Von Uwe Stiehler

Nehmen wir Eisenhüttenstadt. Dort gab es nicht nur das EKO, sondern auch ein Fleischkombinat, eine Möbelfabrik, eine Molkerei, ein Zementwerk Das EKO hat den Untergang der DDR überstanden. Die anderen Betriebe sind Geschichte. So wie das berühmte Nähmaschinenwerk in Wittenberge, die Chipfabrik in Frankfurt (Oder) und die Zuckerfabriken im Oderbruch.

Oder schauen wir nach Sachsen. So eine in die Bedeutungslosigkeit abgerutschte Kleinstadt wie Döbeln an der Freiberger Mulde war bis 1990 vollgestopft mit Industrie. Arbeit gab es in Zulieferbetrieben für den Auto- und den Landmaschinenbau, einer Druckgießerei, in Wurst-, Tabak-, Süßwaren- und Seifenfabriken.Die Luft stank im Winter wegen der Kohleöfen und dem, was die Industrieschlote ausspuckten. Die graue Brühe der Mulde dünstete im Sommer übelste Gerüche aus. Im 19. Jahrhundert soll es in demFluss noch Lachse gegeben haben.

Döbeln ist, wie so viele Kleinstädte in dem einst industriell hochgezüchteten Sachsen, fast zur deindustrialisierten Zone geworden. Ähnliche Beispiele lassen sich in Brandenburg finden. Sicher, einen Strukturwandel hat es auch in Westdeutschlandgegeben. Aber längst nicht so eiskalt, in diesem Tempo und nicht mit dieser alles dahinreißenden und Brachen zurücklassenden Wucht einer Naturkatastrophe.

Ist vorbei, Schwamm drüber. Eben nicht, sagt Petra Köpping und meldet sich mit einer Streitschrift, in der sie nun, fast 30 Jahre nach dem Ende der DDR, eine Aufarbeitung der Nachwendezeit fordert. „Integriert doch erst mal uns!“ heißt das Buch. Sie habe es geschrieben, weil die Wunden, die die Wendezeit in sehr viele Ost-Biografien gerissen hatte, noch immer nicht verheilt und viele Traumata aus dieser Zeit noch immer nicht aufgearbeitet seien. Und über viele Ungerechtigkeiten und Schurkereien der Nachwendezeit werde noch immer geschwiegen.

Petra Köpping ist seit 2014 sächsische Staatsministerin für Gleichstellung und Integration und bringt natürlich viele Beispiele aus ihrem Bundesland. Sie schaut aber nicht nur auf Sachsen, sondern genauso nach Thüringen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Ihr Buch taugt zur Pflichtlektüre im politischen Unterricht – in Ost- wie in Westdeutschland. Die einen erfahren etwas über die Brüche im Leben ihrer Eltern und Großeltern, den anderen könnte es helfen, die Ursachen für eine politische Entfremdung zu verstehen.

Allerdings ist Petra Köpping nicht als Einzige auf die Idee gekommen, einmal wirklich nachzubohren, warum sich Pegida ausgerechnet in Sachsen formierte, ob der politische Rechtsruck etwas mit den Verwerfungen der Nachwendezeit zu tun hat und wie sich deren Erschütterungen in der Gesellschaft und den Familien bis heute fortsetzen.

Lars Werner hat Anfang des Jahres in Frankfurt (Oder) den Kleist-Förderpreis für sein Stück „Weißer Raum“ bekommen, in dem ein Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes

einen Ausländer totprügelt, der gerade dabei war, eine Journalistin sexuell zu bedrängen. Was genau passiert, lässt der Autor im Dunkeln. Er beschreibt dafür, wie sich eine Gruppe von Menschen radikalisiert, die das Gefühl verbindet, Opfer einer diffusen Ungerechtigkeit geworden zu sein.

Lukas Rietzschel wiederum hat gerade den bemerkenswerten Roman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ vorgelegt, den er irgendwo in der Oberlausitz zwischen Kamenz und Bautzen spielen lässt. Auch da: deindustrialisierte Zone. In Zeitsprüngen rückt das Buch fast bis an die

Gegenwart heran. Im Jahre 2000 setzt die Geschichte ein.

