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| 07:27 Uhr

Berlin
Künstler auf Wanderschaft

Berlin. Die Alte Nationalgalerie in Berlin zeigt, wie die Maler die "Wanderlust" entdeckten. Frank Dietschreit

Der Mann steht stolz auf einem schroffen Felsenvorsprung. All die Anstrengungen haben sich gelohnt, wie schweißtreibend und zugleich großartig muss es gewesen sein, hier herauf zu klettern, die Natur und sich selbst zu besiegen und jetzt diesen weiten Blick über die aus dem Nebel herausragenden Berge zu genießen. Wir glauben genau zu wissen, was der einsame und vollkommen in sich ruhende Wanderer jetzt fühlt: Sein Blick ist auch unser Blick, denn der Wanderer kehrt uns den Rücken zu, wir schauen ihm über die Schulter und sehen mit ihm auf das Wunder der Natur und spüren, wie erholsam es ist, der Beschleunigung der Moderne zu entfliehen, den eigenen Körper zu erfahren und sich beim Gehen, Wandern, Klettern kreativ inspirieren zu lassen: Spätestens mit Caspar David Friedrichs "Wanderer über dem Nebelmeer" (1817) wird die aufkommende "Wanderlust" der europäischen Maler zum künstlerischen Topos und kommt das Naturerlebnis als Gegenentwurf zur beginnenden Industrialisierung und als individuelle Besinnung in Zeiten rasanter gesellschaftlicher und revolutionärer Veränderung auf die Leinwand.

In der Alten Nationalgalerie auf der Berliner Museumsinsel werden über 120 Werke vor allem des 19. Jahrhunderts versammelt, um die euphorische "Wanderlust" der Maler zu dokumentieren und besser zu verstehen. Bilder von Caspar David Friedrich bis Auguste Renoir werden gezeigt, natürlich sind auch Gustave Courbet und Paul Gauguin dabei, Carl Blechen und Karl Friedrich Schinkel. Mit Bildern von Emil Nolde, Ernst Ludwig Kirchner und Otto Dix weitet sich schließlich der künstlerische Wander-Reigen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein.

Behutsam nimmt uns die Ausstellung mit auf einen Weg, den Maler, Dichter und Denker gemeinsam gehen. Denn seit Sturm und Drang die Kunst durchfluten, seit Goethe nach Italien reist, Rousseau beim Gehen seine Aufklärungs-Philosophie formuliert, Johann Gottfried Seume von Leipzig nach Syrakus wandert und schreibt, "daß alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge", synchronisieren sich Bewegung und Naturerlebnis, individuelle und soziale Erfahrung.

Der Fußmarsch durch die Natur wird zur bedeutsamen Kulturtechnik, zum Mittel der Welt- und Selbst-Erfahrung. Und die Kunst spiegelt und idealisiert das Lebensgefühl des nach Freiheit und Ungebundenheit strebenden Wanderers. Der auf den Bildern verewigte Wanderer ist fast immer ein Mann und nur selten eine Frau. Meistens ist die Frau schmückendes Beiwerk, bereitet ein Picknick für den erschöpften Mann, spielt mit den Kindern im grünen Gras, während der Mann zum Wandern aufbricht. Oder sie wird zum in der Sonne flirrenden Farbtupfer, wie auf dem Bild von Auguste Renoir: "Ansteigender Weg durch hohes Gras" (1877).

Bei Courbet treffen sich vom Gehen erschöpfte Männer mit Hut und Stock, Rucksack und Wasserflasche und tauschen Erlebnisse aus, bei Jörgen Roed sehen wir einen nachdenklichen "Künstler bei der Rast auf der Wanderung" (1832), Hans Thoma bebildert die "Einsamkeit" (1906) eines über eine Flusslandschaft blickenden Naturburschen. Aber dann ist da doch noch dieses Bild von Jens Ferdinand Willumsen, es zeigt, vor in bunten Jugendstil-Girlanden, eine selbstbewusste "Bergsteigerin" (1912), die sich von Männerzwängen befreit. Wir verfolgen gespannt die Geschichte der Frau, aber vermissen die Geschichte des Wanderers vom rebellischen Republikaner zum kriegslüsternen Nationalisten. Davon, dass deutsche Wander-Vereine sich von ihren jüdischen Mitgliedern trennten, auf den Hütten deutsche Lieder sangen und Nazi-Fahnen hochzogen, erfahren wir leider nichts. "Ich sehe nichts als Feindseligkeit auf den Gesichtern der Menschen, die Natur hingegen lächelt mir beständig", schrieb Freiheitsphilosoph Rousseau. Vor allem davon, vom romantisch verklärten Lächeln der Natur und der Sehnsucht der Menschen nach unbegrenztem Horizont, erzählt diese in vielen Farben schillernde opulente Schau.

Info Alte Nationalgalerie, Berlin. Bis 16. September, tgl. (außer Mo.) 10-18 Uhr.