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| 18:36 Uhr

Leo und Gutsch in Cottbus
„Eine Allergie gegen Ernsthaftigkeit“

Maxim Leo und Jochen-Martin Gutsch werden in Cottbus erwartet.
Maxim Leo und Jochen-Martin Gutsch werden in Cottbus erwartet. FOTO: Paulus Ponizak
Cottbus. Die Satiriker wollen am Sonntag im Cottbuser Filmtheater Weltspiegel für befreiendes Lachen sorgen. Von Renate Marschall

Ob das wirklich beruhigend ist, wenn die Satiriker Leo und Gutsch, übrigens auch live am 15. April um 17 Uhr im Cottbuser Weltspiegel (Einlass 16 Uhr), behaupten „Es ist nur eine Phase, Hase!“? Ihr Trostbuch für Alterspubertierende und dieses Interview mit Maxim Leo lassen Zweifel aufkommen.

Es ist nur eine Phase, Hase – wann beginnt die, was zeichnet sie aus und vor allem, was kommt nach der Alterspubertät?

Leo Üblicherweise beginnt diese Phase so mit 45 Jahren. Auf einmal tut man viele übertriebene, seltsame Dinge. Ich zum Beispiel habe mir von meinem Friseur die Haare am Hinterkopf aufhellen lassen, damit man meine beginnende Glatze nicht so sieht. Im Ergebnis hat man dann leider meine Glatze noch viel mehr gesehen. Das ist typisch für Alterspubertiere, dass sie sich verzweifelt gegen das Altern wehren, auch gegen die körperlichen Veränderungen. Es ist im Grunde ähnlich wie in der Pubertät, nur dass da alles immer mehr wird. Mehr Hormone, mehr Muskeln, mehr Sex. In der Alterspubertät wird alles weniger – bis auf das Gewicht.

Pubertieren Männer stärker als Frauen?

Leo Sie tun das öffentlicher. Man trifft sie zum Beispiel schnaufend im Park, ausgerüstet mit drei Lauf­uhren, den neuesten Laufschuhen und schweißabweisenden T-Shirts. Die alterspubertierende Frau macht das gerne mit sich selber aus, mit mehr Innerlichkeit. Sie ist auf der Suche nach sich selbst, macht Yoga oder wird Yogalehrerin. Manchmal beginnt sie auch, Marmelade einzukochen. Das sehe ich an meiner Frau zum Beispiel.

Woher kommen die plötzlich, die Millionen Alterspubertierenden? Sind sie vielleicht Folge des gesellschaftlich propagierten Jugendwahns?

Leo Wir tun immer alle so lässig, aber die wirklich Lässigen sind unsere Eltern, weil die sich nicht so verzweifelt dagegen gewehrt haben, dass sie nicht mehr ganz so jung sind. Ich denke schon, dass das mit dem Anspruch zu tun hat, dass immer alles toll sein muss. Man muss beruflich erfolgreich sein und in der Familie. Der Körper muss gestählt sein, man muss sich gut ernähren und glücklich sein und ausgewogen natürlich. Dieser Druck, der da entsteht auf vielerlei Ebenen, scheint so was wie Altern gar nicht mehr zu erlauben oder lässt es zumindest in ganz schlechtem Licht erscheinen, obwohl es ein ganz normaler Vorgang ist. Man könnte es ja auch genießen.

Sie und Ihr Kompagnon Jochen Martin Gutsch sind Journalisten. Wie kam es, dass Sie sich auf den halsbrecherischen Pfad der Satire begaben?

Leo Wir schreiben ja seit 15 Jahren unsere Kolumne in der Berliner Zeitung. Es war der Beginn eines anderen Schreibens, eines satirisch- kulumnistischen, humorvollen Betrachtens der Welt. Aus diesen Kolumnen ergaben sich die ersten Bücher, die Auftritte wurden immer häufiger und immer aufwendiger. Das hat eine Bewegung frei- gesetzt, von der wir merken, dass sie uns immer mehr Spaß macht, weil wir rumspielen und rumalbern können. Ich finde, es gibt keinen größeren Luxus, als dafür bezahlt zu werden, andere Leute zum Lachen zu bringen.

