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| 01:34 Uhr

Kontrastreich und unterhaltsam

Das Philharmonische Orchester war der Star des Abends. Foto: Kross
Das Philharmonische Orchester war der Star des Abends. Foto: Kross FOTO: Kross
Mit einem kontrastreichen und unterhaltsamen Programm eröffnete Generalmusikdirektor Evan Christ die neue Konzertsaison des Philharmonischen Orchesters des Staatstheaters. Eine frühe Haydn-Sinfonie stand vor dem „Red Silk Dance“ des chinesischen Komponisten Bright Sheng, Robert HP Platz komponierte das kurze Uraufführungswerk „Blau, See“, das die 1. Sinfonie von Gustav Mahler einleitete. Von Irene Constantin

Angenehm knackig und trocken begann die Haydn-Sinfonie Nr. 19 fast im “Alte-Musik„-Ton. Aber 22 Streicher sind eine recht opulente Besetzung für ein Frühwerk des Meisters und ganz bis zum Schlussakkord hielten die Musiker den schönen frühklassischen Ton leider nicht durch. So schlich sich ein satter Hauch Romantik schon in das im luftigen Tempo musizierte Eröffnungswerk. Im romantischen Gusto sollte es an diesem Abend weitergehen. Auch die beiden neuen Werke atmeten den vertrauten Geist.

Bright Sheng hatte sich für sein 1999 entstandenes Stück für Orchester und Klavier von den weiträumigen und vielfältigen Klangeinflüssen der alten Seidenstraße inspirieren lassen. In der Kulturrevolution musste der junge Shanghaier Großstadtbewohner zur Bewährung nach Mittelasien gehen, in die tiefste Provinz. Dort erkundete er, als Revuepianist und Schlagzeuger tätig, die Region musikalisch. Viel später entstand dann der “Seidenstraßentanz„, der die östlichen mit westlichen Einflüssen verbindet. Das solistische Klavier beginnt mit harten Arpeggien, gibt dann ein energisches Klavierthema vor, an dem sich das Orchester und das Soloinstrument in kräftig percussivem Gestus abarbeiten.

Erstaunliche Pianokunst

Der dem Cottbuser Publikum schon sympathisch vertraute Pianist Tzimon Barto hämmerte gehörig, um dann im zarten Mittelteil wieder einmal seine erstaunliche Pianokunst vorzuführen. Die erfrischende Zugabe nach dem wiederum energiegeladenen, zornigen Schlussteil der “Seidenstraße„ war dann ein Klavierkonzertsatz von Johann Sebastian Bach.

Auch in der neuen Saison behält Evan Christ sein Programm monatlicher kurzer Uraufführungen bei. Gab es in der vergangenen Saison composers-in-residence, so gibt es diesmal ein Interpretenensemble-in-residence, die renommierten Neue-Musik-Spezialisten vom “ensemble mosaik„. Sie stehen dem Philharmonischen Orchester bei den Uraufführungen zur Seite.

Robert HP Platz' 5-Minuten-Stück “Blau, See„ ordnet sich wie alle seine neueren Kompositionen einer großen Werkidee unter. Der erklungene Mikrokosmos daraus konzentrierte sich auf das Ausloten von Vorder- und Hintergrundwirkungen und das Auffalten klingender Räume.

Damit endlich war das letzte musikdramaturgische Verbindungsglied zwischen der sinfonischen Frühform bei Haydn und einem der romantischen Hauptwerke erklungen, der 1. Sinfonie von Gustav Mahler. Die Sinfonie bildete das Hauptstück des ersten Konzerts.

Mahlers Raumklang

Auch Mahler bedient sich des Raumklangs. Die Sinfonie beginnt mit einem hauchzart vernebelten Klangteppich, dem in sieben Oktaven zerspaltenen Ton A. Überaus lieblich streuen verschiedene Holzbläser die ersten melodischen Keimzellen, absteigende Quarten darüber hin. Ferne Fanfaren aus dem Hintergrund treten hinzu, bis sich der weit aufgefaltete Klangraum wieder konzentriert und in den vier Sätzen der Sinfonie einen ganzen Notenschrank populärer Melodien vom Ende des 19. Jahrhunderts auf das Unterhaltsamste abarbeitet. Wobei kein Ton erklingt, dem nicht anzumerken ist, dass Freude eine überaus ernste Sache ist. Mahlers eigenen melodischen Schöpfungen aus den “Liedern eines fahrenden Gesellen„ fällt dabei das Schwergewicht zu. Aber wir hören auch, überaus spannend vom Solo-Kontrabass intoniert, das Thema des Kinderliedes “Bruder Jacob„, wir hören Ländler- und Walzerfetzen oder ein quietschlustig-melancholisches jiddisches Thema. Mit dem Beginn des Finalsatzes wird all dies in einem grandios modern wirkenden Orchesteraufschrei beiseite gefegt. Ein erschütternd leidenschaftlicher Kampf beginnt, der endlich, wie durch ein Fegefeuer gereinigt, in eine lange romantische Melodie übergeht. Noch einmal das Kampfthema, bis nicht weniger als sieben Hörner den gewaltigen Schluss dominieren. Evan Christ ließ seine Hornisten zu diesem grandiosen Choral sogar aufstehen. Schon vor dem Schlussakkord lenkte er so die Aufmerksamkeit der Zuhörer auf das Orchester, das in diesem Konzert zweifellos der Star des Abends war. Viele Orchestersolisten hatten beeindruckend perfekt und beseelt musiziert. Evan Christ hat durchweg flotte Tempi angeschlagen, ließ eine Anbetungshaltung gegenüber diesem Großwerk gar nicht erst aufkommen. Er betonte die durch Collagetechniken, Raumwirkungen, Spaltklänge und kühne Harmonien beglaubigte Modernität Gustav Mahlers, sparte aber im Gegenzug auch nicht mit hochromantischen Beschleunigungen und Verlangsamungen des Tempos. Die Konzertbesucher folgten atemlos und belohnten ihr Orchester mit Ovationen.