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| 12:26 Uhr

Premiere
Liebesfreud und Herzeleid in edler Atmosphäre

„Juliet Letters – Briefe an Julia“: Welche Dramen hält die Liebe heute für uns bereit?
„Juliet Letters – Briefe an Julia“: Welche Dramen hält die Liebe heute für uns bereit? FOTO: Marlies Kross / Theaterfotografi / Kross Marlies
Cottbus. Letzte Ballettpremiere der Saison: Das Staatstheater Cottbus lässt „Briefe an Julia“ tanzen. Von Volkmar Draeger

Ein mehrere Meter langes Chippendale-Sofa hinten in der Mitte der Szene, darüber glitzern sternengleich hängende Glühlampen.  Gleich bei Eintritt versetzt die Kammerbühne am Staatstheater Cottbus ihre Zuschauer in zauberische Stimmung. Die bleibt zum Glück den ganzen Abend über erhalten. Denn „Juliet Letters“ als letzte Ballettpremiere der Saison nimmt zwar Bezug auf das größte Liebesdrama der Weltliteratur, Shakespeares „Romeo und Julia“, geht die Geschichte indes von einer anderen, weniger tödlichen Seite an. Noch immer schreiben Liebesleidende Briefe an Julia und deren vermeintliche Adresse in Verona und werden von dort auch beantwortet. Was aber könnte in solchen Episteln aus der Gegenwart stehen? Welche Dramen hält die Liebe heute für uns bereit? Dem fahndet Adriana Mortelliti in ihrer schon fünften Kollaboration mit dem Ballett des Staatstheaters nach und wird auf wunderbare Weise fündig.

In einem wehenden Dreiviertelkleid mit appliziertem Oberteil (Kostüme Adriana Mortelliti) setzt sich Inmaculada Marín López auf das Edelmöbel, findet einen Brief. Stefan Kulhawac, wie alle Männer in pastelltöniger Hose, verstrickt sie gleich in ein sehnsuchtsvolles Duett: Das Spiel nimmt seinen Lauf. Stets wird dabei das blaue Sofa (Bühne Hans-Holger Schmidt) Zuflucht oder Zwischenort, Kampfplatz oder Kuschelnest. Und dann entrollt er sich, der Liebesreigen, den jeder im Leben bereits mal mitgedreht hat, irgendwie. In harmonisch ungemein runder Bewegungssprache, angereichert mit akrobatischen Bodenpassagen, treffen Menschen aufeinander. Vorgabe ist erfüllte Liebe, die drei Paare zu schwelgerischen Streichern zeigen, mit sanften Umhebeformen, Drehungen der gehobenen Partnerin, später auch Schleuderfiguren, wie man sie aus dem Eiskunstlauf kennt. Einssein ist jedoch, wie bekannt, kein Zustand von Dauer. Denn schon locken neue Partner, pocht auf dem Video das Herz im Zickzack, ehe es ins Fahrwasser ruhiger Sinuswellen zurückfindet. Wellen durchpulsen in Mortellitis choreografischer Handschrift reichlich auch Körper und Arme, ohne dass der Tanz je ins blank Sportive abdriften würde. Ihr Geschick, den Erzählfluss nicht abreißen zu lassen, gehört zu den großen Vorzügen dieser Wohlfühlproduktion.

Wohl fühlen sich offensichtlich auch die acht Cottbuser Tänzer in all den emotionalen Verästelungen. Behende, präzise Soli wie etwa von René Klötzer stehen neben Versuchen von Verführung oder dem Bemühen einer Frau, ihren lustlos lümmelnden Begehrten aufzureizen. Das hat Slapstick-Format und heitert auf wie vier eitle Machos, die sich in der Jonglage mit ihren Mikrofonständern ausstechen wollen. Doch wo Liebe ist, ist auch Leid nicht weit. Zwei trauen sich nicht, tasten mit den Füßen nach dem Anderen, fast finden sich die Hände. Er, René Klötzer, verknotet sich lieber die Beine und entzieht sich, ihr, Denise Ruddock, bleibt nur die Hoffnung, in weichem Tanz ohne Kante und Grat. Und dann sind da die Unentschlossenen, erst tiefe Zuneigung, danach plötzlicher Rückzug, zur Pein des Partners. Einmal noch, in einem der frischsten, fröhlichsten Duette, keimt Liebe: wenn Stefan Kulhawec und Mikaël Champs im unschuldigen Miteinander mehr entdecken als Freundschaft.

Love-Lover-Over grundiert pfiffig die Projektion Venira Welijans Klagesolo auf dem Sofa, das den gesamten Abend über wohlgenutztes Requisit bleibt. Musik von Max Richters Vivaldi-Bearbeitung über Titel von Radiohead und Leonard Cohen bis zu französischen Filmsongs verschwistert sich mit einer dynamisch dichten Bewegungssprache. Wie sich der Stamm der Kompanie und die Neuen zu einem homogenen Ensemble verschweißt haben, das beschert dem Cottbuser Repertoire mit den „Briefen an Julia“ einen weiteren Edelstein im Ballettkrönchen.

Die nächsten Vorstellungen:

Samstag, 10. März, 19.30 Uhr; Sonntag, 18. März, 16.00 Uhr; Dienstag, 27. März, 19.30 Uhr.

Karten:

Karten sind erhältlich im Besucherservice sowie online über www.staatstheater-cottbus.de,
Ticket-Telefon 0355/ 7824 24 24.