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| 21:45 Uhr

Tatort
Tickende Zeitbomben

 Ida Kretzschmar
Ida Kretzschmar FOTO: LR / Sebastian Schubert
Nach den erdrückenden zwölf Zeitschleifen um Kommissar Murot eine Woche zuvor tickt auch im Franken-„Tatort“ unerbittlich die Zeit. Selbst, wenn dieser ganz anders als sein Vorgänger daherkommt: Mit einem Routine-Sonntagabend­krimi hat er genauso wenig zu tun. Von Ida Kretzschmar

Dafür ist er ein geniales Beispiel dafür, dass sich Kunst und Spannung keineswegs ausschließen müssen. Im Gegenteil: Während im Bayreuther Festspielhaus auf der Bühne die Walküre überwältigende (auch akustische) Wagnersche Wucht entfaltet, bahnt sich gleichzeitig im Zuschauersaal ein kräftiges Drama an. Ein fast unerträglicher Sog. Denn wir Zuschauer wissen bereits: Immer zur vollen Stunde stirbt ein Mensch. Im Gerichtssaal, auf dem Uni-Flur, nun im Bayreuther Festspielhaus. Wahre Hinrichtungen sind das, die dem Henker selbst große Qualen bereiten, glaubt man seinem abgewandten, zerstörten Gesichtsausdruck. Wie kann sich ein anerkannter Rechtsanwalt in eine tickende Zeitbombe verwandeln? Oder jener einst so hoffnungsvolle angehende Familienvater, der ihm nun vom Rollstuhl aus  die Mordbefehle ins Ohr flüstert? Fragen, die dieser „Tatort“ aus Franken nachvollziehbar beantwortet, wobei Schicht für Schicht die eigentliche tickende Zeitbombe freigelegt wird: Lebensmittelskandale, die Menschen immer mehr verunsichern, ihr Leben bedrohen. Vergiftete Milch ist der Auslöser, was in verschiedenen Zeitebenen allmählich aufgedeckt wird. Dieses Hin- und Herspringen zwischen den Zeiten wirkt zunächst etwas irritierend, schärft aber Wahrnehmung und Spannungsbögen und legt so nach und nach glaubhaft Motive und die ganze Tragik der Figuren frei – auch dank tollen schauspielerischen Könnens. Besonders Stephan Grossmann strahlt als Racheengel Martin Kessler Traurig-dämonisches aus, das mich verschwommen an Anthony Hopkins in „Das Schweigen der Lämmer“ denken lässt. Ein „Tag wie jeder andere“ hat alles, was ich von einem guten „Tatort“ erwarte: eine dramatische, berührende, rätselhafte, spannende Geschichte, die eindrücklich erleben lässt, wie schnell man vom Held zum Täter und vom Täter zum Opfer werden kann. Hinterher tut ein starker Kaffee gut. Natürlich ohne Milch.