Kaum ein anderer Tenor hatte eine derartige Bühnenpräsenz wie der Dreizentnermann aus der norditalienischen Stadt Modena, kaum einer war so charismatisch wie er. "Big Luciano" liebte sein Publikum, er liebte die ganz großen Auftritte, bei denen die Menschen ihm zu Füßen lagen. Immer wieder hat Pavarotti deshalb seinen Bühnenabschied hinausgezögert, genoss noch das Bad in der Menge, als er das hohe C schon längst nicht mehr präzise traf. Jetzt starb der "Tenorissimo" im Alter von 71 Jahren an einem Krebsleiden - und die ganze Opern-Welt trauert.
Immer wieder musste er Konzerte etwa wegen Rückenproblemen absagen, zeitweise soll er fast gelähmt gewesen sein. Im vergangenen Jahr schließlich wurde bei dem Tenor ein Tumor an der Bauchspeicheldrüse diagnostiziert. Bei einer Operation in New York wurde ihm der Tumor zwar von Spezialisten entfernt, der Sänger erholte sich jedoch anschließend nicht mehr. Trotz aller gesundheitlichen Probleme aber absolvierte der Bäckersohn weiter Auftritt um Auftritt und saugte den Jubel und tosenden Applaus der Fans auf - ein Jungbrunnen für den Maestro.
Einen letzten, unvergesslichen Auftritt hatte er am 10. Februar 2006 bei der Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Turin. Noch einmal betrat "Big Luciano" die Bühne und schmetterte sein Paradestück "Nessun Dorma" aus Puccinis Turandot. Es war, als ahnte er es selbst: Es sollte sein letzter Vorhang sein. Vielen Anhängern stiegen die Tränen in die Augen. Als der alternde Star noch einmal alles gab, von "Speranza" (Hoffnung) und "Amore" (Liebe) sang, war das Gänsehautatmosphäre pur.
Auch privat hatte er erst kurz zuvor neues Glück gefunden. Nach der Scheidung von seiner Ehefrau Adua - mit der er drei erwachsene Töchter hat - heiratete er Ende 2003 seine langjährige Freundin, die 30 Jahre jüngere frühere Sekretärin Nicoletta Mantovani. Sie hatte wenige Monate zuvor die gemeinsame Tochter Alice zur Welt gebracht. Der Zwillingsbruder des Mädchens überlebte die Geburt nicht.
"Seine Stimme erkennt man unter hundert anderen heraus", schwärmte ein Konzertveranstalter in Deutschland einmal. Nicht umsonst wurde der "Tenorissimo" Jahrzehnte lang rund um die Welt gefeiert. Für die Rolle des Nemorino in Donizettis "Liebestrank" bekam er 1988 in Berlin 115 Vorhänge. Immer wieder glänzte er auch als Rudolf in Puccinis "La Bohème" - jener Rolle, mit der er am 29. April 1961 in der norditalienischen Stadt Reggio Emilia sein Bühnendebüt gab.
Als Pavarotti 1964 am Covent Garden in London für den erkrankten Giuseppe di Stefano einsprang, begann seine Weltkarriere. Zwei Jahre später gab er sein Debüt an der Mailänder Scala, 1968 an der New Yorker Met.
Weltberühmt wurde auch das Unternehmen "Die drei Tenöre" zusammen mit Placido Domingo und José Carreras. 1990 nutzte das Trio die Fußball-Weltmeisterschaft in Italien für einen weltweit ausgestrahlten Auftritt. Der Live-Mitschnitt sei mit mehr als zehn Millionen verkauften Platten und CDs der "größte Klassiker-Bestseller der Schallplattengeschichte", jubelten Branchenkenner.
Dass Opern-Puristen über solche musikalischen Niederungen die Nase rümpften, störte Pavarotti überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil: Bei seinen alljährlichen Benefiz-Konzerten "Pavarotti & Friends" trat er in Modena unter anderem mit den Spice Girls, Stevie Wonder und B.B. King auf.
Seine weltweite Abschiedstournee "A Night to Remember", die ihn auch nach Deutschland führte, musste der Sänger wegen gesundheitlicher Probleme im Jahr 2005 unterbrechen. Aber dennoch war da noch jene "Speranza", Hoffnung, von der er so oft gesungen hatte: "Ich bin optimistisch und werde es bis zum Tode sein", erklärte Pavarotti.