Wir schauen auf Familien, die sich abstrampeln, um für sich das versprochene ostdeutsche Wirtschaftswunder wahr werden zu lassen. Mit Muskelhypotheken werden Eigenheime gebaut. Man schaut auf Bekannte und Nachbarn mit leichtmisstrauischem und neidgefärbtem Blick. Wie schickt baut er, wie kann er sich das leisten? Das Ziel ist: raus aus der Platte und wohnmäßig auf die Seite der Gewinner übersiedeln. Wer in der Platte bleibt, ist zweitklassig, Unterschicht. Während die Erwachsenen sich nun des Wohlstands wegen abstrampeln, sind die Kinder sich selbst überlassen. Die Generationen leben aneinander vorbei. Die Kinder wissen nichts vom Wende-Sturm, der über die Eltern hereinbrach. Die Eltern bekommen nicht mit, was ihre Jungs machen, wie sie aus Langeweile und aus Neugier nach rechts abdriften. Die Radikalisierung erfolgt aus Einsamkeit, Blindheit und Dummheit – alles nur Spaß, wir sind keine Nazis – hört man. Und da ist niemand, der kontert, maßregelt und sanktioniert. Lehrer, Eltern, selbst die Polizei – alles soziale Schlaffis, sie schauen weg, wiegeln ab oder haben resigniert.

Was Lukas Rietzschel hier in einer packend verknappten Sprache literarisch aufarbeitet, davon berichtet dokumentarisch das von Heike Kleffner und Matthias Meisner herausgegebene Buch „Unter Sachsen“. Es untersucht, aus welchen morastigen Quellen sich das nazistische Übel speist, das Sachsen nun so in Misskredit bringt. Da wird im Großen diagnostiziert, was Rietzschel im Kleinen beobachtet hat. Die Regierung Biedenkopf und alle nachfolgenden CDU-Regierungen haben das Problem kleingeredet und haben mit ihrem Wegschauen die Rechtsradikalen so lange ermutigt, bis sie als politische Kraft in den sächsischen Landtag eingezogen sind. Die Politik der CDU, Wähler auch am rechten Rand abzufischen, damit sich dort kein anderer politischer Konkurrent etabliert, ist doppelt gescheitert. Das Nazi-Problem wurde so nur größer, und mit der NPD und später mit der AfD wurde die CDU trotzdem rechts überholt.

Petra Köpping allerdings warnt in ihrer Streitschrift davor, die Sachsen und alle Ostdeutschen pauschal in die Nazi-Ecke zu stellen, wenn unter ihnen massive Zweifel an der bundesdeutschen Demokratie zu finden sind. Diese Kritik am System habe mit Ausländerfeindlichkeit und Pegida mitunter weniger tun, als mit dem heftigen und als Kolonialisierung empfundenen Einbruch bundesdeutscher Verhältnisse in den Osten, sagt Köpping.

Sie nennt ein Beispiel: Etwa 90 Prozent der ostdeutschen Betriebe, des ehemaligen Volkseigentums also, wurden von Westdeutschen übernommen. Und zwar unter Bedingungen, die mitunter alles andere als demokratisch und transparent waren. Ostdeutsche Bewerber hatten kaum eine Chance. Das war politisch gewollt, um alte SED-Seilschaften auszubremsen. Dafür habe die Treuhand mit zweifelhaften Deals geholfen, dass westdeutsche Unternehmen ostdeutsche nur deshalb kauften, um einen Konkurrenten plattmachen zu können, klagt Köpping an und beruft sich dabei auf Historiker und Zeitzeugen.

Allerdings ist es schwierig, an stichhaltige Beweise zu kommen, weil die Treuhandakten noch unter Verschluss gehalten werden. Aber die Indizien, die Köpping vorlegt, belasten die Treuhand schwer. Dass Köpping zuweilen polemisch wird und sich auf gefühlte Wahrheiten beruft, untergräbt allerdings die Glaubwürdigkeit ihrer Argumentation.

Sie sagt, sie wolle keinen neuen Keil zwischen Ost und West treiben. Ihr gehe es um die Rettung der Demokratie, um eine neue Form der Glaubwürdigkeit und um die Zukunftssicherung der Bundesrepublik, die mit dem demografischen Umbruch und der Digitalisierung vor einem neuen Strukturwandel stehe. Doch wie soll der gelingen, wenn im Osten noch nie die Folgen des letzten politisch und historisch aufgearbeitet wurden? Lukas Rietzschel hat das vorausgedacht. Wenn man die Sache so wie bisher laufen lässt, endet es in Frust, Landflucht, Resignation und Radikalisierung.

 

Petra Köpping: „Integriert doch erst mal uns! Eine Streitschrift für den Osten“, Chr. Links, 208 S., 18 Euro.

Lukas Rietzschel: „Mit der Faust in die Welt schlagen“, Ullstein, 320 S., 20 Euro.

Heike Kleffner, Matthias Meisner (Hg.): „Unter Sachsen. Zwischen Wut und Willkommen“, Chr. Links, 312 S., 18 Euro.