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Man kann irgendwie nicht vorbei

Roland Kaiser: "Seelenbahnen zeichnen mein Gesicht."
Roland Kaiser: "Seelenbahnen zeichnen mein Gesicht." FOTO: Michael Helbig/mih1
Cottbus. Roland Kaiser ist auch nach 40 Bühnenjahren unermüdlich auf Tour und präsentiert derzeit sein jüngstes Album "Seelenbahnen". Am Montagabend gastierte er in der ausverkauften Stadthalle Cottbus. Hier der Bericht eines Skeptikers. Peter Blochwitz

Nun hatte er sich doch breitschlagen lassen. Er war im Leben nie ein Roland-Kaiser-Fan gewesen, hatte ergo auch nie ein Konzert von ihm besucht. Schlager waren einfach nicht sein Ding.

Die Frau sah das natürlich völlig anders. Hatte ihn immer wieder gedrängt, doch ein einziges Mal mitzukommen.

Und da sitzt er nun im Parkett der Cottbuser Stadthalle zwischen etwa 2000 aufgekratzten Menschen. Futuristische Bühnenlichtdeko, interessant.

Hoffentlich fängt der Herr pünktlich an.

Macht er, Punkt für Roland Kaiser. Man kennt das von Künstlern ja durchaus auch anders.

Was singt er da? "Seelenbahnen zeichnen mein Gesicht, ich trau mich nicht, sie zu verwischen." Aha, legt gleicht los mit dem Titellied des aktuellen Albums. Spricht zu den Fans: "Tja, irgendwann wird jedes Gesicht mal zur Landschaft. Was soll der Satz: ,Mit Anstand älter werden'? Ich bleibe lieber unanständig jung!" Okay, kann man unterschreiben. Dann mal weiter mit der "Seelenbahn"-Reise" durch 40 Jahre Kaiser-Karriere: "Im 5. Element", ein Kracher, den kennt wohl jeder, an dem kam niemand vorbei, der Ende der 80er-, Anfang der 90er-Jahre ein Radio angemacht hat. In der Stadthalle ist es vorbei mit der Sitzdisziplin, die Fans springen auf, erste Tänze werden auf Parkett gezaubert.

Das ist es wahrscheinlich. Man kennt die Titel, man hat sie im Ohr, auch wenn man kein glühender Anhänger des Roland Kaiser ist. "Santa Maria", aber klar doch, "Extreme", "Ich glaub', es geht schon wieder los" oder "Schachmatt", das sind eigentlich Klassiker, kann man durchaus so sagen. "Südlich von mir", aber genau!

War es um den Sänger nicht eine Weile still gewesen? Lungentransplantation . . . Dafür kriegt der 62-Jährige aber wieder ordentlich Stimme ins Mikro. Die Band hat sowieso Niveau, und diese rothaarige Saxofonistin, Tina Tandler, woher . . . Richtig! Hat Ende der 80er bei Kerschowski gespielt, war unter anderen mit Gundermann und Gerhard Schöne auf Tour!

Und eben mit Roland Kaiser. Der ein Phänomen ist. Seine Show "Kaisermania" bei den Filmnächten am Elbufer in Dresden zieht jedes Jahr mehrere Zehntausend Menschen an. In diesem Sommer sind gleich vier Auftritte vorgesehen. Wie schafft er es, nicht nur sein Stammpublikum zu behalten, sondern auch immer wieder so viele junge Fans zu begeistern? Offenbar ist diese Musik zeitlos schön. Zweitens ist der Schlager, von Feuilletonisten und anderen sich intellektuell gerierenden Geschmackspolizisten lange verpönt, eben kein Schmuddelkind des deutschen Entertainments. Warum soll, was Andrea Berg und Helene Fischer hinkriegen, nicht schon lange ein Roland Kaiser schaffen? Und wie hat sich eigentlich der Eurovision Song Contest zu einer Kultveranstaltung entwickelt?

Solche Gedanken können einem durch den Kopf gehen, sitzt man der Frau zuliebe in einem Konzert von Roland Kaiser, der übrigens am Nachmittag zu Besuch bei der Cottbuser Tafel war. Der sich vor Udo Jürgens verneigt und vor Frank Sinatra. Der einen zauberhaften Unplugged-Teil hinlegt, fleißig Lieder des "Seelenbahnen"-Albums einstreut - von "Ich bereue nicht" über "Meine Welt hat zwei Gesichter" bis zum schmissigen "Sag' bloß nicht hello" - ja, der Besucher, der sonst nichts weiter mit Roland Kaiser am Hut hat, hat sich immerhin informiert. So weiß er auch, das Maite Kelly in Cottbus leider nicht als "Warum hast du nicht nein gesagt"-Duettpartnerin zur Verfügung steht.

Wie viele der alten Titel aber auch verdammt eingängig sind! "Lieb mich ein letztes Mal" oder "Mit dir leben", gar keine Frage, muss man kennen. "Joana"! Wieder frenetischer Jubel in der Halle, da muss der eigentlich skeptische Konzertbesucher ein wenig mitwippen, er steht ja auch schon längst - aber natürlich nur, weil er sonst nichts mehr gesehen hätte, da die Leute in den Reihen vor ihm auch stehen. Fast möchte er "Manchmal möchte ich schon mit dir" mitsingen, überlässt das dann aber doch lieber dem Chor der hingerissenen Frauen im Stadthallensaal.

Grau melierte Herren halten ihre Liebsten umschlungen, junge Paare fegen über die Tanzfläche, die Luft ist geschwängert mit Parfüm und guter Laune.

Das kann nicht falsch sein.