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| 17:35 Uhr

Ausstellung
Gewisse Freiheit unterm Radar

Doris Ziegler: Selbst im Wintermantel.  2014; Mischtechnik.
Doris Ziegler: Selbst im Wintermantel.  2014; Mischtechnik. FOTO: repro: museum
Frankfurt (Oder). Landesmuseum zeigt im Frankfurter Packhof Werke der Künstlerin Doris Ziegler. Von Antje Scherer

  Verhüllt bis kurz unters Kinn in einem grotesk unförmigen Mantel in Rentnerbeige – wer sich so zeichnet, möchte wohl am liebsten unsichtbar sein. Wären da nicht die Strümpfe, die in leuchtendem Türkis förmlich aus dem Bild knallen, der kecke rote Hut und die hellen Augen, die dem Betrachter direkt ins Gesicht blicken. Feines Lächeln inklusive. Das Werk „Selbst mit grünen Strümpfen“ (2014) verrät schon einiges über die Arbeitsweise und Selbstwahrnehmung der Malerin Doris Ziegler.

„Eine große Malerin – extrem bescheiden“, das sagt die Chefin des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst, Ulrike Kremeier, über die  1949 in Weimar geborene und in Leipzig lebende Künstlerin. Sie sei eine „sträflich unterschätzte“ Vertreterin der Leipziger Schule.

Kremeier verfolgt das Wirken Zieglers schon lange und ist überzeugt: „Was die Großen an der HGB gelernt haben, das haben sie von ihr gelernt“. Ziegler war mehr als 20 Jahre lang Professorin an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) in Leipzig, wo Arno Rink, Neo Rauch und viele andere Kunstpromis studiert haben.

Ihre eigenen Arbeiten wurden kurz nach der Wende schon einmal in Frankfurt gezeigt – jetzt gibt es im Packhof einen Querschnitt durch rund 40 Jahre ihres Schaffens. Kremeier fasziniert besonders: „Sie ist ihrem Stil treu geblieben, ohne dass es langweilig wird.“ Ausgesucht hat sie für die Schau „Lange Abschiede“ zwei korrespondierende Werkgruppen: die Veränderung des Leipziger Stadtteils Plagwitz und das Alter.

„Das ist ein Thema, das uns – in einer überalterten Gesellschaft – alle beschäftigt“, so Kremeier. Wir sehen auf den Ölgemälden eine Seniorin, die halb aus dem Rollstuhl hängt, eine andere, die im Unterhemd und nur an einem Fuß beschuht durch die Gegend tappt – ohne Weichzeichner wird Verfall thematisiert; kunstvoll ausgearbeitet, deutlich und nüchtern, aber nicht verstörend, mit kleinen Prisen Melancholie und Humor. Diese Bilder sagen: So ist Alter, es hat dünne Greisinnenbeine und ein eingefallenes Gesicht, und es gehört zum Leben, seht hin!

Zwei Werke stammen aus der Sammlung, die anderen hat Kremeier in Zieglers Leipziger Atelier ausgesucht. Dort arbeitet die Künstlerin seit bald 50 Jahren, hat die ästhetischen und ökonomischen Veränderungen am eigenen Leib erfahren und das heute hippe Viertel immer wieder festgehalten. Bereits 1994 malte sie „Abschied von Plagwitz“, menschenleer und düster. Auffällig ist ihr meisterhafter Umgang mit Raum und Perspektive.

Die Künstlerin nähere sich der Welt über Malerei, sagt Kremeier – begonnen, sich intensiv mit dem Alter zu beschäftigen, habe Ziegler durch ihre pflegebedürftige Mutter. Bei ihren vielen Besuchen im  Heim habe sie sich hingesetzt und gezeichnet. Einige der Skizzen hat sie später im Atelier ausgearbeitet. Durch mehrere Selbstbildnisse wird auch ihr eigener Alterungsprozess dokumentiert.

Alltag und scheinbar Privates, vor allem Familie und Weiblichkeit, hätten die Künstlerin und Mutter zweier Kinder immer interessiert; ihre Art, diese Themen anzugehen, sei nicht offen aufrührerisch, aber meilenweit entfernt vom Sozialistischen Realismus. Staatliche Aufträge gab es zu DDR-Zeiten deswegen kaum.

Ihre Unauffälligkeit habe ihr einen gewissen Freiraum ermöglicht, so Kremeier. Aber eben auch verhindert, dass Doris Ziegler ebenso bekannt wurde wie die berühmten männlichen Kollegen der Leipziger Schule.

Ausstellung bis 19. August, Di. bis So. 11 bis 17 Uhr, Landesmuseum für moderne Kunst, Packhof, C.-Ph.-E.-Bach-Str. 11, Frankfurt (Oder)