| 17:14 Uhr

Neujahrskonzert
„Das Orchester tanzt“

Neujahrskonzer im Staatstheater Cottbus t zu Silvester mit der Solistin Liudmila Lokaichuk.
Neujahrskonzer im Staatstheater Cottbus t zu Silvester mit der Solistin Liudmila Lokaichuk. FOTO: Marlis Kross / Staatstheater Cottbus
Cottbus. Standing Ovations beim Konzert zum Jahreswechsel 2017/2018 im Staatstheater Cottbus Von Irene Constantin

„Das Orchester tanzt“ hieß das Motto der diesjährigen philharmonischen Konzerte zum Jahreswechsel, aber es benahm sich wie ein 16-jähriger Knabe beim Schulfest. Tanzen? Nee. Lieber später. Wenn‘s sein muss. Und dann macht es doch Spaß.

Dabei – es ging richtig flott los und mit Spannung zur Sache. Alexander Merzyn, seit Spielzeitbeginn Erster Kapellmeister am Theater, bat zur „Fledermaus“-Ouvertüre, und die hatte Tempo, wenig Sentimentalität und einen ausnehmend frischen und straffen Wiener Schmäh. Trotzdem landete der moderierende Kapellmeister beim Erklären dieser speziellen Batman-Story vor lauter Aufregung bei Figaros Hochzeit. Dort trägt die Gräfin bekanntlich die Sachen der Zofe, während Strauß‘ Zofe Adele sich von der Gnädigen ein Ballkleid „ausleiht“ und von ihrem Arbeitgeber angeschmachtet wird. Sie heizt ihm ein: „Mein Herr Marquis“, Arie für einen Glitzersopran, mit der sich der Star des Abends, Ensemblemitglied Liudmila Lokaichuk, sozusagen warmsang.

Danach tanzte das Orchester immer noch nicht, sondern spielte ein mächtig gewaltiges, eher ernsthaftes Werk für ein Abendprogramm: Peter Tschaikowskis Fantasie­ouvertüre „Romeo und Julia“. Tschaikowski ist ein großer Komponist, aber die Leichtigkeit einer jungen Julia steht ihm einfach nicht zu Gebote. Zu Anna Karenina passt das Werk deutlich besser. Und gleich nochmal russische Seele, mit Rachmaninow, aber immerhin in der hellen Farbe von Lokaichuks Sopranstimme.

Aber jetzt: hoch die Beine und getanzt, und zwar flott und hochgefährlich, Chatschaturjans Säbeltanz fetzte nur so. Lassen wir Sibelius‘ Valse triste aus und kommen gleich zu Donizetti, dem Komponisten für die ganz austrainierten Stimmbänder. Liudmila Lokaichuk jubilierte, formte Melodien, trillerte und tirilierte und brillierte, dass es seine Art hatte. Das ist ihr Fach!

Jedenfalls ist sie nicht vom schweren Wagner-Fach und Alexander Merzyn wohl auch nicht. Seine Walküren kamen alle aus der Jugendmannschaft und statt der schweren Schlachtrösser ritten sie eher die leichte Kavallerie. So eine dahin schwirrende Pony-Schwadron ist zumindest in Bayreuth noch nie über den Rhein gestürmt. Dieser Walkürenritt nahm schon den folgenden Frühlingsstimmenwalzer voraus, wieder gesungen wie Sekt.

Doch ach, ewig kann’s nicht Frühling sein, Johannes Brahms, der erste ungarische Tanz. Ich muss immer an dunkelblauen Samt denken, wenn die Bratschen loslegen, und an Silberstickerei, wenn die Flöten einsetzen.

Und das war‘s schon? Zugabe!! Also, Polka schnell „Unter Donner und Blitz“. Wieder so ein Bravourstück für den neuen Kapellmeister; das Orchester akkurat und trotzdem mit einem rund federnden Klang, erstaunlich. Dazu Paukendonner vom Feinsten.

Genau genommen war alles bis dahin Vorspeise. Das Hauptgericht kurz vor dem Ende des musikalischen Soupers servierte wieder ­Liudmila Lokaichuk, die Arie der Olympia aus „Hoffmanns Erzählungen“. Traumhafte Triller und Koloraturen, Spitzentöne von stratosphärischem Höhenglanz. Und dazu überzeugte sie das bestens amüsierte Publikum auch noch davon, dass sie die Figur auch spielen kann, der sie ihre tolle Stimme leiht. Und sei es eine Puppe. Standing Ovations mit Radetzkymarsch.