Wie sind Sie zueinander gekommen?

Leo Wir haben zusammen gearbeitet in der Berliner Zeitung. Eigentlich kannten wir uns aber viel länger. Wir sind in Ost-Berlin im gleichen Kiez aufgewachsen, in dieselbe Schule gegangen. Jochen war zwei Klassen unter mir. Damals haben uns allerdings nicht so richtig wahrgenommen und erst in der Zeitung wiedergetroffen und angefangen, die Kolumnen zu schreiben.

Beide mit der gleichen Satireader.

Leo Oder dem selben Blick aufs Leben. Wir haben beide eine Allergie gegen so eine steife Ernsthaftigkeit, haben ja große Probleme, uns selbst ernst zu nehmen. In unseren Texten sind wir ja immer die traurigen Helden, die Deppen in der Geschichte. Wir gehen selbst nicht davon aus, erwachsene Menschen geworden zu sein.

Schreiben Sie die Texte zusammen, oder wie entstehen diese?

Leo Bei „Das ist nur eine Phase, Hase!“ haben wir erstmal zusammen entwickelt, was wir erzählen wollen. Dann wurde die Geschichte aufgeteilt, jeder schrieb die Hälfte. Anschließend haben wir uns wieder zusammengesetzt und sie überarbeitet, was mindestens so lange gedauert hat wie das Schreiben. Sie machen viel Arbeit, die Dinge, die so leicht daherkommen.

Die Themen liegen auf der Straße?

Leo Ja. Was wir beschreiben, sind alles Beobachtungen. Verhaltensweisen, die einem so bei Bekannten, Freunden, im Familienkreis auffallen. Neulich hatten wir einen Männerabend, mit noch drei weiteren Freunden. Wir fahren immer weg und machen was Männliches, meistens essen, trinken und reden. Früher hatten wir ein Thema: Frauen. Da ging es um Sex oder die ideale Form einer weiblichen Brust. Heute reden wir über die Immobilienpreise in Berlin und ob man Computerpapier von der Steuer absetzen kann. Und dann schläft der eine um 22.30 Uhr mitten im Gespräch ein.

Wie viel hat Satire mit intellektueller Überhöhung zu tun?

Leo Es ist eine Form der intellektuellen Überhöhung. Man schärft den Blick für einen Vorgang. Im Buch gibt es einen Text, wo wir beschreiben, dass alterspubertierende Männer öfter weinen, die Ergriffenheit zunimmt. Das geht mir selber so, im Kino zum Beispiel. Das kann man feststellen und darüber schreiben, aber die Satire beginnt ja erst, wenn man einerseits den Kern sucht, warum Männer in dem Alter so emotional werden, um es dann auf die Spitze zu treiben. Erst das erzeugt Komik.

Was brauchen die Besucher für Ihr Programm – ein dickes Fell, Lust am Denken, Mut über sich selber zu lachen?

Leo Eigentlich nur die Bereitschaft, sich zu amüsieren. Wir haben ja dieses Buch nicht geschrieben, um die Leute zu schockieren, sondern um zu sagen, es ist alles nicht so schlimm, wenn man sich nicht so wahnsinnig ernst nimmt und bereit ist, über sich selbst zu lachen. Wenn man das Befreiende des Lachens zulässt, kann man nicht nur an dem Abend und mit dem Buch Spaß haben, sondern auch im eigenen Leben.

Tickets im Lautix-Ticketshop in der Cottbuser Sprem, bei den Servicepartnern der RUNDSCHAU und am Sonntag ab 16 Uhr im Weltspiegel.

Mit Maxim Leo
sprach Renate Marschall