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Lakonisches Loblied der Asymmetrie

Andre Kubiczek setzt die letzte DDR-Generation hinreißend in Szene.
Andre Kubiczek setzt die letzte DDR-Generation hinreißend in Szene. FOTO: dpa
Nach "Das fabelhafte Jahr der Anarchie" erinnert sich André Kubiczek wieder an die Jugendzeit. Federleicht und doch mit Tiefgang. Nicht umsonst landete sein Roman auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Ida Kretzschmar

Was für ein verheißungsvoller Sommer! Mit sechzehn sturmfreie Bude. Der Vater, sieben Wochen auf Friedensmission in Genf, hat einen Haufen Kohle da gelassen. 1000 Mark, die 200 Mark Geburtstagszulage noch gar nicht mitgerechnet!

Das Gefühl, das Romanheld René im Sommer 1985 in Potsdam befällt, kann wohl nur der wirklich nachvollziehen, der damals in der DDR so etwa in Renés Alter war. Mit diesem unbändigen Freiheitsdrang und dieser Sehnsucht nach Unerreichbarem: "Wenn es was nicht gab, dann gab's das eben nicht", lässt der Romanautor seinen Helden dozieren, der sich nach Büchern von "Baudelaire und Konsorten" verzehrt und sich überhaupt gemeinsam mit seinen Freunden abgrenzen will von der grauen Masse. Man macht sich wichtig: mit schwarzen Klamotten und einem, wie er glaubt, exquisiten Musikgeschmack. Mit seinem Hang zu nihilistischen Dichtern und einer zur Schau gestellten Traurigkeit.

Dafür glucken die Finsterlinge, mit tiefsinnigem Gesichtsausdruck und ultrakurzem Bleistiftstummel irgendetwas in Hefte skizzierend, in dem "subversiven Café Heider" herum. Und singen das Loblied der Asymmetrie.

Wobei das bei René, wenn es um das Persönliche geht, durchaus seine Grenzen hat. Sein Segelohr versteckt er schon mal gern hinter den Haaren. Letztlich geht es ihm wie seinen pubertierenden Altersgenossen doch vor allem um eines: bei den Mädchen anzukommen. Und die Richtige zu finden. Da ist in erster Linie zu klären, wie es gelingt, beim Küssen nicht mit den Zähnen zusammenzustoßen.

Die Pubertät kann einem das Leben ganz schön schwer machen. André Kubiczek, 1969 in Potsdam geboren, weiß offenbar noch ganz genau, wovon er spricht. Er reflektiert die Sicht eines Betroffenen so nachvollziehbar, schräg und komisch, dass es ein Vergnügen ist, mit diesem Jungen durch den Sommer zu streifen.

Und auch mit dieser schon bekannten Kubiczek-Melancholie zu spüren, wie der Sommer langsam wegstirbt. Wo man doch dachte, er könnte nie zu Ende gehen. Keine Anspielung auf den sterbenden Sozialismus, der nur beiläufig eine Rolle spielt. Etwa, wenn René in der Schule "mit der Ironieflagge durch die Sülzfächer segelt". Er ist kein Mitläufer, aber auch nicht wirklich ein Rebell. Wie alle Pubertierenden ist er vor allem mit sich beschäftigt. Seine Beschreibung von Glück, die er aus Worten in einem Buch schöpft, so edel geborgen wie in einer Schatzkiste, geht nah.

So ist bei aller Leichtigkeit Tiefgang im Spiel. Denn der Junge, der zwei Jahre zuvor seine Mutter verloren hatte und zum Trost einen Kassettenrekorder aus dem Intershop bekam, sehnt sich durchaus nach Geborgenheit und Glück, nach einer verwandten Seele, die er im Vater nicht findet, der wenig Zeit und Gesprächsbedarf hat.

Seit seinem Schriftstellerdebüt mit "Junge Talente" (2004) hat sich André Kubiczek zu einer festen Größe in der deutschen Literatur entwickelt, was seine Platzierung auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis erneut dokumentiert. Seinem immer wiederkehrenden Thema: die letzte DDR-Generation und ihre besondere Lebenswelt vor und nach der Wende bleibt er auch hier treu. Und wieder gelingt es ihm, dieses Lebensgefühl hinreißend lakonisch einzufangen.

André Kubiczek: Skizze eines Sommers. Rowohlt, 384 Seiten, 19,95 Euro