Die rund 1500 Gäste, die sich, richtig fein gemacht, in den aufsteigenden Stuhlreihen versammeln, vermitteln den Eindruck, einem TV-Großereignis wie „Melodien für Millionen“ teilzuhaben. Doch als das Licht verlischt, spaziert nicht Dieter Thomas Heck durch die andächtig verharrende Menge, sondern ein graziler junger Herr mit Hut und Trenchcoat: Helmut Lotti ist nur an seiner glasklaren Stimme zu erkennen.
Am vergangenen Samstagabend hat der Weltstar sein aktuelles Album „The Crooners“ in der Lausitz vorgestellt: sozusagen eine Ansammlung neuer Interpretationen der besten US-Schnulzen der Vierziger, Fünfziger und Sechziger und artverwandter Eigenkompositionen von heute. „I ain't got no, no, no, nobody“ tönt der Tenor aus Belgien und überantwortet seine Verkleidung mit einem Handstreich dem Bühnenboden - huch, wie rebellisch.
Während der nächsten knapp drei Stunden geht es indes weniger rabaukenhaft zu. Schließlich waren die Crooners keine Punkrocker, sondern gepflegte Machos wie Dean Martin und Bing Crosby, die, das Ohr einer aparten Nymphe vor dem geistigen Auge, mit einschmeichelnder, samtener Stimme knisternde Geheimbotschaften ins verchromte Mikro gurrten.
Ein ebenso gediegener, aber weniger verwegener Charme hat auch die bisherige Bühnenfigur Lotti ausgemacht. Doch mit dieser Referenz stellt sich der „Traumschwiegersohn“ - Lotti zufolge „wissen das leider nur die Schwiegermütter“ - in einen neuen, wenn auch kaum überraschenden Kontext. Nach und nach wiegt die singende Fönwelle sich und das Publikum in einer alle Sinne betörenden Idylle: Wenn die Kehle des 37-Jährigen im Vibrato erbebt und die Geigen des „Golden Symphonic Orchestra“ schluchzen, ist Widerstand zwecklos. Wen wundert's, dass sich Lotti mit seinen 24 Begleitmusikern auch über Louis Armstrong hermacht. Tosender Applaus und Jubel untermalen die ersten Klänge von „What a wonderful World“ - wer an dieser Stelle das rasselnde Organ des Originals vermisst, lässt sich von der Wärme einlullen, die diese Nummer in die Köpfe und die Herzen zaubert. Bei Lotti ist die Welt so heil und makellos wie die Modelleisenbahnlandschaft im Stadthallenfoyer. Oder etwa doch nicht„ Schließlich bleibt dem strahlenden Fliegenträger Zeit, an die „schlimmen Dinge“ zu erinnern, „die im Irak und in Afrika passieren“ .
Mit den sanften Klängen der Crooners, die nach dieser Mahnung den Reigen fortsetzen, sei Lotti großgeworden, „als wir kein Radio, aber viele Platten hatten“ , doziert er. Irgendwann sei ihm „Mandolyns in Moonlight“ von Perry Como zwischen die Finger gekommen, dessen Titel er sich anfangs fälschlicherweise als „Mandarinen im Mondschein“ eingeprägt habe.
Neben diesem schallt ein weiterer Como-Evergreen von der Bühne: Bei „Caterina“ arbeitet sich der jungenhafte Charmeur die Ränge hinauf, begrüßt artig die reifen und weniger reifen Damen und flötet ihre Vornamen im Refrain - „O-ho Käthe, ha, ha, ha!“ . Der immer wieder eingeforderte Dialog der Generationen, hier findet er statt. Über Lottis zweifelhafte Dean-Martin-Imitation ( „Everybody loves somebody“ ) mit Zigarette im Mundwinkel und lässig gehaltenem Whiskeyglas - oder ist es Eistee“ - bettet der Strom aus Küsschen und Blumensträußen einen Mantel des Wohlwollens. Lottis Vokalkunst gereicht eben weniger dem hintergründigen Timbre des Rekordsäufers vom „Rat Pack“ , als lateinamerikanischen und mediterranen Melodien zur Ehre. Stehender Applaus bricht sich Bahn, als Orchester und Verstärker verstummen und der Solotenor bei Pavarottis „Ti voglio bene“ nur noch Stimme ist.
Temperamentvoll geht es nach der Pause weiter. Die glasklar abgemischten Orchesterkollegen sind erleichtert, endlich richtig loslegen zu können und Lotti nimmt die Cottbuser mit auf eine „musikalische Weltreise“ . Bei „Qongqothwane“ von Miriam Makeba und dem schwungvollen hebräischen Erntelied „Hawah Nagilah“ tobt der Saal, entbrennt wippender Ausdruckstanz am Bühnenrand.
Spätestens jetzt fragen sich viele Tanzlustige: „Was sollen hier eigentlich die Stühle?“