Tatort, Minute zehn: Die Ahnungslosigkeit kennt keine Grenzen. Wer ist diese Dame im Verhör? Was hat der Pfarrer damit am Hut? Und in Gottes Namen: Wer verdammt noch mal ist dieser flinke Indianer? Existiert der wirklich? Fata Morgana? Irgendwann ist es raus: Der Indianer heißt Erik. Der Indianer ist taub. Der Indianer mag keine Hunde.

Alle sind im Trauma-Koma

Tatort, Minute 25: Der erste Aha-Moment. Die Frau vom Toten outet sich als verbitterte Verlassene, die Frau vom Schiff als verliebte Verlorene. Und dann sind da noch die Männer: drei Söhne, drei Generationen, drei Traumata. Heinrich, Johann, Simon. Nicht zu vergessen: der Indianer, Segelschiff-Senta und Pfarrersfrau Nadja - das Trauma-Koma hat bei allen zugeschlagen. Bumm!

Der Tatort erzählt von einem Vater-Sohn-Drama, das tief in der deutschen Vergangenheit wurzelt. Was uns diese bedrückende Schuldkette verdeutlicht: Kinder übernehmen die Komplexe ihrer Eltern. Heinrichs Vater war ein grauenvoller Kriegsverbrecher. Weil Heinrich die „Nazigene“ nicht weitergeben will, ignoriert er seinen Sohn Johann einfach weg. Der wiederum entwickelt aus dieser Zurückweisung eine extreme Gläubigkeit, unter der nicht nur sein Sohn Simon leidet. Am Ende sind die Kinder die Opfer. Sie geben es weiter, weiter, weiter. Und werden zu Tätern.

Wo bleibt die Spannung?

Die womöglich spannendste Szene des 90-Minuten-Krimis: Borowski trifft im Wald auf einen riesigen Hund. Aber nicht der Hund jagt Borowski, nein. Borowski jagt den Hund. Am Ende schnappt er den Indianer. Ansonsten: Spannungsdefizit ahoi! Der sonst so charmant-gewitzte Borowski ist müde. Die Charaktere sind anstrengend. Genau wie die Story. Viel Verwirrung, wenig Unterhaltung, seltene Aha-Momente, kein Schmunzel-Anlass zum Luft holen. Schade.

Tatort, Minute 89: Der Abspann läuft. Mitleid mit dem Indianer. Mitleid mit dem kleinen Simon. Mitleid mit dem Zuschauer. Es ist eben ein Tatort, der nur Opfer kennt.

Krimi-Kolumnistin Anja Hummel
Krimi-Kolumnistin Anja Hummel
© Foto: Sebastian Schubert

Schon der vergangene Browoski-Tatort ist bei unserem Kolumnisten Daniel Schauff nicht allzu gut weggekommen. Hier gibt es die Kritik noch einmal zum Nachlesen:

Tatort am Sonntag Netter Versuch