Dafür haben Bands gesorgt, die nicht nur von drei Kontinenten kommen, sie spielen ausnahmslos auf hohem Niveau.

Von Ingrid Hoberg

Lieberose. Wer sie noch hat, trägt die langen Haare offen oder als Zopf. Grüne Kutten, Jeans und Sandalen (natürlich ohne Socken) - die Blueser erkennen sich immer. So ist es auch beim ersten Muddy Lives Blues Festival. Angereist sind wohl die wenigsten als Tramper - jetzt hat jeder sein eigenes Auto und könnte andere mitnehmen. Die Festivalorganisatoren sind darauf eingestellt - die Leute vom Club Extra aus Altdöbern weisen in die Parkplätze am und auf dem Gelände des Schützenvereins ein, die es mitten im Wald ausreichend gibt.

Entspannt ankommen und genießen - das ist das Motto des Wochenendes für einige Hundert Blues- und Rock-Fans. Und es erfüllt sich. Vier Bands stehen am Freitag auf der Waldbühne. Mit Chilly Willy gibt es gleich den richtigen Einstieg - gute Laune bringen die sechs Mann aus Averbode (Belgien) mit. Die Bands, die einen Festivaltag eröffnen, haben immer einen schweren Part. Sie müssen die Stimmung anheizen. Das schaffen am Samstag dann auch Two Timer aus Polen, die schon am frühen Nachmittag die Leute vor der Bühne zum Mitgrooven bringen. "Wir haben beide Tage gut besetzt, das war uns wichtig", sagt Roberto Kuhnert von Muddy Lives. Und so gibt es mit Micke Bjorklof & Blue Strip die finnische Blues-Variante. Die Band ist das erste Mal in Deutschland und stellt ihr brandneues Album vor. Im Herbst wollen sie wiederkommen. "Electric Blues" nennt Kai Strauss aus Münster seine Musik. Seine gleichnamige CD war 2014 eines der besten Blues-Alben. "Er zeigt, wo der Blueshammer hängt", so die Festivalorganisatoren. Am Ende des Tages kommt es zur Session mit Johnny Mastro, der mit Mama's Boys aus New Orleans (USA) das extatische Wiegenlied für die Blues-Gemeinde zelebriert.

Wer die Gelegenheit zum Campen an der Waldbühne nutzt, hat nur einen kurzen Heimweg. Die anderen fahren nach Cottbus, Lübben, Frankfurt oder Maust nach Hause, um am nächsten Tag wieder da zu sein. Außerhalb des Festivals machen The Blues beards aus Lübbenau den Weckruf. Sie werden am 6. Juni mit Engerling im heimischen Kulturhof den 40. Geburtstag der Kultband feiern.

Mit Carolyn Wonderland steht am Samstag die einzig Frau des Festivals auf der Bühne. Die Texanerin ist direkt aus Belgien von einem Festival gekommen. Das hat wohl an den Kräften gezehrt. So ist nach einer dreiviertel Stunde einschließlich Zugabe schon Schluss. Die ganze Wonderland sollte es am Sonntag in Weißwasser im Juke Joint Quetsche geben. Mit solch einer Konzertlänge hält sich Blues-Urgestein Jürgen Kerth aus Erfurt nicht auf. "Komm herein" sagt er seinen Fans. Seine Soli sind lang, dem Fan aber niemals zu lang. Es lässt sich wunderbar dazu tanzen. Und wenn es auch bekannte Titel sind, so spielt er sie nicht routiniert. Gern lässt er die englischsprachigen Fassungen einfließen, die er von seinen Touren in den USA mitgebracht hat. So gibt es "Hey Young Mom" mal in einer ruhigeren Version als "He junge Mutti" aus den 1980er-Jahren.

Blues und Rock‘n‘Roll bringen Nick Moss und seine Band mit - dabei der Lead-Gitarrist Michael Ledbetter. Seine soulige Stimme hat ihre Wurzeln in der Chicago-Blues-Szene und ist klassisch ausgebildet. Acht Jahre war er Mitglied der Chicago Opera. Ihre Mission, diese Art des Blues in die Welt hinaus zu tragen, haben sie auf der Lieberoser Waldbühne eindrucksvoll erfüllt. Und dann kommen die "Bad Boys", wie Ledbetter sie ankündigt: die Mason Rack Band aus Brisbane (Australien). Wer jetzt schon nach Hause gegangen sein sollte, verpasst den rockigen Abschluss eines gelungenen ersten Blues-Festivals von Muddy Lives.

Wenn Mason Rack singt, dann könnte das auch Tom Waits sein. Das wissen die eingeschworenen Fans schon vom Konzert in Altdöbern.