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| 07:42 Uhr

Recklinghausen
Malkovich rezitiert Rezensenten

Recklinghausen. Bei den Ruhrfestspielen las der Schauspieler aus Fehlurteilen von Kritikern. Marion Meyer

Bei den Ruhrfestspielen las der Schauspieler aus Fehlurteilen von Kritikern.

John Malkovich ist ein Phänomen. Sobald er spricht, hängt man an seinen Lippen. Seine Art, schwierige Texte etwas überdeutlich mit einer leicht ironischen Note zu modulieren, fasziniert - egal ob im Film oder auf der Bühne. Nun war er zum zweiten Mal zu Gast bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen. Diesmal mit einem etwas eindimensionalen Projekt über die Musikkritik. Malkovich liest die größten Fehlurteile der Musikgeschichte, während die live gespielten Kompositionen die Kritiker auf beste Weise widerlegen.

Ausgedacht hat sich das Konzept der Geiger und Komponist Aleksey Igudesman, der sein Quintett an diesem Abend im ausverkauften Großen Haus selbst begleitet. Sie spielen Werke von Beethoven, Brahms, Chopin, Debussy, Giya Kanchelli und von Igudesman selbst. Dazu liest Malkovich Auszüge aus Kritiken, die zur Zeit der Entstehung der Werke erschienen sind. Ein Kritiker bescheinigt Chopin "unbeholfene Modulationen" und "perverse Mazurkas", ein anderer, nämlich Tschaikowsky, sagt über Brahms, er sei "ein Schurke", "ein unbegabter Schweinehund", dessen Kompositionen "chaotisch und absolut leeres, vertrocknetes Zeug" seien. Unter die Gürtellinie geht es, wenn Kritiker nicht über die Musik, sondern über das Aussehen eines Komponisten schreiben, etwa über Debussy, der eine "einzigartige Hässlichkeit" und "spitze Koboldohren" besitze.

Die anspruchsvollen englischen Texte stellen manchen Zuschauer jedoch vor eine schwierige Wahl: die Passagen auf Deutsch aus dem Programmheft mitlesen oder Malkovich zusehen, wie er süffisant und mit sparsamen Gesten die Worte der Kritiker zum Besten gibt und so in Kauf nehmen, dass man einiges nicht versteht. Am Ende liest Malkovich noch eine Kritik eines seiner eigenen Auftritte in der Türkei, die in der Forderung gipfelt, dem amerikanischen Schauspieler wegen Unfähigkeit künftig die Einreise zu verweigern. Leider erfährt man nicht, wie John Malkovich selbst mit Kritik umgeht.

Lässig steht der amerikanische Schauspieler auf der Bühne, mal hat er die Hände in den Hosentaschen, dann wieder schnippt er im Rhythmus der Worte mit. Man würde ihm auch zuhören, würde er einen Bilanzbericht lesen. Mit den sympathischen Musikern tritt er vor allem am Ende in einen Dialog. Dabei beweist Igudesman schauspielerisches Talent, etwa wenn er sich von Malkovich instruieren lässt und Mozart auf der Geige spielt, während er mit den Beinen einen Tango andeutet. Mit einer Improvisation endet der Abend, der die Kritikerin etwas ratlos zurücklässt. Als musikalische Lesung in kleinem Rahmen hätte der Auftritt durchaus seinen Wert. So aber wirkt er durch einen Star aufgebläht, während in der Mitte ein großes Nichts gähnt. Gäbe es über Musikkritik, ihren Zweck, ihre Ambivalenz und ihre Wirkung nicht mehr zu sagen?