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| 15:03 Uhr

Korrupte Politik, Demokratie und die Wahrheit
„Ein Volksfeind“ geht am Cottbuser Staatstheater auf Konfrontation

 Der Badearzt Dr. Thomas Stockmann wird vom Volksfreund zum Volksfeind. Gunnar Golkowski glänzt in der Cottbuser Inszenierung.
Der Badearzt Dr. Thomas Stockmann wird vom Volksfreund zum Volksfeind. Gunnar Golkowski glänzt in der Cottbuser Inszenierung. FOTO: Staatstheater Cottbus / Marlies Kross/Theaterfotografin
Cottbus. Premiere am Staatstheater Cottbus: Jo Fabian zeigt eine großartige Bearbeitung von Henrik Ibsens „Ein Volksfeind“ – zum richtigen Zeitpunkt. Von Daniel Schauff

Zweieinhalb Stunden sind vorüber. Und im Kopf bleibt die Frage, ob man denn nun Pudel oder Straßenköter ist. Das ist wichtig, sagt Doktor Thomas Stockmann (Gunnar Golkowski). Und hat etwas mit Demokratie zu tun. Hat viel mit Demokratie zu tun. Aber alles der Reihe nach.

Henrik Ibsens „Ein Volksfeind“ ist ein Paradebeispiel für politische Dramen. Ibsen stellt darin nichts weniger als die Demokratie infrage. Öffentliche Meinung gleicht Wahrheit? Oder ist Wahrheit doch das, was sich belegen lässt. Wissenschaftlich. So wie Stockmann das mit Herz und Seele verteidigt. Die öffentliche Meinung aber ist gegen den Badearzt. Der will aber nicht schweigen. Aus dem beliebten Wissenschaftler, der – eigenen Angaben zufolge – tagein tagaus im Kämmerlein hockt, um für das Wohl der Menschen in seiner Heimatstadt zu arbeiten, wird der Volksfeind, der eben, gegen den die öffentliche Meinung ist.

Stockmann hatte herausgefunden, dass das Wasser in der städtischen Badeanstalt verunreinigt ist. Am Bad aber hängt der Wohlstand der Stadt. Letzterer steht auch noch der Bruder des Badearztes als Bürgermeister (Axel Strothmann) vor. Der wiederum genießt ein hohes Ansehen bei den Bürgern. Logisch, schließlich geht es der Stadt gut. Da kann nun wirklich keiner die Wahrheit gebrauchen, wenn sie den Wohlstand bedroht. Selbst der Journalist nicht.

FOTO: Staatstheater Cottbus / Marlies Kross/Theaterfotografin

Ibsens „Ein Volksfeind“ stammt aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert und spielt auch zu dieser Zeit. Dass Fabian die Handlung im ersten Teil der Inszenierung in die Antike und damit in die Anfangszeit der Demokratie verlegt, ist kühn. Immerhin wird so deutlich, dass es bei Ibsen und in der Cottbuser Inszenierung um so viel mehr geht als einen Kurort, in dem öffentliche Meinung und Wahrheit derart konkurrieren. Es geht um die Frage, was Demokratie überhaupt kann und ob sie wirklich der richtige politische Weg ist. Und weil die Antike und die Geburt der Demokratie noch nicht genug sind, verwendet Dramaturg Lukas Pohlmann für die Cottbuser Fassung von „Ein Volksfeind“ unter anderem auch Motive aus Aristophanes „Weibervollversammlung“ und wirft auch noch die Frage nach der Rolle der Frauen in der Demokratie auf.

Ganz schön viel, was sich das Cottbuser Staatstheater da für eine einzige Inszenierung vorgenommen hat. Nach der Pause ist die Antike passé, der Fall wird zum Ende des 19. Jahrhunderts weiter verhandelt. Und noch eine Frage kommt auf: Hat sich die Demokratie eigentlich überhaupt irgendwann weiterentwickelt?

Was wie ein unglaublich anstrengendes Stück klingt, ist vielmehr mitreißend, und anstrengend, das aber in durchweg positivem Sinne. Einerseits geht es um die wirklich großen gesellschaftlichen und politischen Fragen – und das zur Premiere auch noch am Abend vor den Europa- und Kommunalwahlen in der Lausitz – die Cottbuser Inszenierung wirkt stellenweise trotzdem leicht, locker, mitunter sogar amüsant, bis einem das Lächeln dann im Halse stecken bleibt. Dann nämlich, als aus dem einst so beliebten Dr. Thomas Stockmann ein Opfer geworden ist, das an der Meinung der Mehrheit zugrunde geht. Zwischendurch befiehlt Bürgermeister Stockmann, das Bühnenbild zu drehen. Schließlich will er, soll sein Volk in gutem Licht dastehen.  Und sein Bruder, der Feind seines Volkes, in möglichst schlechtem. Der Badearzt aber drängt sich mit aller Macht zurück ins Bild, mit so viel Macht, dass der letzte Monolog des Dr. Stockmann ganz tief unter die Haut geht. Golkowskis Leistung ist den ganzen Abend hinweg großartig, in den letzten Minuten des Stücks wird sie noch großartiger.

Bei Hunden, sagt der Badearzt irgendwann zu Beginn des besagten Dialoges, sei es gar keine Frage: Der gut erzogene Pudel aus gutem Hause sei geeigneter, die Geschicke zu führen als der Straßenköter. Beim Menschen aber zähle Kultiviertheit und Wissen nicht so viel wie Masse. Und da ist sie, die Frage, ob man selbst denn nun zu den Pudeln oder den Straßenkötern gehört. Eine Frage, die nachhallt, bis in die Wahlkabine am nächsten Tag. Aber auch ohne Wahltermin in der Nähe: „Der Volksfeind“ schickt die Theatergäste quer durch die Gefühlswelten. Bei politischen, gesellschaftskritischen Stücken ist das wahrlich alles andere als einfach.

FOTO: Staatstheater Cottbus / Marlies Kross/Theaterfotografin