Hat schon mal einer einen Roman über einen Bauchredner geschrieben, den Bauchredner zum Helden gemacht„ Schwer zu ergründen. Serno hat es getan. Wer ist Wolf Serno“
Dass seine Art zu schreiben viel Anklang findet, hätte man an diesem Abend an der Zahl der Zuhörer ablesen können, die manchmal ehrfurchtsvoll folgten und dann wieder durch den Serno eigenen Humor aus der Reserve gelockt wurden.
Wer diesen sympathischen Hamburger mit den grauen Stoppelhaaren und dem tief- und hintergründigen, manchmal ironischen Lächeln erlebt und hört, glaubt, einen geborenen oder wenigstens von jung an wirkenden Schriftsteller vor sich zu haben.
Mit einer kleinen Selbstporträt-Rede stellte er sich an diesem Abend vor. Mit dem Wort sei er beruflich ja seit Jahrzehnten verbunden. Aber da wurde ihm Knappheit abgefordert. Da konnte er nicht seitenlang auf eine Pointe hinarbeiten. Die Pointe musste Eigenleben entfalten, unvorbereitet und selten mit genüsslichem Ausbau. Kurz: Er war Werbetexter.
Kaum zu glauben, dass ein Mann, der auf 491 Seiten - so dick ist das jüngste Buch - von Herzen fabuliert, Lebenswege legt, Charaktere gebiert und Situationen herbeiführt, sich mit einem Satz oder einer Szene zufrieden geben konnte. Es hat ihm aber Spaß gemacht, nur eines Tages war das ihm wohl zu wenig. Er wollte mehr schreiben: „Was ist ein Buch gegen einen Werbespruch?“ , sagte er. Gedacht, gesagt, getan. Vor neun Jahren wurde er Schriftsteller. Keiner weiß, wenn er dies tut, ob er davon leben kann. Ihm aber hielt seine Frau den Rücken frei. Sie ist Richterin an der Großen Strafkammer in Hamburg.
Als er sein erstes Buch fertig hatte, hat er das Manuskript 17-mal kopiert, in 17 Schuhkartons verpackt, diese auffällig und unübersehbar rot beklebt und an 17 Verlage geschickt. Traum aller Debütanten: Drei sagten zu und der Glückspilz entschied sich für Droemer.
Mittlerweile sind Sernos Romane in über 1,5 Millionen Exemplaren erschienen. Er steht auf eigenen Beinen, wenngleich die Liebe zu seiner Frau und seinen drei kleinen Hunden weiterhin ungetrübt ist.
„Der Puppenkönig“ , aus dem Wolf Serno dann las, ist bereits sein siebter Roman. Der jetzt 62-Jährige hatte im Jahr 2000 mit „Der Wanderchirurg“ debütiert. Seitdem folgte Jahr für Jahr mindestens ein neues Buch: Aus dem „Wanderchirurgen“ wurde zusammen mit „Der Chirurg von Campodios“ (2003) und „Die Mission des Chirurgen“ (2004) die nach dem Helden benannte Vitus-Trilogie. Dazwischen entstanden historische Kriminalromane: „Tod im Apothekenhaus“ (2002) und „Die Hitzkammer“ (2003; als Taschenbuch „Hexenkammer“ ). 2005 erschien „Der Balsamträger“ .
„Der Puppenkönig“ nun also. Der heißt Julius Klingenthal und zieht 1782 in das Städtchen Steinfurth. Auf seinem Gefährt sitzen eine Magd, ein Burgfräulein, ein Schiffer, ein Söldner, ein Landmann und ein Schultheiß - sechs Puppen, die sich mit regem Mundwerk in Szene setzen. Klingenthal gibt ihnen ohne Lippenbewegungen seine Stimme. Er ist Ventriloquist, Bauchredner. Sein geistiger Vater erklärt, wie das geschieht: „Die Bezeichnung ,Bauchredner' ist irreführend, weil gar nicht mit dem Bauch geredet wird. Vielmehr handelt es sich um eine besondere Atemtechnik in Verbindung mit dem Zusammenpressen der Gaumenbögen und dem Verengen des Kehlkopfeingangs durch die Rücklage der Zunge.“
Wolf Serno könnte das auch gern, sagt er. Aber die Zeit, die Zeit! Außerdem bezweifelt er sein Talent dafür. Sein Talent aber, das Leben und Können so eines Bauchredners zu gestalten, das sprudelt über. Klingenthal kann seinen Soldaten oder den Schultheiß so reden lassen, als stünden sie auf der anderen Straßenseite. Seine Puppen sind nicht nur in die Romanhandlung verwickelt, sie hauen Klingenthal auch mal aus einer lebensgefährlichen Situation heraus. Sie formulieren auch seine Gedanken. Wenn er eine Entscheidung fällen muss, schwatzen die Puppen durcheinander wie manches Parlament.
Klar, dass es auch in diesem Roman von Serno kriminell zugeht, und die mysteriösen Untaten aufgeklärt werden. Die Bosheit, Täter zu nennen, unterlassen wir. Aber dass Klingenthal und seine Puppen bei der Lösung des Falles eine gute Figur abgeben, das kann man schon verraten.
Wolf Serno teilt eine Eigenschaft mit Klingenthal: Das Rollenspiel, allerdings ohne Bauchreden. Wenn er aus seinem Roman liest, weiß er mit feiner Stimmfärbung seine Gestalten zu charakterisieren. Wie Klingenthals Puppen bei Freude oder Streit. Tipp: Unbedingt lesen! Macht Vergnügen.

Wolf Serno: Der Puppenkönig. Droemer. Gebunden. 491 Seiten. 19,90 Euro.