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| 17:37 Uhr

Ausstellung
Tanz der Inselgeister mit heiteren Ahnen  

Sigrid Noack und ihr „Tanz der Inselgeister“, 2009, Acryl, Kasein auf Leinwand.
Sigrid Noack und ihr „Tanz der Inselgeister“, 2009, Acryl, Kasein auf Leinwand. FOTO: Kretzschmar Ida / LR
Guben. Sigrid Noack verbreitet in den Räumen der Gubener Sparkasse Magie. Die 70-jährige Künstlerin öffnet eine farbenprächtige Bilderwelt. Von Ida Kretzschmar

Magie trifft Mammon. Die Sparkasse Spree-Neiße in Guben hat ihre Räume magischen Orten, Geistern und Göttern geöffnet. Bis zum 18. Januar sind 26 Werke der über Deutschland hinaus bekannten Künstlerin Sigrid Noack zu sehen, die gerade 70 Jahre alt geworden ist.

„Es ist keine große Retrospektive, sondern eine Auswahl von Arbeiten zu einem Thema, das mich intensiv beschäftigt“, sagt die gebürtige Gubenerin, die seit zehn Jahren keine Ausstellung mehr in der Neißestadt hatte, dafür in Museen und Sammlungen in Deutschland, in Österreich, Frankreich, der Schweiz, der Slowakei und in den USA. „In Guben fehlt es nicht nur an Ausstellungsorten, sondern vielfach auch an Interesse“, bemerkt sie. 80 Prozent ihrer Kunst im öffentlichen Raum in ihrer Heimatstadt musste anderen Plänen weichen, zuletzt ihr Fischkopfbrunnen einem Supermarkt. Sie hofft immer noch auf einen Neuaufbau und auch darauf, dass der Kulturbeirat der Stadt für einen neuen kulturellen Aufwind sorgen könnte.

In der Sparkasse ist er gegenwärtig zu spüren. Hier eröffnet sich dem Betrachter eine magische Bilderwelt in unterschiedlichsten Farben und Techniken. Sie gestattet einen faszinierenden Blick in ferne Kulturen, die dabei näher rücken, eine Wesensverwandtschaft ahnen lassen, lässt man sich nur auf sie ein.

Da gesellt sich die Malerin zur Geisterwelt der Aborigines. „Mit uralten Riten wollen sie die Ahnen gnädig stimmen“, weiß Sigrid Noack, die Vielgereiste, für die Australien noch ein Sehnsuchtsort ist. Indes schöpft sie aus Lektüre und Lektionen im Berliner Völkerkundemuseum, sinnlichen Eindrücken, die Wissen und Fantasie bereichern.

Im „Tanz der Inselgeister“ aus dem Jahre 2009 flirrt die Energie zwischen Himmel und australischer Erde in ihrem unverwechselbaren Rot. In der Ölmalerei „Geistertanz“ hat sie dann den Drehmoment in den Fokus gerückt. In der Dynamik  verwischen die Konturen, geht es ins Zeichenhafte, ins Abstrakte. Hier wird spürbar, wie Sigrid Noacks Bilderwelt an die Tradition des abstrakten Expressionismus anknüpft. „Mir geht es nicht allein um das, was ich sehen kann. Über die Realität, das Abbild hinaus, fließt Erkenntnis und Empfinden in ein Werk ein“, sagt die Künstlerin, die allerdings nicht total verfremdet wie die Expressionisten, sondern durchaus Lokalkolorit zu erhalten sucht. Etwa, wenn sie den mythisch anmutenden Wohnhöhlen in Kappadokien lebendige Struktur verleiht. Die Höhle, die das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit verheißt, ein Rückzugsort.

Sigrid Noack hat Wandmalerei an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden studiert. Ihre zumeist großformatigen Bilder sind nicht direkt an den entlegenen Orten entstanden, die sie in vielen Studienreisen beglückt besuchte, sondern im Gubener Atelier. „Es sind Bilder aus der Vorstellung und dem Wissen heraus, dass Dinge, die uns Menschen über Jahrtausende hinweg überbracht wurden, einen großen Wert darstellen“, spricht sie über die Anziehungskraft, die magische Orte und die Geister- und Götterwelt vor allem der Naturvölker auf sie selbst ausüben.

