsitzender des Fördervereins, der dazu den Anstoß gegeben hatte.

„Der Möglichkeitsraum oder Das Gestalt gewordene Zwischen“, so ist dann auch der Ideenspeicher überschrieben, dem die Jury – unter Berücksichtigung des starken Votums der Schüler und Lehrer der Schulen im Seecampus – den Wettbewerbszuschlag erteilte, berichtet Gerrit Gohlke, Leiter Regionalentwicklung.

Eine Terrassenlandschaft ist angedacht, ein „Skelett als Gerüst, an dem weiter gebaut werden kann“, so der Künstler, der auch Satelliten skizziert hat, die an dem Schulbaukörper andocken und als Mittler zwischen Innen und Außen fungieren. Ein Workshop mit den Schülern habe bereits eine Sehnsucht nach Rückzugsräumen offenbart. Und so könnte ein Pavillon als Ruheraum aus übereinander gestapelten Containern entstehen, von Schülern selbst verwaltet. Zwischen Schule und Seeradweg aber spielt ein Schulgarten „mit gewisser Wildheit“ mit den klaren Gebäudekanten.

Die Außengestaltung, so hofft Kaltwasser, soll sich im Inneren der Gebäude fortpflanzen, wobei zentrale Wandflächen von Schülern mit Tapete und Klebebandbildern gestaltet werden.

Das zu testen, ist bereits während dieser Kaltwasser-Ausstellung Gelegenheit. Denn alle Objekte, die im Kulturhaus gezeigt werden, Skulpturen, die eine Interaktion im öffentlichen Raum unter Mitwirkung vieler Menschen herausfordern, gruppieren sich um eine Installation, die das Schulgebäude als Möglichkeitsraum nachbildet. In Workshops erhalten hier Schüler Gelegenheit, die Fassaden mittels Klebeband wild zu verändern. „So wird die Ausstellung zum Labor“, sagt Kaltwasser, der dafür beispielsweise Paletten von der BASF zur Verfügung gestellt bekommen hat.

„Jeder Ort hat sein spezielles Material, ich bin neugierig, woraus unsere Seecampus-Kunst entstehen wird“, sagt der Künstler, der hier viele ungewöhnliche Facetten seines Schaffens zeigen kann, wobei ihn das Phänomen von Immobilien und Mobilität besonders beschäftigt. Und so gibt es gleich am Eingang der Ausstellung eine spöttische Interpretation eines SUVs. „Woher kommt diese Massenbewegung nach immer größeren Autos?“ fragt der Künstler, aber nicht moralisierend, sondern eher spielerisch, mit subtiler Ironie. Sein Riesenfahrzeug aus Holzabfällen zusammengebaut, darf man sogar anfassen, für Augenblicke in Besitz nehmen. Auch der siebenjährige Tom ist begeistert von diesem Kunstwerk, in das man hineinklettern kann. „Er ist gar nicht mehr wegzubekommen“, meint seine Oma Sabine Simlinger aus Schwarzheide, die selbst fasziniert ist, was man aus Schrottholz so alles machen kann.

Auch wenn Holzpaletten der Kaltwassersche Grundrohstoff sind, er nutzt gern auch anderes Recyclingmaterial. So sind hier auch zu entdecken: Sitzbänke aus Sperrholz, ein Mountainbike aus Autoteilen, ein Konzerthaus aus alten Brettern, ein mit Kunstrasen und Kunstpalmen bestückter Parkplatz in den Gärten der Welt, der an die älteste Berliner Partnerstadt Los Angeles erinnert: Der Überraschungen hier gib es viele.

In Santa Monica in den USA hat er beispielsweise gemeinsam mit Folke Köbberling, mit der er viele Werke gemeinsam schuf, Schrottautos eingesammelt und daraus Fahrräder gebaut. „Zerlegen, recyceln, etwas Neues entstehen lassen. Es geht immer um das Vorführen des Möglichen. Ein Kunst, über die wir nicht viel reden. Gerade Kinder sind Feuer und Flamme dafür. Wir fassen gemeinsam etwas an, um es zu verwandeln. Das wird am Seecampus von der Idee bis zur Fertigstellung auch so sein“, hofft Kaltwasser.

So soll diese Werkschau vor allem Mut machen, mitzuwirken an der Kunst am Bau, am Seecampus. Die Versuchsanordnung sieht vor, fast die ganze Architektur im Selbstbau mit den Nutzern der Schulen prozesshaft zu errichten. In Kooperation mit lokalen Firmen wie der BASF, die nicht nur zu den Förderern gehört, sondern auch regionaltypisches Material und Mitarbeiterengagement einbringen will.

„Partizipation“ heißt diese Ausstellungsreihe im Kulturhaus der BASF zum Thema Nachhaltigkeit, die mit dieser Schau seinen Anfang nimmt. Genau das ist es, was Martin Kaltwassers Kunst so besonders macht: Teilhabe ummantelt die Kunst.

 Ein Bobbycar so groß wie ein Geländewagen lockt zur Ausstellung von Martin Kaltwasser ins Kulturhaus der BASF Schwarzheide. Foto: Steffen Rasche
Ein Bobbycar so groß wie ein Geländewagen lockt zur Ausstellung von Martin Kaltwasser ins Kulturhaus der BASF Schwarzheide. Foto: Steffen Rasche FOTO: Rasche Fotografie / Steffen Rasche