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Kraftvoll in Farbe und Form

Der Cottbuser Maler und Grafiker Horst Ring vor seinem Werk "Frecher Junge" (Acryl auf Baumwolle, 2013).
Der Cottbuser Maler und Grafiker Horst Ring vor seinem Werk "Frecher Junge" (Acryl auf Baumwolle, 2013). FOTO: mih1
Cottbus. Nur ein Bruchteil seines Schaffens ist in der am Mittwochabend eröffneten Ausstellung – es ist die 60. in den Räumen des SPD-Bürgerbüros – zu sehen. Renate Marschall

Seit fast fünfzig Jahren arbeitet der Maler und Grafiker Horst Ring, der vielen Menschen vor allem durch seine Plastiken und Keramiken im öffentlichen Raum bekannt ist, in Cottbus. Von der Hochschule für bildende Künste Dresden kommend, zog es ihn wie viele junge Künstler in den 50er- und 60er-Jahren ins Gaskombinat Schwarze Pumpe, dort entstand 1966 seine Diplomarbeit.

Schon im Jahr 1968 wurde Cottbus sein Ankerpunkt. Kaum angekommen, verewigte er sich im Stadtbild mit dem Spinnenbrunnen in der Stadtpromenade, hatte bei einem Wettbewerb alle anderen Künstlerkollegen aus dem Feld geschlagen. Zu bewundern ist er heute nicht mehr. Wie viele andere Werke, beispielsweise auch der Krebs am Hochhaus an der Straße der Jugend, fiel er neuen Stadtplanungen nach der Wende zum Opfer. Die Ignoranz gegenüber Kunst - zumal DDR-Kunst - kannte keine Achtung vor der schöpferischen Leistung.

In ihren Grußworten an den Künstler beschreibt Brandenburgs Kulturministerin Martina Münch (SPD) ein Umdenken in Bezug auf Kunst aus der DDR, verweist darauf, dass das neu geschaffene Brandenburgische Landesmuseum für moderne Kunst, das bevorzugt DDR-Kunst sammelt, zum begehrten Leihgeber für Ausstellungen geworden ist. Etwa für das Barberini in Potsdam, das eine Ausstellung mit Kunst aus der DDR plant (ab 29. Oktober). Dennoch bleibt vieles unwiederbringlich. Um so ärgerlicher, weil Menschen mit Sachverstand in der Stadtverwaltung das hätten verhindern können. Stattdessen blieben die Interventionen des Künstlers ungehört.

Neben der Arbeit an den Keramiken, worüber Horst Ring noch immer gern spricht, hat er auch immer gemalt. Seit geraumer Zeit nur noch und nur im Format 90 mal 90. "Ich musste ein Format finden, das meinen Vorstellungen entsprach und in dem ich ohne zu zittern eine Linie auf die Leinwand bringen kann", bekennt Ring. Was zumeist in intensiver Farbigkeit mit Acryl gemalt auf Leinwand oder Baumwolle erscheint, entsteht zunächst als Schwarz-Weiß-Skizze zehn Mal zehn mit chinesischer Tusche. Schon allein diese Miniaturen wären eine eigene Ausstellung wert. Zwei bis drei zeichnet Horst Ring jeden Tag, lässt sich inspirieren von Dingen, die er gerade gesehen hat oder schon seit Jahren im Kopf mit sich herumträgt. Seit zehn Jahren mache er das, erzählt er, etwa 30 000 dieser kleinen Kunstwerke lagern in seiner privaten Galerie in seinem Haus, die er auch gern für Interessierte öffnet. Ein schier unerschöpfliches Ideen-Reservoir für seine Tafelbilder.

"Ich übertrage aber nicht einfach von Klein auf Groß", erklärt der Künstler, "es ist ein kreativer Prozess, die Flächen mit Farbe zu füllen." Viel Blau in verschiedenen Nuancen, Gelb, Rot oft als Leuchtpunkt. Eine untergehende Sonne etwa oder der Mund in den kubistischen Köpfen. Die Malkohle, mit der er vorzeichnet, bleibt sichtbar.

Köpfe sind ein bevorzugtes Sujet. Sie laden den Betrachter ein, sich sein eigenes Bild von dem Menschen zu machen. Der Physiker etwa hat eine für den Laien unbegreifliche Formel im Kopf. Es ist der Teil einer Formel, erklärt Ring. Gefunden habe er sie in der Zeitschrift Bild der Wissenschaft. Einer von Rings Söhnen, zu denen er ein inniges Verhältnis hat, ist Physiker. Und ein anderer, der Übersetzer Arno Ring, begleitete die Ausstellungseröffnung mit Klezmer-Klängen auf der Klarinette.

In eher pastellenen Farben ist der Denker gemalt. Mit skeptischem Blick schaut er auf die Welt. Provokant fragt der Maler "Warum denkt er?" Köpfe bevölkern auch Horst Rings Kalender - Kalenderköpfe. Er male eben auch, wenn er telefoniere, erzählt er. Insgesamt acht bis zehn Stunden am Tag.

Neben den Köpfen ist es die Atmosphäre von Landschaften, die der Maler in Farben und Formen auszudrücken sucht. Besonders wirkungsvoll "Die Straße am Titicaca". Dieser größte See Lateinamerikas übt auf alle, die ihn gesehen haben, eine magische Wirkung aus, die sich im Bild widerspiegelt. Das dunkle Blau des Sees, Felsen, Ufergrün und die Zeichen einer frühen Zivilisation.

Die Ausstellung zeigt vorrangig Werke der letzten beiden Jahre. Vielleicht gelingt es ja, zum 2019 ins Haus stehenden 80. Geburtstag des Künstlers in einer größeren Schau einen Querschnitt seines Schaffens zu präsentieren.