Herbert Grönemeyer spazierte vom nahen Hotel per pedes zu seinem Konzert in die Semperoper und zog von Beginn an das Publikum in seinen Bann, ließ es nach seinen Wünschen tanzen.
Es scheint keine bessere Bühne für Herbert Grönemeyer zu geben, als die, die vorgestern in Dresden stand. Mit einer Streichergruppe, seiner Band nebst zwei Schlagzeugen war dieser Auftritt wohl einer der emotionalsten, die der Sänger je erlebte. Sofort sind sie ein „Herz und eine Seele“ , Herbert und seine Fans. „Kopf hoch, tanzen“ , lautet die Devise bereits kurz nach Start. Das lassen sich die Leute nicht zweimal sagen. Der Saal steht, klatscht und wippt im Takt. Zwischenrufe, „Bochum“ zu spielen, wischt der Sänger weg: „Das klingt unplugged nicht!“ Dafür nehme er gern ein paar Buh-Rufe entgegen. „Bevor die Frage kommt: Auch ,Currywurst' spielen wir nicht.“ Prompt hört man laute Buh-Rufe - doch mehr scherzhaft. Weil ER es so will. Und ER setzt noch einen drauf: „Ja. Lasst eure Gefühle raus!“
Dann kommt „Bleibt alles anders“ , und dabei tanzt er seinen unnachahmlichen Stil, für den er schon oft geschmäht wurde, und alle stehen sie auf aus den weichen Sitzen der Oper, singen und klatschen. In der linken Hand das Mikro, in der rechten einen Shaker, hüpfen jetzt seine Beine rhythmisch am Bühnenrand entlang. Dabei fliegen die Bögen über die Saiten der Streicher. Was für ein Sound!
Klar, auch bei „Männer“ wird fleißig mitgesungen, besonders laut natürlich an Stellen wie „Wann ist denn man(n) ein Mann?“ Und da verhaspelt sich Herbert kurz im Text - macht nichts.
Beim Zwischenspiel reißt er die Arme hoch und lässt seinen Hintern (erotisch) wackeln, bevor er sich überraschend und kurz mitten in das Publikum wagt. Bei „Zum Meer“ sitzt er wieder brav auf seinem Barhocker, in Bluejeans und schwarzem Hemd. Verkuppeln will er mit „Liebe liegt nicht in der Luft“ - da rollt er das „errrr“ mit der Aufforderung „Los, verlieb dich“ , und das Arrangement klingt wie ein altes russischen Volkslied.
Die Lichtgestaltung an diesem Abend ist so dezent, so unaufdringlich, dass man sie kaum wahrnimmt. Die Scheinwerfer, seitlich versteckt, werfen mal blaue, mal grüne und mal rote Flächen auf die, ebenso aufgeräumte, Bühne. Als er nach anderthalb Stunden die Bühne verlässt, muss ihn das Publikum schon ein wenig feiern, mit „Herbert-Herbert“ -Rufen, um ihn zurückzuholen. Dann gibt es endlich die Zugabe, und - was jetzt noch niemand weiß: der Abend wird noch lang! „Flugzeuge im Bauch“ muss noch kommen, klar! Das Publikum ist weiterhin textsicher, vielleicht sogar ein wenig mehr als der Sangesmeister selbst. Es ist kaum wichtig, was und wie weit Herbert singt. Stoppt er, machen die Fans einfach im Text weiter. Und so manches mal provoziert er dies sogar, indem er einfach nicht mehr weiter singt, aber den Kopf in Richtung Publikum nicken lässt. Das ist leicht! Dann „Zeit, dass sich was dreht“ - hier kocht die ehrwürdige Oper nicht zum ersten Mal an diesem Abend - und der Sänger strotzt vor Power und Energie, hüpft, springt.
Am Ende des Liedes immer noch minutenlang der große Chor: „Zeit, dass sich was dreheet, was drehehet . . .“ - da stehen die Musiker schon am Bühnenrand, verbeugen sich und verschwinden. Doch nach ein paar Minuten „Amateurgesang“ geht es nicht anders: Herbert steigt wieder mit ein. Bei „Stand der Dinge“ muss er zweimal ansetzen, Belohnung ist ein wunderschönes Streicher-Arrangement auf brillanten Klaviertönen. Dann greift er selbst zur Akustischen, singt dazu „Wenn du schläfst“ , nur Streicher und das Klavier untermalen „Ich dreh mich um dich“ und bei „Mensch“ teilen sich der Sänger und die Dresdner die Gesangszeilen. Das sollte nun wirklich alles sein, doch die Leute singen einfach minutenlang allein weiter ein schallendes „La-La-laa“ zur Melodie von „Mensch“ . Das Saallicht geht an und irgendwann wieder aus, als Herbert rauskommt und sagt: „Ihr seid prima! Danke für einen wunderschönen Abend!“ Und: „Meine Tochter sagte, so etwas Schönes wie diesen Auftritt hier hat sie noch nie erlebt!“ Das folgende „Bloß geliebt“ liefert mit dem Solo auf der Gitarre noch einmal einen Höhepunkt - und ganz ruhig verabschiedet sich Herbert Grönemeyer mit „Zur Nacht“ . Zweieinhalb Stunden feinste Unterhaltung - und wohl niemand bereut jetzt die horrenden Kartenpreise.
Weitere Termine: Morgen Magdeburg, am Montag Düsseldorf, 21. September Amsterdam.