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Liebe im Schlachthaus

Mária (Alexandra Borbely) und Endre (Geza Morcsanyi) in einer Szene des Films "Körper und Seele".
Mária (Alexandra Borbely) und Endre (Geza Morcsanyi) in einer Szene des Films "Körper und Seele". FOTO: Alamode Film/dpa
Berlin. In ihren Träumen begegnen sie sich zum ersten Mal – als Tiere in einem idyllischen Wald. In der Realität bahnt sich die Liebesgeschichte von Mária und Endre in einem Schlachthaus an. Der Berlinale-Gewinner "Körper und Seele" kommt heute ins Kino. Elke Vogel,

(dpa) Sie sind Außenseiter. Die junge Budapesterin Mária ist von Ängsten und Zwängen geplagt. So vorsichtig und unauffällig wie möglich navigiert sie sich durch den Alltag.

Der schon etwas ältere Endre hat einen lahmen Arm und das Leben und die Liebe eigentlich schon abgeschrieben. Im ungarischen Berlinale-Gewinner "Körper und Seele" begegnen sich die Liebenden ausgerechnet in einem Schlachthaus. Dort arbeiten die beiden und dort - am Rande des blutigen Gemetzels - bahnt sich zwischen den beiden sensiblen Menschen eine zarte Beziehung an.

Das Liebesdrama von Regisseurin Ildikó Enyedi fesselt als emotional reiche und völlig unsentimentale Studie über zwei schüchterne, von Handicaps geplagte Menschen.

Sie gehen scheu aufeinander zu, entdecken langsam ihre Gefühle und damit sich selbst. Mária wird bezwingend gespielt von der Theater- und Filmschauspielerin Alexandra Borbély ("Coming out"). Sie gibt der blassen, leicht ätherischen Mária ein Geheimnis, das der Zuschauer gerne lüften würde. Géza Morcsányi spielt ihren Verehrer mit der Behutsamkeit eines Mannes, der seinem Schicksal nicht ganz traut.

Mit "Körper und Seele" holte die 61-jährige Autorin und Regisseurin Ildikó Enyedi ("Mein 20. Jahrhundert") sehr verdient den Goldenen Bären der Berlinale nach mehr als vier Jahrzehnten wieder nach Ungarn. Ein Signal auch für das Filmland Ungarn. Doch bei aller Poesie verliert Enyedis Film in seiner Beschreibung des Schlachthof-Alltags nicht den Blick für die Realität einer korrupten und kleingeistigen Gesellschaft.

"Korruption ist allgegenwärtig. Diese kleine, miese Bestechlichkeit eines Polizisten, das gab es schon immer", sagte Enyedi bei der Berlinale über ihr Heimatland. "Aber es geht weiter, und das macht Angst. Die Gesetze, die Regeln der Demokratie werden nicht einfach nur umgangen, sie werden zerstört. Es ist ein beängstigendes Land."

Für die Zuschauer ist "Körper und Seele" auch eine emotionale Achterbahnfahrt. Die grausigen Szenen aus dem Schlachthaus, in dem Endre als Finanzdirektor und Mária als Qualitätskontrolleurin arbeiten, sind ein krasser Gegensatz zu der sich entspinnenden zarten Liebesgeschichte. Erleichterung verschafft die Regisseurin dem Kinogänger durch den Einsatz subtiler Surrealität und durchgängig zu spürendem, hintergründigem Humor.

Besonders aber die Traumsequenzen, in denen sich die Liebenden als Hirsche begegnen, bevor sie einander in der Realität finden, haben eine große Intensität. Als Betrachter sehnt man sich am Ende von "Körper und Seele" danach, dass der körperlich versehrte Mann und die seelisch leidende Frau tatsächlich zueinander finden können - nicht nur im Traum, sondern auch im ganz normalen Alltag.

Körper und Seele, Ungarn 2017, 116 Min., FSK ab 12, von Ildikó Enyedi, mit Alexandra Borbély, Géza Morcsányi