Die Literatur und der Film ebenso wie die bildende Kunst kreisen seit jeher um das Bemühen, der Vergänglichkeit etwas entgegenzusetzen. Einer verlorenen Liebe, einem verschwundenen Ort oder einer vergangenen Zeit. Insofern bewegen sich viele Geschichten im seltsam zeitlosen Raum einer erinnerten Präsenz. Im besten Fall sind sich die Autoren dabei der Vergeblichkeit dieses Unterfangens bewusst. Denn das Erinnern in der Kunst beinhaltet schon die Fiktion dadurch, dass es eine Dramaturgie, eine sinnvolle Entwicklung konstruiert.

Die Berliner Autorin Judith Schalansky scheint auf den ersten Blick eine wissenschaftliche Herangehensweise für ihre Erinnerungskultur gefunden zu haben. „Verzeichnis einiger Verluste“ ist der Titel ihres Buches, mit dem sie sich auf Spurensuche nach dem abgerissenen Palast der Republik, einem untergegangenen Atoll in der Südsee oder dem Gemälde „Hafen von Greifswald“ von Caspar David Friedrich, das bei einem Brand zerstört wurde, macht. Dabei gehen in dieser Literatur Fakten und Fiktion eine Komplizenschaft ein, die die undurchsichtige Architektur des Erinnerns transparenter macht. Es ist die Sehnsucht nach der Gewissheit der Tatsachen, die das Gefühl des Moments in die Gegenwart zurückholen möge. So wurden die rund 60 Zuhörer am Mittwoch im Burger Hotel „Bleiche“ Zeugen eines Spaziergangs, der zugleich eine Spurensuche nach dem verloren gegangenen Gemälde „Hafen von Greifswald“ darstellt. Schalansky, selbst aufgewachsen in der Hansestadt, sezierte mit diesem Rundgang jedes Detail ihrer Umgebung. Für die Flora und Fauna findet sie ungeahnte Farbabstufungen. Alleine die Bestandsaufnahme der verschiedenen Grautöne legt eine immense Akribie zutage. Mithilfe eines Lexikons für Farbtöne erkundete Scha­lansky die exakte Übereinstimmung.

Die Genauigkeit, mit der die Autorin diesen Weg durch die Natur erfasst, geht einher mit dem Bedürfnis, der Vergänglichkeit zu trotzen. Für ihr Publikum macht Schalansky dieses Ziel explizit: „Das ist Wissen, das verloren zu gehen droht. Vielleicht wird es in 100 Jahren Leser geben, die anhand der Texte rekonstruieren, welche Artenvielfalt es im Jahr 2018 gab.“
Christina Wessel