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| 19:03 Uhr

KOLUMNE Der Tatort im RUNDSCHAU-Visier
Schwindelerregend

Ida Kretzschmar
Ida Kretzschmar FOTO: LR / Sebastian Schubert
Im ersten „Tatort“ nach der Sommerpause wurde diesmal nicht geballert, sondern gegiftet. Aber daran liegt es nicht, dass selbst beim Zuschauen fast die Sinne schwinden. Es ist der erste „Tatort“, gedreht in einer einzigen Kameraeinstellung. Von Ida Kretzschmar

Alles im Stück, ohne Schnitt. 88 Minuten wurde ohne Unterbrechung gefilmt. Durchdrehen ist nicht nur für die Macher eine Herausforderung. Auch als Zuschauer erlebst du alles gnadenlos in Echtzeit. Ob du willst oder nicht: Du bist mittendrin. Ständig musst du die Seiten wechseln zwischen Tätern, Opfern, Ermittlern. Die Bilder vor deinen Augen verschwimmen gelegentlich, du waberst in einer fiebrigen schwindelerregenden Atmosphäre. Ein Film, der an das gefeierte Kino-Kammerspiel „Victoria“ (2015) anknüpfen will. Kameramann Filip Zumbrunn ist den Figuren bis aufs Klo hinterhergerannt. Selbst wenn geröchelt und erbrochen wird, ist das Kamerauge ganz nah dran. Es ist die „Unerbittlichkeit des Moments“, die Regisseur Dani Levy (Alles auf Zucker) in diesem .„Tatort“ aus Luzern, der ansonsten eher behäbig daherkommt, nachdrücklich zu demonstrieren weiß. Während es im Foyer drunter und drüber geht, hat man das Gefühl: Im Saal spielt das jüdische Orchester weiter die Stücke ermordeter Komponisten. Musik ist nicht totzukriegen. Es geht um Holocaust-Opfer und Gewinnler, um Schuld und Bühne, ungewöhnliche Fragestellungen, ums Improvisieren. Der Fall tritt in den Hintergrund. Die Kamera wird zum Star. Das kann durchaus spannend sein. Wenn nicht obendrein noch der „Tatort“ zum Theaterspektakel mutiert wäre. Schwindelerregend zu viel Experiment für eingefleischte Fans des klassischen Krimis.

sw_TV Tatort ARD
sw_TV Tatort ARD FOTO: LR