Wobei auch die Besucher den Geistern ruhig nahe rücken können. Nicht nur der „Heitere Ahne“ zeigt ein freundliches, verschmitztes Wesen, eine Collage aus Kasein, Palmenfaser auf Seidenpapier aus dem Jahre 2000.

Sigrid Noack sammelte während ihrer Studienreisen, die sie Ende der 80er-Jahre durch Georgien, später durch Jemen und den Orient führten und in den vergangenen Jahren nach Rom, Israel, Gran Canaria, Mallorca, Spanien, Südfrankreich und Kreta, nicht nur Inspiration, die vor allem im Ornamentalen und der Farbkraft ihrer Bilderwelten sichtbar wird, sondern auch Naturmaterial. Sand in unterschiedlichen Collagen mit anderen Materialien und übermütig fransige Palmenfasern am Schopf eines Ahnen sind Fundstücke, die dem Elementaren eine gewisse Noblesse und  Leichtigkeit verleihen.

So wecken die Werke aus Ölmalerei und Sand, Acryl- und Wasserfarben, oft aufgetragen auf handgeschöpftem Papier, nicht nur Neugier und Sehnsucht nach dem Unbekannten. In ihrer reichen Formensprache und im Klang der Farben sind sie auch beredte Zeugnisse einer vielgestaltigen Kulturgeschichte, die das Fremde näher rücken lässt und Ängste wie von Geisterhand vertreibt.

Da sind das faszinierende „Salzmeer“ aus dem Jahre 2016, eine Fata Morgana, die in ihrer Erinnerung 2014 eine Stadt aus der Wüste auftauchen lässt oder diese rote Sonne, die mit den Kuppeln der ewigen Stadt Rom korrespondiert. Immer wieder gelingt es Sigrid Noack, das Magische im Elementaren zu entdecken. Ohne scharfe Linien, das Unsichtbare mitgedacht, sucht sie Antwort auf die Herkunft menschlicher Existenz, wie es auch in der „Geisterbeschwörung“ der australischen Ureinwohner spürbar wird.

Sigrid Noack hat sich lange mit dem aus der Region stammenden Australienforscher Ludwig Leichhardt beschäftigt, ein Objekt „Der Buschgänger“ gestaltet. 2012 ist daraus „Das große Schweigen“ hervorgegangen. Wie viele andere Künstlerbücher, die Sigrid Noacks unverwechselbare Handschrift tragen, auch ein künstlerisches und editorisches Kleinod. Große Persönlichkeiten inspirieren Sigrid Noack. Und so ist das nächste Künstlerbuch längst in Arbeit. Es soll dem Philosophen, Mystiker und Arzt Paracelsus gewidmet sein. Zwei seiner Geister hat Sigrid Noack schon in dieser Schau einen Platz eingeräumt – den Feuergeistern Salamander und Zundel. Ihre Fassade gleicht menschlichen Gesichtern, nur dahinter hat die Künstlerin einen Hohlraum gelassen. Ein Hinweis auf Seelenlosigkeit?

Man kann jedenfalls auf das neue Künstlerbuch gespannt sein, auch Franz von Assisi steht noch auf ihrer Agenda. Auch neue Ausstellungen für Sigrid Noacks vielgestaltige Arbeiten werden vorbereitet. Ins Brandenburgische Landesmuseum für moderne Kunst würden sie jedenfalls gut passen. Ein magischer Ort für Werke von großem Format.

Übrigens: Sigrid Noack widmete dem Hort des Geldes schon einmal eine Ausstellung. Zur Eröffnung der Gubener Sparkassendirektion ging es in ihrer Schau um Dämonen.

Ausstellung: „Magische Orte, Geister und Götter“, Sparkasse Spree-Neiße, Guben, Cottbuser Straße 13, bis 18. Januar zu den Öffnungszeiten der Sparkasse.