4000 Fans strömten zum „Liebe kennt keine Liga“-Benefizkonzert zu Gunsten des FC Energie Cottbus, das Alexander Knappe im vergangenen Sommer binnen nur weniger Wochen aus dem Rasen des Cottbuser Spreeauenparks stampfte. Ein Riesenerfolg! Für Knappe Grund genug weiterzumachen. Für den 15. August kündigt der 35-jährige Fußball-Fan eine zweite Benefiz-Live-Rutsche an. Keimzeit („Kling Klang“) und Culcha Candela („Hamma!“) liefern Live-Sets in Konzertlänge ab, Knappe selbst rockt mittendrin samt Band und Freunden. „Keimzeit und Culcha Candela standen von Anfang an auf meiner Wunschliste“, sagt Knappe und hofft nun, dass die Show im Sommer nicht auch noch der Corona-Krise zum Opfer fällt. LR-online drückt alle verfügbaren Daumen – und zwar zusammen mit seinem Interviewgast Norbert Leisegang, Frontmann, Komponist und Textdichter der legendären Potsdamer Band Keimzeit.

Norbert Leisegang, „Corona“ ist das alles bestimmende Thema seit Wochen. Wie sehen Sie das Geschehen: „Smart und gelassen warten“ oder „Flugzeug ohne Räder“, gibt’s noch „Großes Geschrei“ und den befürchteten „Stillstand“?

Norbert Leisegang: Ich habe, was die Corona-Problematik angeht, gerade ein extremes Übersättigungsgefühl und ich glaube nicht, dass ich etwas wirklich sinnvoll Substanzielles dazu beitragen könnte, was nicht schon an anderer Stelle gesagt oder geschrieben wurde. Eine ganze Reihe unserer Konzerte wurde abgesagt, aber das nehmen wir mit einer gewissen Ruhe erst mal hin. Für einige davon gibt’s schon alternative Termine im Herbst. Die große Hoffnung ist aber natürlich, dass sich die Ausbreitung des Virus bald in den Griff bekommen lässt, so dass man endlich wieder zum normalen Tagesablauf zurückkehren kann.

Und dass das „Liebe-kennt-keine-Liga“ Open-Air im August wie geplant stattfinden darf …

Ja, natürlich! Aber vielleicht ist das, was wir gerade erleben auch nur die erste Stufe. Schließlich ist es im Leben doch ganz oft so: Man stolpert, verknackst sich den Fuß, fällt deshalb hin und bricht sich dabei auch noch den Arm. Ich will jetzt hier kein Horror-Szenario an die Wand malen, aber ich glaube, wir sollten sehr aufmerksam bleiben und vorsichtig sein.

… und positiv denken! Was hat Keimzeit für den 15. August an Programm in Cottbus geplant?

Wir werden eine gute Stunde lang die bekanntesten Titel aus fast vier Dekaden Keimzeit-Diskografie spielen.

Wie kam der Kontakt mit Alexander Knappe zustande?

Alexander Knappe hat irgendwann bei unserem Manager angerufen und von seinem „Liebe-kennt-keine-Liga“-Vorhaben berichtet. Als wir davon erfuhren, dachten wir: „Klar, warum nicht?“. Persönlich habe ich Alex erst vor gut zwei Wochen bei einem Besichtigungstermin im Spreeauenpark kennengelernt. Ein aufgeweckter, junger Mann, sehr rege und gesellschaftlich-kulturell engagiert! Er hat uns die Bühne gezeigt und das geplante Drumherum. Das sah alles sehr vielversprechend und familiär aus.

Keimzeit bei einem Benefiz-Konzert für den FC Energie: was verbindet Sie eigentlich mit „König Fußball“? Waren Sie als Kind oft auf dem Bolzplatz, oder so?

Da mein Vater Sportlehrer an einer Polytechnischen Oberschule war, war Sport immer ein großes Thema bei uns: Skifahren im Winter, Leichtathletik im Sommer und ganzjährig Geräteturnen, was ich übrigens heute noch regelmäßig einmal pro Woche mache. Was Fußball angeht, nun, diese Beziehung wurde frühzeitig stark blessiert. Denn immer wenn die Mannschaften „gewählt“ wurden, war ich einer der letzten, den man wollte. So verbrachte ich die meiste Zeit auf der Ersatzbank.

Als Alternative entdeckten Sie für sich ab 1980 offenbar das Musikmachen „in Familie“, sozusagen. Anfänglich noch als Coverband „Jogger“, wenig später dann, ab 1982, als „Keimzeit“. Wer waren Ihre musikalischen Idole damals?

