Genau genommen haben beide einen glanzvollen Auftritt. Der prominente Schauspieler mit einer der prominentesten Geschichten der Welt, wie Hausherr Rochus Graf zu Lynar zur Begrüßung der nahezu 150 Gäste sagt.

Fast jeder habe schon von Tolstois Roman "Anna Karenina" gehört und seine magnetische Wirkung verspürt, stimmt Hendrik Röder vom Brandenburgischen Literaturbüro, das die Reihe Lausitzer Lesart gemeinsam mit dem Schloss Lübbenau und der RUNDSCHAU veranstaltet, auf den Abend ein.

Allein in Deutschland wurde das Buch 20 Mal übersetzt. Ulrich Noethen habe die preisgekrönte Neuübersetzung von Rosemarie Tietze ungekürzt als Hörbuch eingelesen. Weltliteratur in vierzig Stunden fast 1200 Seiten, ein Monumentalakt. Und es ist nicht das einzige Werk Leo Tolstois, das der Schauspieler als Hörbuch besprochen hat. Auch "Krieg und Frieden" wird durch seine Stimme erlebbar, weiß Hendrik Röder, der sogleich Anna Karenina und Ulrich Noe then das Parkett überlässt.

Auch der Schauspieler, seit seinem gefeierten Kinodebüt mit den "Comedian Harmonists" bekannt, beliebt und immer mal wieder preisverdächtig, hält sich nicht lange mit der Vorrede auf. Immerhin sind es an diesem Abend auch 70 Seiten, für die 80 Minuten geplant sind, aus denen dann mindestens 120 werden.

Und doch vergehen sie wie im Fluge. Denn der Schauspieler ist d e r Vorleser. Aber er liest nicht nur, sondern mischt sich gleichsam unter den russischen Adel. Seine Augen blicken unschuldsvoll, scheu, verwegen, versprühen Funken. Er spielt. Seine Augen halten sich nicht an den Buchstaben fest, es scheint beinahe, als habe er den Text gelernt wie eine Rolle. Aber was heißt hier Rolle! Unaufhörlich wechselt er die Rollen. Als Stepan Arkadjewitsch Oblonskij, der seine Gemahlin Fürstin Daja betrogen hat, legt er Zerknirschtheit in die Stimme. Dessen Schwester Anna Karenina aber ummantelt mit Samt, versprüht bebenden Glanz, betörende Lebhaftigkeit.

Mitreißend in Mimik und Gestik legt er einen poetischen Schleier über die erste Begegnung der schönen Anna Karenina mit dem Grafen Alexej Wronskij. Berauscht und entrückt schildert er sie auf dem Ball. Befremdung und leichter Spott im Gesicht, als Anna Alexej Karenin wiedersieht und verblüfft die Ohrenknorpel ihres Mannes bemerkt und sein regelmäßiges Nasenpfeifen. . .

Mit einem verschmitzten Gesichtsausdruck, der seine Vorliebe für heitere Rollen unterstreicht, verlässt Ulrich Noethen das Podium, um wenig später Bücher und Hörbücher zu signieren. Denn viele wollen nun wissen, wie das achtteilige Romanepos, in der die Geschichten dreier adliger Familien verwoben sind, ausgeht, oder wollen es einfach noch einmal mit der Stimme des großartigen Schauspielers hören. "Ich habe das schwergewichtige Buch nie gelesen. Und jetzt nehme ich mir gleich hier das Buch und noch ein Hörbuch für meine Tochter mit. Es hat mir super gefallen", sagt Anke Hensel aus Cottbus, für die es die erste Lesung war, wenn man die von Ex-Energie-Trainer Ede Geyer nicht mitzählt.

Auch für Markus Henschel aus Lübbenau hat sich an diesem Abend eine neue Welt aufgetan. Seine Großmutter hinterließ ihm viele Klassiker der Weltliteratur. Vielleicht holt er ja eines davon aus dem Schrank nach dieser Lesart. Anke Gräfin zu Lynar schwärmt: "Das war wirklich die hohe Kunst des Vorlesens."