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| 09:35 Uhr

Leichen im Klassikkeller

Viele komponierende Genies hatten massive charakterliche Defizite. Nicht wenige waren Denunzianten, andere begingen schwere Straftaten oder sogar Morde. Auch heute muss sich mit manchem Künstler der Staatsanwalt beschäftigen. Wolfram Goertz

Komponisten halten sich oft für das Zentrum ihres Sonnensystems. Sie spüren Gnade auf, über und in sich, andernfalls würden sie sich nicht an die Öffentlichkeit wagen. Die größte Sonne war bekanntlich Richard Wagner, gefolgt von Karlheinz Stockhausen. Beide waren Herrschaften, mit denen keiner näher bekannt sein wollte.

Auf der anderen Seite kann der Spalt zwischen narzisstischer Utopie und Versagensangst sehr schmal sein. Anton Bruckner, der Gute, arbeitete seine Symphonien um, weil Kritiker an ihnen herumgemeckert hatten. Mit Rezensenten hätte er umgehen sollen wie der emotional forschere Max Reger, der einem Journalisten schrieb: "Sehr geehrter Herr! Ich sitze hier im kleinsten Raum meines Hauses und lese Ihre Kritik. Noch habe ich sie vor mir. Bald werde ich sie hinter mir haben. Hochachtungsvoll: Max Reger"

Andererseits waren und sind auch komponierende Inselbegabungen Menschen wie Sie und ich: defizitär. Sie trieben unschöne Dinge. Sie bohrten in der Nase, tranken mehr als einen über den Durst, furzten und spannten anderen Männern die Frau aus. Dass nicht wenige Komponisten allerdings kriminelle Naturen waren, mag den Typ Klassikfan erstaunen, der allein am Guten und Schönen interessiert ist.

Wenn er nicht ein Adliger gewesen wäre, hätte man im Jahr 1590 den Italiener Carlo Gesualdo di Venosa lebenslang in Haft nehmen müssen: Er hatte seine ehebrecherische Gattin und deren Gespielen kurzerhand erstochen. Es war derselbe Carlo Gesualdo, der damals mit raffinierter Harmonik und herzzerreißenden Madrigalen die Musikgeschichte revolutionierte - und dessen Musik Kenner wahnsinnig gern hören. Die Musik eines Mörders: Bis heute hat niemand Gesualdo vom Notenpult genommen, warum auch? Ein Mord ist eine bizarr-provokante Nuance im Lebenslauf.

Für die relevanten Komponisten von heute, also die Jazz-, Pop- und Rockmusiker, war und ist der strafbare Umgang mit Drogen nicht einmal ein Kavaliersdelikt. Auch die Verwüstung von Hotelzimmern zählt zum guten Ton harter Jungs. Alkoholiker kennt indes auch das klassische Fach. Franz Schuberts possierliche Wirtshaus-Schmonzetten waren in Wirklichkeit Betäubungen eines Depressiven.

Auch Robert Schumann war ein unangenehmer Trinker. Dabei zog er sich zwar keine Leberzirrhose, aber einen handfesten Bluthochdruck zu, an dessen Folgen er - in Verbindung mit einer Syphilis - dann auch starb. Ebenjener Robert Schumann beging eine arglistige Täuschung eines deutschen Gerichts, als er beim Eheprozess um Clara Wieck höhere Einkünfte bezifferte, als er in Wahrheit hatte. Wäre Schumanns Lüge aufgeflogen und der Komponist ins Kittchen gegangen, wäre Clara die Hochzeit erspart geblieben. Wir hätten allerdings einige herrliche Kompositionen jener Zeit vielleicht nicht erlebt.

Tatsächlich ist die Trennung von Leben und Werk im Verehrungsmuster vieler Musikfreunde nicht vorgesehen. Gut erinnerlich sind die Schreikrämpfe der Robert-Schumann-Gesellschaft, als vor Jahren die Syphilis-Erkrankung des großen Meisters und ein Mitbefall seines Gehirns debattiert wurden. Nun, eine Neurosyphilis im Vollbild, an der Schumann in späten Jahren litt, ruft dermaßen viele hirnorganische Beeinträchtigungen und Wesensänderungen hervor, dass die Einfachheit der späten Kompositionen sicher eine medizinische Ursache hat. Diese Verbindung von krankem Hirn und begrenzter Kunst wird aber in vielen Publikationen geleugnet, dort frisiert man die Banalität von Schumanns Spätwerk zum poetischen Wunder.