In der DDR hinkten wir ja der anglo-amerikanischen Musikkultur immer mindestens ganze zehn Jahre hinterher. Während in England längst die Sex Pistols oder die Talking Heads den Ton angaben, waren wir eher eine Art „späte“ Hippie-Band, die Blues, Rock und Folk spielte. Auf jeden Fall war Neil Young ein wichtiger Einfluss für uns damals, sprich: „Jungs-Musik“, wie mir weitaus später klar wurde. Die Mädels sagten immer: „Äh, nee, ihr und euer Neil Young! Der ist doch nicht ganz koscher, der Kumpel und außerdem total unsexy“ (lacht). Die meisten Mädels standen damals auf Robert Plant von Led Zeppelin oder Jim Morrison von den Doors. Tja. Neil Young, wie gesagt, aber auch zu Eric Clapton, The Mamas & Papas, Simon & Garfunkel und die Beatles waren unsere Heroen!

Das führt unweigerlich zur Mutter aller Fragen der Rock-Historie: Stones- oder Beatles-Fan?

Hm, die Frage stellt sich mir eigentlich nicht. Wenn man sich das Gesamtwerk beider Bands anschaut und was da so los war, dann kann man nur sagen: chapeau, das wird die nächsten Jahrhunderte überdauern! Ein ganz anderer Einfluss und übrigens der entscheidende Grund dafür, dass wir uns damals in „Keimzeit“ umbenannten, war die anrollende Neue Deutsche Welle mit Bands wie Extrabreit und Ideal, die von „Drüben“ zu uns rüberschwappte. Das passt jetzt vielleicht nicht jedem auf Anhieb so ins Konzept, wenn er an Keimzeit denkt, war aber so.

Welche Erinnerungen verbinden Sie mit den damals in der DDR für Musiker und Bands obligatorischen „Einstufungen“?

Keine guten. Wir wurden ja alle zwei Jahre neu „eingestuft“. Ehrlich gesagt, das war wirklich lästig! Zum einen mussten wir uns extra dafür immer „Nicht-kapitalistisches-Musikgut“ draufdrücken, zum anderen saßen da neben den Funktionären auch immer so typische „Tanz-Musiker“ in der Kommission, von denen wir ohnehin nicht viel hielten. Allerdings – und ich weiß gerade ehrlich gesagt nicht, warum mir das jetzt einfällt, haben wir bei so einem Einstufungskonzert sogar mal „Alt wie ein Baum“ von den Puhdys gecovert (lacht)!

Wie haben Sie den 9. November 1989 erlebt?

An die Nacht des Mauerfalls erinnere mich noch sehr genau. Da haben wir mit Keimzeit nämlich im Filmstudio in Adlershof die Aufnahmen für unser erstes Video „Flugzeug ohne Räder“ gemacht. Die Arbeiten daran dauerten bis tief in die Nacht hinein. Erst nach Drehschluss erreichte uns die Nachricht, dass die Grenze offen sei. Wir hielten das für ein schlechten Gag und waren viel zu müde, um uns deshalb extra nochmal auf den Weg zu machen. Schon irre irgendwie.

Apropos: „Irrenhaus“ wurde kurz danach, im Jahr der Wiedervereinigung, vor genau 30 Jahren, gepresst: „Irre ins Irrenhaus, die Schlauen ins Parlament“, forderten Sie im Titelsong, den Sie noch zu „Ostzeiten“ Jahre zuvor geschrieben hatten. Wie aktuell ist das Ding eigentlich heute noch, quasi systemübergreifend?

Na ja, der Song ist, denke ich, zur richtigen Zeit am richtigen Ort erschienen, um populär zu werden. Und offensichtlich ist es zumindest heute doch eher so, dass die wirklich Schlauen nicht ins Parlament einrücken, sondern sich in der Industrie oder Wirtschaft ansiedeln. Unterm Strich ist das wohl weniger eine Frage der Intelligenz, sondern eher eine Frage des Geldes. Das ist nicht meine Interpretation, sondern etwas, was man aus Managerkreisen immer wieder hört. Was aber nicht heißen soll, dass es in der Politik nicht auch ein paar kluge und fähige Köpfe gibt.

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Seit 1993 ist Ihr „Kling, Klang“ der Keimzeit-Klassiker schlechthin. Nervt Sie das, ist das cool oder Ihnen völlig egal?

Also aus meiner Sicht ist „Kling Klang“ zuerst einmal ein absolut typischer Keimzeit-Song. Ich habe ein paar Akkorde und ein paar Textzeilen „zusammengeschoben“ und dabei kam „Kling, Klang“ heraus. Dass gerade dieses Stück die Herzen und die Gemüter besonders erwärmt hat und eine gewisse Popularität erlangte, freut mich natürlich sehr, auch heute noch. Da hat es wohl so eine Art göttliche oder spirituelle Instanz ziemlich gut mit mir gemeint (lacht).

