Ulrich Noethen, was ist für Sie große Literatur?
Das sind drei Regale voll schöner Bücher. Große Literatur ist Literatur, die mich bewegt, etwas zu erzählen hat, meinen Horizont erweitert. Sie gestattet mir Zugang zu einer Welt, die ich sonst nicht kenne, zu anderen Denkweisen und Kulturen.

Wie sind Sie dabei auf Bücher aus dem weiten Russland aufmerksam geworden?
Das gehört einfach dazu, dass sich ein Schauspieler mit Klassikern auseinandersetzt. Tolstois "Krieg und Frieden" habe ich irgendwann mal in die Hand genommen und dabei sehr schnell wieder weggelegt. Wenn ich nicht eingeladen worden wäre, es als Hörbuch einzulesen, dann hätte ich vielleicht nie gewusst, was das für ein fantastisches Werk ist.

Woran liegt das?
(Lacht). An einer Kindheitserinnerung. Es gibt einen wunderschönen Hollywoodfilm "Mr. Hobbs macht Ferien". Da taucht eine schöne Blondine auf, die nicht sehr helle ist, aber, um dem Familienvater Hobbs zu imponieren, immer mit diesem dicken Krieg-und-Frieden-Buch am Strand liegt. Und jeder versteht, dass sie nichts davon versteht. Das ist meine erste Erinnerung an dieses Werk. So hat sich festgesetzt: Das ist ne Schwarte, ein dickes Buch, kaum zu lesen. Dabei gilt es als der Inbegriff der Weltliteratur und Inbegriff des Romans. Das ist so ein großes Meisterwerk, dass man auch Scheu hat. Schon quantitativ.

Sie haben indes auch andere Tolstoi-Romane als Hörbücher eingelesen und allein vierzig Stunden für Anna Karenina erübrigt. Was spricht dafür, ihr und Ihnen zuzuhören?
Das muss jeder für sich entscheiden: Bin ich überhaupt der Hörbuch-Typ, oder lese ich lieber selbst? Für viele Menschen ist es ein Zugang zu Literatur. Viele hören auch einfach gern einer Erzählerstimme zu. Für mich war es eine sehr ehrenvolle Aufgabe, eine Komplettlesung zu machen. Schon die Vorbereitung macht großes Vergnügen.

Wie haben Sie das mit der russischen Aussprache hinbekommen?
Natürlich war sie mir anfangs fremd, aber ich habe das große Glück, mit einer Frau zusammenzuleben, die in Russland aufgewachsen ist - mit der Autorin Alina Bronsky.

Seit Ihrem Kinodebüt mit den "Comedian Harmonists" gehören Sie zu den preisverdächtigen Schauspielern in Deutschland. Verändert der Erfolg den Anspruch an sich selbst?
Erfolg ist nur die Voraussetzung, diesen Beruf weiter ausüben zu können. Dass man ein Publikum hat und Leute sagen, mit dem arbeite ich gern, dem vertraue ich Rollen an. Ich war schon immer sehr selbstkritisch. In diesem Beruf kann man nur immer weiter lernen. Wer glaubt, irgendwo angekommen zu sein und schon alles zu wissen, sollte aufhören.

Sie waren als Heinrich Himmler zu sehen, als Kriegsheimkehrer, sind jetzt im Kino Anne Franks Vater: Gibt es eine Rolle, die Sie besonders herausgefordert hat?
Jede Figur, jeder Charakter hat seine eigenen Anforderungen. Und nicht an jede Rolle erinnere ich mich gern. Es ist für mich wie mit den Fragen nach Lieblingsfarben und Lieblingsblumen. Das Leben hat einfach zu viele Farben, zu viele Geschmäcker, gute und schlechte Seiten. Da möchte ich mich nicht einseitig festlegen.

Wann sagen Sie: Es ist eine große Rolle?
Wenn sie bedeutend ist. Im vergangenen Jahr zum Beispiel habe ich den sehr schönen Fernsehfilm "Die Akte General" gedreht über Fritz Bauer. Ich verehre diesen fast vergessenen Helden sehr, der gegen harte Widerstände das Zustandekommen der Frankfurter Auschwitzprozesse ermöglichte und so viel dafür getan hat, Nachkriegs-Deutschland zu einem aufgeklärten Rechtsstaat zu machen. Es ist mir wichtig, dass seine Geschichte erzählt wird. Und deshalb spielte ich auch diese Rolle sehr gern.

Und die Bösewichte reizen Sie gar nicht?
Das Abtauchen in menschliche Abgründe ist bei mir nicht libidinös besetzt. Ich finde es angenehmer, heitere Rollen zu spielen. Ich liebe Harmonie und Frieden, und ich freue mich, wenn ich mich mit anderen Menschen vertrage. Von daher sind mir Gedanken, die sich mit Hass, Gewalt und dergleichen auseinandersetzen jedes Mal etwas, was einen im Kern immer ein wenig ankratzt.

Sie können es sich auch mal leisten, nein zu sagen. Es gab einigen Wirbel um Ihre Ablehnung, "Tatort"-Kommissar in Freiburg zu werden. Ist das Kapitel für Sie abgeschlossen?
Definitiv. Im Freiburger "Tatort" werde ich nicht auftauchen.

Vielleicht wird es ja dann der Spreewaldkrimi. Werden Sie sich denn nach der Lesung in Lübbenau noch ein wenig umsehen?
Leider nicht, ich werde zu Hause bei meiner Familie gebraucht. Bei der Vorbereitung des Films "Gripsholm" war ich im Spreewald, das war großartig.

Sie haben so viele unterschiedliche erfolgreiche Kino- und Fernsehfilme gemacht, so viele Hörbücher besprochen. Was fehlt Ihnen noch zu Ihrem Glück?
Überhaupt nichts. Wenn ich gesund bleibe und meine fünf Sinne beisammenhalte, dann spricht nichts dagegen, auch noch bis ins hohe Alter zu spielen. Das würde mir große Freude machen.

Mit Ulrich Noethen

Sprach Ida Kretzschmar

Lausitzer Lesart ist eine Gemeinschaftsveranstaltung des Brandenburgischen Literaturbüros und der RUNDSCHAU. Lesung mit Ulrich Noethen am Donnerstag, 19 Uhr, im Schloss Lübbenau, Eintritt zehn Euro. Reservierung: Tel.: 03542 8730 oder per E-Mail: info@schloss-luebbenau.de

Zum Thema:
Ulrich Noethen studierte 1985 bis 1987 Schauspiel. Engagements führten ihn ans Schauspiel Köln und nach Berlin. Seine erste Rolle im Kino hatte er 1997 in "Comedian Harmonists". Dafür erhielt er 1998 den Deutschen Filmpreis als bester Hauptdarsteller. Viele Preise und große Rollen folgten.