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„Luther in Worms“
Romantisch und historisch Hand in Hand

Luther in Worms am Staatstehater Cottbus
Luther in Worms am Staatstehater Cottbus FOTO: Rüdiger Albert
Cottbus. Das Festkonzert „Luther in Worms“ wurde pünktlich zum Reformationstag erfolgreich in Cottbus, Dresden und Eisenach aufgeführt. Rüdiger Hofmann

Was für ein gigantisches Chorwerk! Ein Festoratorium, passend um den Reformationstag platziert, als musikalischer Höhepunkt nach all den Feierlichkeiten im Jubiläumsjahr zu „500 Jahre Reformation“. Rund 200 Sängerinnen und Sänger von der Singakademie Cottbus (Einstudierung Christian Möbius), vom Bachchor Eisenach (Einstudierung Christian Stötzner) sowie der Singakademie Dresden (Einstudierung Ekkehard Klemm) haben am Wochenende im Cottbuser Staatstheater den Reforma-
tor mit dem Oratorium – ach was – der konzertanten Oper „Luther in Worms“, gemeinsam gefeiert. Das Werk wurde zunächst am Samstag in Cottbus, am Sonntag in Dresden und am Reformationstag in Eisenach aufgeführt.

Ludwig Meinardus (1827 bis 1896) ist mit dem romantischen Luther-Oratorium „Luther in Worms“ ein Werk gelungen, das ihm zu Lebzeiten zu hoher Reputation verholfen hat. Er schrieb das Werk in den Jahren 1871/72 unmittelbar nach der Gründung des Deutschen Reiches und verklärt Luther zum deutschen Nationalhelden und Retter, dessen Kraft, Mut und Unbeugsamkeit als beispielhaft gelten. Der Katholik Franz Liszt sah in der Biografie und im Werk Martin Luthers einen „prachtvollen Entwurf ... für ein großartiges, lebensfähiges Tonwerk“. Liszt leitete 1874 die Uraufführung von „Luther in Worms“ in der Stadtkirche Weimar.

Das szenische Oratorium „Luther in Worms“ hat inhaltlich den großen historischen Auftritt des Reformators vor Kaiser Karl V. in Worms beim Reichstag von 1521 zum Thema, wo er vor ihm und dem Reichstag seine Thesen widerrufen sollte. Luther weigerte sich mit den berühmten Worten, die auch musikalisch ihren Niederschlag finden: „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.“

Für heutige Ohren klingt die verwendete Poesie pathetisch überhöht, auch die zuweilen übertrieben nationalen Töne wecken Widerspruch. Für damalige Hörer müssen Text und Pathos allerdings ein weitgehend selbstverständliches Empfinden widergespiegelt haben: Dem äußeren Feind (Frankreich) und den inneren katholischen Widersachern in den Auseinandersetzungen des „Kulturkampfes“ wird mutig die Stirn geboten. All dies macht das Oratorium – auch losgelöst von seinen musikalischen Qualitäten – zu einem interessanten Zeitdokument.

Das Libretto des Theologen Wilhelm Rossmann versucht Kirchenstreiter Luther zur Erlöserfigur zu stilisieren und scheut dabei auch vor Analogien zu Jesus nicht zurück, wie er in den Evangelien beschrieben wird. „Hebe dich hinweg!“, ruft hier Luther dem Versucher Glapio zu, der ihm einen Bischofsstuhl anbietet, für den Fall, dass er seine Thesen widerruft. Als „Propheten“ feiert ihn der Chor. Meinardus tut ein Übriges, indem er Rezitative und Choräle dem Duktus der Bachschen Passionen angleicht. Ansonsten herrscht musikalisch ein gehobener akademischer Ton.

Christian Möbius lässt den großen Chorpart bei der Inszenierung in Cottbus eindrucksvoll aufblühen. Die dramatischen, manchmal opernhaften Aspekte des Werks werden vom Dirigenten behutsam in die Parts der Gesangssolisten gebettet, sie bewegen sich allesamt im Rahmen des gepflegten Oratoriengesangs. Die sieben Solistinnen und Solisten verkörpern die historischen Figuren wie beispielsweise Martin Luther und Katharina von Bora, Kaiser Karl V., Justus Jonas und Ulrich von Hutten. Begleitet werden sie neben dem gewaltigen Chorensemble vom Philharmonischen Orchester des Staatstheaters Cottbus. Am meisten überzeugen der seit 2000 dem Ensemble des Cottbuser Theaters als hoher Spieltenor angehörende Dirk Kleinke in einer ausgesprochen starken Version der Rolle Kaiser Karls, in der er mit voller Überzeugung, Inbrunst und Stärke aufgeht und die gebürtige Berlinerin Teresa Suschke in der klaren Sopran-Partie der Katarina von Bora (auch wenn ihr Glit-
zerkleid ein wenig von ihrer starken Gesangsqualität ablenkt). Darüber hinaus fasziniert Andreas Jäpel mit kraftvollem Bariton, der an diesem Abend einen eher kämpferischen Luther offenbart. Man darf sich bereits jetzt auf seinen Part als Leporello in Mozarts „Don Giovanni“ während der laufenden Spielzeit freuen. Ingo Witzke – im Oktober 2016 mit dem Max-Grünebaum-Preis geehrt – klingt als Bass und in der Rolle des ersten Reichsritters und Renaissance-Humanisten Ulrich von Hutten etwas softer. Bemerkenswert ist neben der festen Bass-Institution die Körpersprache des aus Niedersachsen stammenden Ulrich Schneider, der wundervoll den Glapio, einen Gesandten Roms und Beichtvater des Kaisers, gibt. Ein vorzügliches Zusammenspiel aus Mimik und Gestik.Benjamin Glaubitz, der im Dresdner Kreuzchor seine erste musikalische Ausbildung genoss, besingt Luthers Freund Justus Jonas, der den Reformator nach Worms begleitete. Er interpretiert seine Tenorparts nicht ganz so kraftvoll wie Kleinke, was aber die gesangliche Darbietung keineswegs schmälert.

Die aus Erfurt stammende Annekathrin Laabs hat in der Rolle der Marta leider nur wenige Solo-Momente, doch lässt sie bereits da schöne Alt-Passagen aufblitzen, mit denen sie sicher auch künftig das eine oder andere Oratorium gesanglich bereichern wird.