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Lust am Schauen und Denken

Die Künstlerin Sylvia Barbolini reiht sich in die "Harmonie" (Mischtechnik auf Leinwand) ein.
Die Künstlerin Sylvia Barbolini reiht sich in die "Harmonie" (Mischtechnik auf Leinwand) ein. FOTO: jgw1
Schwarzheide. Die neue Ausstellung im Kulturhaus der BASF Schwarzheide zeigt moderne junge Kunst mit dem Verschwinden fester Gattungsgrenzen und der Symbiose verschiedenster Techniken. Sylvia Barbolini knüpft an Traditionen an, geht mit ihren Werken auf den Betrachter zu und will ihn mit "Gedankenmobiles" erreichen und herausfordern. Jürgen Weser / jgw1

Mit überraschender Bildsprache dokumentiert Barbolini auf lustvolle Weise das alltägliche Leben in unserer Zeit, hinterfragt und konterkariert übliche Sehweisen und kritisiert auf hintersinnige Weise Zeiterscheinungen und menschliche Verhaltensweisen. Dabei will Barbolini nicht verletzen, sondern das Denken der Kunstbetrachter in Bewegung setzen. Zu Lust am Schauen und Denken verführen ihre Kunstwerke: Mischtechniken, Siebdrucke, Collagen, Monotypien, Objekte, Plastiken, Stickereien - oft in verblüffenden Kombinationen verwendet. Die Ausstellung gibt einen Überblick über das Schaffen Barbolinis. Seit 2012 ist sie freischaffend tätig und lebt in St. Nikolauseggen, Südtirol und Rottweil in Baden-Württemberg.

Sylvia Barbolini, 1986 in Südtirol geboren, wächst in einem abgelegenen Bergbauernhof auf und studiert in Venedig und Granada Kunst. Beide Welten finden sich in ihren Kunstwerken. Tiroler Tradition zeigt die großformatige Mischtechnik "Harmonie" und wird gleichzeitig ironisch hinterfragt. Auch "Rottweiler Narrenschach" mit 32 akkurat nachgebildeten Zinnfiguren ist eine liebevoll-humorige Hommage an gelebte Tradition. Ihre Collagen dagegen fallen durch bizarre und skurrile Menschendarstellungen ins Auge. Sie bleiben oft anonym, weil kopflos. Dafür setzt sie ihnen Blattpflanzen oder Kübel mit Blumen auf den Kopf oder eben verflochtene Posaunen wie auf dem Bild "Harmonie". Die Collage "Lebensgefährten" zeigt aus den Hälsen beider einen von Rosen umrankten Bogen herauswachsen, der sie miteinander verbindet und etwas über ihre Liebe aussagt. Zahlreiche solcher vergnüglich-nachdenklichen Bildmotive begegnen dem Ausstellungsbesucher.

Mit diesen Verfremdungsstrategien erzählt Barbolini trotzdem viel über die jeweils dargestellten Menschen und lotet ihre Psyche aus. Ganz anders zieht die großformatige Mischtechnik "Die Verflossenen" das Interesse der Besucher auf sich. Auf den Grund einer Badewanne sehen wir im Sog befindliche nackte weibliche Torsi, die zerfließen und fortgespült werden. Das zunächst irritierende Bild vermag verschiedene Assoziationen auszulösen. Werden die ehemaligen Geliebten abgewaschen, weggespült, endgültig entsorgt?

Zumeist überwiegt jedoch das humorvolle in Szene gesetzte Nachdenkliche in Barbolinis Arbeiten. Besonders die verblüffenden Objektarbeiten wie die Serie ihrer Glühbirnen hatten es den Besuchern der Vernissage angetan. Da sitzt der Denker als Holzschnitzarbeit auf dem gefährlichen Glührahmen in der Glühbirne. Schottet er sich von der Welt ab? Und was haben die Schwalben in der Enge der Glühbirne zu suchen? Auch die Bleistiftskulpturen als "Drohbrief" oder "Ghostwriter" zeigen Barbolinis Vorliebe für das Absurde, das jedoch im Realen mündet.

Die Schwarzheider Ausstellung zeigt Sylvia Barbolini als kreative Künstlerin mit der Beherrschung verschiedenster Techniken, als Denkerin, die über die Grenzen des Alltäglichen hinausschreitet und die spielerisch mit Allegorien und Metaphern umzugehen weiß. Der Besucher wird sinnlich und intellektuell angesprochen, es macht den besonderen Reiz der Ausstellung aus. Der opulente Katalog ergänzt die Ausstellung vorzüglich.

Zum Thema:
"Gedankenmobiles" kann bis zum 5. November täglich von 12 bis 18 Uhr im Kulturhaus der BASF Schwarzheide GmbH besucht werden. Vom 27. bis 28. September und am 12., 16., 18., 24. bis 26. Oktober bleibt die Ausstellung wegen interner Veranstaltungen geschlossen. Vom 11. bis 15. sowie am 22. und 25. September ist die Ausstellung erst ab 15 Uhr zu sehen.