Erfahrungen als Kompass und Neugier sowie spontane Einfälle als Triebfeder beschreibt der 1943 in Rathenow geborene und seit 1986 in Cottbus lebende Bildhauer, Maler und Grafiker Steffen Mertens selbst sein künstlerisches Credo. Die Schau der Lausitzer Kunstsammlung bestätigt dieses lustvolle ,,Querbeetharken" durch Gedankenwelten, die Experimentierfreude mit verschiedenen Materialien, unterschiedliche Formensprache und vielfältige Motive auf das Schönste.

Zu sehen sind Zeichnungen, Malereien, experimentelle Arbeiten und Plastiken. Vor allem den großartigen, verspielten, aber trotzdem auf den Punkt kommenden Zeichner Steffen Mertens stellt die Ausstellung in den Mittelpunkt. Dabei spielt die Klinkerwerkfolge von 1986 mit fast 30 lavierten Tuschezeichnungen eine zentrale Rolle. Sie sind ein Ereignis für sich, und die Kunstsammlung Lausitz schätzt sich glücklich, wie Kurator Bernd Gork bestätigt, diese tagebuchartige Serie als Schenkung im Besitz zu haben. Die Zeichnungen zeigen den Alltag im Klinkerwerk Großräschen, wo Mertens 1986 einige Wochen gearbeitet und seine alltäglichen Studien auf Papier gebannt hat. Die Zeichnungen zeigen schweres Arbeitsleben und trotzdem Lust am Alltag. Den Klinkerwerkern ist Last, aber auch Vitalität, Lebensfreude am Fließband, in der Arbeitspause und nach Feierabend anzusehen.

Hier sind keine Bilder von sozialistischen Arbeitshelden entstanden, sondern von Menschen mit all ihren Facetten, mit Leid und Freude in den Mühen der Ebene. Trotz schwerer Arbeit sind Frauen begehrenswert anzuschauen, der männliche Protz wird von Mertens auf dem Blatt ,,Kleinigkeit" karikaturenhaft auf die Schippe genommen, und es gibt den volltätowierten ,,Tarzan" als Macho auf dem Weg zur Dusche.

Analytischer und ironischer Blick mit Schalk gehören bei Mertens zusammen und fordern den genauen Betrachter. Etwa wenn er in der großformatigen Tuschezeichnungsserie den ,,Polizeisport" oder die ,,Fünf Köpfe" auf einem seiner Blätter entdecken möchte. Der filigrane Zeichner Mertens ist mit feiner Feder und genauem Schauen in seinem Element wie auch auf der großformatig-collagenhaft gefertigten Federzeichnung ,,Hommage an Arvo Pärt", dessen meditative Musik ihn inspiriert hat. Als aktuelle Replik zeigt ,,Flucht" die oft anonyme Katastrophe. Humorvoll kommen die ,,guten Reten" nach Holzschnitten von Sebastian Brant aus dem Jahr 1442 daher.

Daneben zeigt die Ausstellung den Bildhauer mit sarkastisch schlitzohriger Aussage, wenn er eine Madonnenfigur aus sibirischer Birke als ,,Die Alleinerziehende" der Welt den Stinkefinger zeigen lässt und die Kleinplastik ,,Auf dem Sprung nach vorn" eher den Sprung der Welt ins Verderben voraussagt. Auch der Maler Mertens ist präsent: mit dem Ölbild ,,Klärung eines Sachverhaltes" von 1986 als sarkastische politische Aussage, die auf andere Art verblüffende Aktualität besitzt.

Für Bernd Gork ist Steffen Mertens, der seit 1992 freischaffend in Cottbus arbeitet, Künstler mitten im Leben, der,,alltägliche kleine Kreuzigungen" ins Bild zu setzen vermag. Die umfangreiche Schenkung von 40 Arbeiten hat Mertens ,,gern an die Lausitzer Kunstsammlung gegeben". Er sei verliebt in das Senftenberger Museum ,,als kulturelles Biotop mit verschiedenen Facetten".