Bei Richard Wagner liegt die Sache anders. Kaum ein Mensch leugnet seinen grässlichen Antisemitismus. Heute würde sich für den Mann wegen seiner antijüdischen Hetze der Staatsschutz interessieren. Dass Wagner vorrangig missliebige jüdische Komponisten meinte, macht seine Schrift "Das Judentum in der Musik" nicht appetitlicher. Dass er den jüdischen Dirigenten Hermann Levi den "Parsifal" uraufführen ließ, entschuldigt nichts.

In Israel ist Wagner seitdem unerwünscht, und dieser Tage merkte man, wie spannend die Materie immer noch ist: Weil das Philadelphia Orchestra auf seiner Europa-Tournee auch in Israel gastiert, gab es vor mehreren Konzerten Proteste pro-palästinensischer Gruppen. Vielleicht hätten sie geschwiegen, wenn das Orchester Werke Richard Wagners aufs Pult gestellt hätte.

Das Thema Musik und Politik ist ohnedies ein Sonderfall und bedarf eigener Bewertung. Neben dem aktiven Antisemitismus Wagners gab es das aalglatte Funktionärstum von Richard Strauss. Der war mal Präsident der Reichsmusikkammer, was in den Augen seiner Anhänger kein Makel war - der Meister sei ja völlig unpolitisch gewesen. Das stimmte auch, allerdings besaß sein Aussitzertum eine schillernde Note.

Freilich haben wir Nachgeborenen es leicht, jene Übernahme von Ämtern als Liebedienerei vor den Nazis zu geißeln. Wie hätten wir uns damals verhalten? Hätten wir unser Leben oder dasjenige unserer Familie riskiert und eine kritische Haltung eingenommen? Bei Strauss war die Sache ohnedies verworren. Sein Einsatz für den Juden Stefan Zweig hätte ihn fast in die Bredouille gebracht, weil die Gestapo einen Brief an den Schriftsteller abgefangen hatte. Die Reaktion von Joseph Goebbels war bezeichnend: "Strauss schreibt einen besonders gemeinen Brief an den Juden Zweig. Die Gestapo fängt ihn ab. Der Brief ist dreist und dazu saudumm. Jetzt muss Strauss auch weg. Keudell muss es ihm beibringen. Diese Künstler sind politisch alle charakterlos. Von Goethe bis Strauss."

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zogen sich die Wolken über jene deutschen Komponisten zusammen, die mit den Nazis paktiert oder sich geschmeidig verhalten hatten. Das galt etwa für Hans Pfitzner oder Cesar Bresgen, vor allem für Werner Egk. Doch nicht nur in Deutschland war das Gewässer für Komponisten gefährlich. Auch in Russland konnte man in Bedrängnis geraten, wenn man nicht der Ästhetik Stalins genügte; die war so naiv, plump und zwangsvolkssprachlich gewesen wie diejenige Hitlers. Laut, pathetisch und staatstragend hatte Musik zu tönen. Unerwünschte Musik galt als formalistisch. Stalins System brachte zahllose Aufpasser hervor. Als besonderer Scharfmacher galt Tichon Chrennikow, der als Chef des sowjetischen Komponistenverbandes das Leben von Dmitri Schostakowitsch kujonierte. Chrennikow war der Linientreueste aller Stalinisten, doch erlebte die Welt auch bei ihm, wie er sich nach dem Ende des Systems als Opfer stilisierte.

Sie alle nicht mehr spielen? Ihre Verfehlungen zum Anlass für einen Boykott machen? Nein, das wäre die falsche Antwort. Nicht Verbote sorgen für Veränderung und Einsicht, sondern Aufklärung. Man darf Wagner hören, sogar mit Genuss, aber jeder sollte wissen, dass Wagner als Mensch zahllose Grenzen einriss.

Ist indes Antisemitismus entschuldbarer als Pädophilie? Ist Denunziation harmloser als sexuelle Gewalt? Man darf gespannt sein, wie aktuell die Affäre um den Dirigenten James Levine weitergeht, dem Missbrauch kleiner Jungen vorgeworfen wird. In unangenehmer Lage befindet sich auch der Münchner Komponist Hans-Jürgen von Bose. Ihm wirft der Staatsanwalt mehrfache Vergewaltigung vor; er habe die Schwester eines Studenten missbraucht. Bose bestreitet alle Vorwürfe. Die Münchner Musikhochschule, an der er beschäftigt ist, hält sich auffällig zurück.

Ja, auch die Sonnensysteme haben ihre Leichen im Keller.