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| 16:45 Uhr

Tatort-Kolumne
Die Zeit ist abgelaufen

 Ida Kretzschmar
Ida Kretzschmar FOTO: LR / Sebastian Schubert
Kolumne. Unerhört! Dürfen alte, bettlägerige  Menschen noch sexuelle Gelüste haben? Das ist die spannende Frage dieses Sonntagsabendkrimis, der ansonsten in einem einzigen,  nicht enden wollenden Verhör dahin kriecht. Von Ida Kretzschmar

Als ob sich die Zeiger der Zeitschaltuhr, die irgendwann eine Rolle zu spielen beginnt, nicht vom Fleck bewegen. Endlose Befragungen muss die Pflegerin Anne ertragen, die nicht nur in Verdacht gerät, alte Herren in den Tod befördert, sondern ihnen auch zu Lust und Freude verholfen zu haben. Das allerdings stellt sich erst ziemlich spät heraus.

Anfangs überwiegt ein nüchterner Blick in den Pflegealltag, unterbrochen von einem ausgefallenen Rück­blendenkonstrukt, mit dem Autor Wolfgang Stauch und Regisseur Jens Wischnewski ständig die zeitlichen Ebenen wechseln. Da heißt es, aufmerksam zu bleiben. Auch der schwäbische Dialekt, so selbstverständlich er in einem Stuttgarter „Tatort“ auftaucht, trägt nicht eben zur besseren Verständlichkeit bei.

Dafür begreift man einmal mehr: Alt werden ist nichts für Feiglinge. Die Vorstellung scheint am Ende gruseliger als die Verbrechen, die Anne angelastet werden. Zumal der Genickbruch eines der älteren Herren, die übrigens schauspielerisch alle an die Wand spielen, wohl nicht wirklich auf ihre Kappe kommt. Dennoch nimmt sie alles auf sich. Auch wenn sie die Zeitschaltuhr nur ablaufen ließ für ein Quentchen Lust: Ihre Scham, vor Familie und Gesellschaft bloßgestellt zu werden, ist stärker als die Angst, für einen Tod büßen zu müssen, den sie gar nicht verschuldet hat. Unerhört! Sexualität im Alter mit ihren Folgen für Gesellschaft und Pflege bleibt noch immer gern unter der Decke. Das brisante Thema auf kunstvolle Weise aus der Schmuddelecke gezogen zu haben, brachte diesem „Tatort“ schon vor der Fernsehpremiere den Baden-Württembergischen Filmpreis ein. ⇥Ida Kretzschmar