Die permanente Rotation des Liedes über alle Kanäle hat dem Hersteller der beliebten „Erdnussflips“ vermutlich jahrzehntelang das Überleben gesichert…

… nur das Ding ist ja, dass ich von „Erdnuss-Chips“ singe. Und die gibt’s ja eigentlich gar nicht (lacht)!

Fast auf den Tag genau vor 15 Jahren kam Ihre Scheibe „Privates Kino“ heraus. Welchen Streifen haben Sie zuletzt im Kino gesehen?

Ich glaube, die Platte hatten wir damals noch in Hamburg aufgenommen und wenn ich sie heute höre, spüre ich durchaus, dass ich zu jener Zeit doch deutlich jünger war, bestimmte Sachen noch nicht so durchschaut und inzwischen vieles gelernt habe. Aber um die Frage nach dem Ins-Kino-gehen zu beantworten: Kino ist eine echte Leidenschaft von mir. Schon immer. Aktuelle Produktionen, die ich sehr schätze, sind der Gundermann-Film von Andreas Dresen und ein Streifen namens „Systemsprenger“. Beide sind wirklich großartig!

Erst vor gut 13 Monaten ist Keimzeits zwölftes Studio-Album „Das Schloss“ erschienen. Was möchten Sie darüber erzählen?

Nun ja, man kennt das ja inzwischen von uns schon, dass ein neues Album so seine zwei, drei oder auch vier Jahre braucht, bis es fertig ist. Ich sammle viel an Themen und Ideen über längere Zeiträume hinweg und will die Welt, so wie ich sie sehe, irgendwie stark komprimiert in Text und Musik packen. Dabei dreht es sich nicht vordergründig um Politik oder Gesellschaftskritik, sondern vielmehr um die schönen Künste und die Dinge, die zwischen Menschen „passieren“, Dinge, die mich begeistern oder auch betrüben. „Das Schloss“ ist ein weitgehend autobiografisches Album. Es ist ein Blick zurück in meine Kindheit, vor allem auf meine Schulzeit, die ich in einem „Schloss“ auf einem alten Gut verbrachte. Und ich habe darin einige Gedanken verarbeitet, die mir nach einem Klassentreffen vor gut zwei Jahren durch den Kopf gingen.

In den Pressemitteilungen zu „Das Schloss“ erwähnen Sie, dass Sie mitunter von anderen Künstlern zu Songs inspiriert werden, aber die „Strickart“ Ihrer Songs nicht wirklich verlassen. Wer sind diese anderen Künstler und wie sieht dieses „Muster“ aus?

Also Singer/Songwriter beeinflussen sich grundsätzlich irgendwie alle gegenseitig, behaupte ich. Von denen, die aktuell unter uns weilen, mag ich zum Beispiel Gisbert zu Knyphausen sehr, oder auch Dota oder Moritz Krämer. Da höre und schaue ich gerne genauer hin, was die so machen und lass mich davon inspirieren. Und „meine Strickart“ bedeutet, dass jeder meiner Songs mehrere Strophen, einen Refrain und ganz „oldschool“ eine so genannte Bridge hat, die alles auflöst. Am Schluss geht’s mit dem Refrain raus aus dem Song. Genau so oft, wie ich diese „Formel“ benutze, wiederholen sich bei mir auch regelmäßig verschiedene Worte, die einfach zu mir gehören. Ich würde das „Mundart“ nennen. Eigentlich ist das fast so, als wäre ich in einem Käfig gefangen, was das Komponieren und Texten betrifft.

Solange es ein goldener Käfig ist …?

Ja, manchmal (lacht). Wenn es ordentlich Tantiemen dafür gibt, dann schon. Meistens aber ist der Käfig weder golden noch aus Eisen.

Noch ein Blick über das „Liebe-kennt-keine-Liga“-Open-Air hinaus: am 13. September dieses Jahres machen Sie ein halbes Dutzend an Dekaden in Ihrer Lebenslinie rund. Irgendwelche bestimmten Gefühle, Ideen oder Bedenken, was das angeht?

Nee, weder noch. Aber richtig, Mensch, das stimmt! So weit war ich mit meiner Vorschau auf Privates in diesem Jahr noch gar nicht (lacht)! Ich denke, ich lass das wie gewohnt ganz smooth ablaufen. Ich bin ohnehin der klassische „Geburtstagsauslasser“. Und auch kein Horoskope-Fan. Obwohl ich zugeben muss, dass immer, wenn mein Geburtstag ansteht, ich mich einigen „klassischen“ Charakterzügen der im Sternzeichen Jungfrau Geborenen besonders nahe fühle. Dass ich bestimmte Dinge immer ganz genau überblicken und die Kontrolle haben will, zum Beispiel.

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