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| 18:14 Uhr

Sommertheater
Was soll der Zirkus? Früher ist heute vorbei

Szenenfoto mit (vorn v.l.): Lech Chébirthar (Clown Eddy), Gunnar Golkowski (Hermann von Eiscreme), Ingolf Müller-Beck (Bonaparte) Foto: Marlies Kross.
Szenenfoto mit (vorn v.l.): Lech Chébirthar (Clown Eddy), Gunnar Golkowski (Hermann von Eiscreme), Ingolf Müller-Beck (Bonaparte) Foto: Marlies Kross. FOTO: Marlies Kross / Marlies Kross/Theaterfotografin
Cottbus. Die letzte Schauspielpremiere am Staatstheater Cottbus gerät auf dem Hof der Alvensleben-Kaserne außer Rand und Band. Von Ida Kretzschmar

Wo ist Anfang, wo ist Ende? Was ist früher, was ist heute? Was soll der ganze Zirkus? Wer einen wohl-geordneten Theaterabend erwartet, muss sich Donnerstagabend erst einmal die Augen reiben. Im Kasernenhof von Albrecht Hirche II. herrscht Chaos, Anarchie – eben Zirkus.

Die Unruhestifter sind schnell ausgemacht. Vier Kaspers bringen hier alles außer Rand und Band. Sie halten wilde Reden, sprechen schnell und alle auf einmal, sodass man sich nicht einmal Mühe geben muss, jedes Wort zu verstehen. Zumal sie zwischen den drei Spielflächen herumwirbeln, sich einfach nicht in ihre Rolle fügen und sich aufspielen wie die Könige. „König Kasper kann immer“ heißt ja auch die Uraufführung von Albrecht Hirche, der als Autor, Regisseur und Ausstatter diesem Theaterjahrmarkt in Cottbus schillernden Chaotenlook verleiht.

Hausherr aber ist eigentlich Hermann von Eiscreme, den Gunnar Golkowski förmlich zerfließen lässt, wächst ihm doch, so voller raffinierter Winkel die Anlage unterm Sternenzelt auch ist, der ganze Zirkus allmählich über den Kopf. Schon vor Beginn der Vorstellung bei Erdbeerbowle und Kasperburger mischt er sich beflissen unter die Jahrmarktsgäste. „Untergebene zu bespaßen hat seine Schattenseiten“, lässt er sie später in der Manege spüren. Wie kann er für ihr Wohlergehen garantieren, wenn ihm die Kaspers auf der Nase herumtanzen? Mehr noch: Sie quetschen sich auch schon mal zwischen die Leute auf den Publikumssitzen. Herrlich actionreich, chaotisch und widerspenstig gebärden sich Lisa Schützenberger und Kristin Muthwill sowie die Gäste Emma Rönnebeck und Demian von Prittwitz in ihren Kasperrollen, in denen sie total aus der Rolle fallen. Das ist kein gewöhnliches Kasperltheater mit Spaßmachern. Diese provozieren, werden frech bis philosophisch, sind dadaistisch, absurd und grotesk. Ein irre Zeitreise zwischen Mittelalter, 20. Jahrestag der DDR und fremdelndem Cottbus 2018 nimmt seinen Lauf. Nicht nur die Kaspers sehnen sich zurück, weil früher alles schöner war. Davon erzählt auch eine Ausstellung in 66 Apfelkisten auf dem Jahrmarktshof.

Voller Energie ist ihr Spiel, so als müssten sie alle Vorurteile hinwegfegen: Fahnenflüchtige, Deserteure, Arbeitsverweigerer, Asoziale, Ewiggestrige... Sie protestieren auf allen Vieren. Wer wagt es, gegen sie anzutreten? Ein Historischer, der sich Bonaparte nennt (Ingolf Müller-Beck) übernimmt einfach das Kommando und rekrutiert vier Zuschauer, die ihre Kräfte mit den Kaspers beim Tauziehen messen. Clown Eddy, der nicht nur einem  russischen Clown in Altersteilzeit ähnelt, sondern dem Regisseur wie aus dem Gesicht geschnitten ist, versucht zu assistieren. Leider ist er derart auf Waffen versessen,  dass fraglich bleibt, ob er die Stimmung aus dem Keller holen kann. Das Zeug dazu hat er. Soll nur ja keiner sagen: „Gute Nacht, du dunkles, düsteres Braunkohlenloch.“

Solcherart, derber und durchaus auch subtiler Natur, sind die Anspielungen, die durch aktives Weghören an einem vorbeisausen oder eben durch Mitmachen befeuert werden. „Me too“ ist dann schon mal zu hören. Auch mit den Klatschen (nicht nur mit den eigenen Händen) ist ordentlich Krach zu schlagen. Und dann kommt ja auch noch die Musik ins Spiel. Walt van de Vögelwies (Gastmusiker Andrew Krell) und seine Mannen mixen einen ganz speziellen Minnecocktail, der sangesmutiges Publikum als Extrachor auf den Plan ruft. Das befördert auch die Liebe von Gretschella Fux. Lucie Thiede gibt die Trapezdame in naiver Hingabe und Zerbrechlichkeit. Ganz gegensätzlich wirkt Brünhilde, die dem Geschehen im zweiten Teil des Abends ordentlich auf die Sprünge hilft. Sigrun Fischer hat als die stärkste Frau der Welt auch stimmlich einen starken Auftritt, ebenso Thomas Harms, der es als Mister Grog eigentlich nicht in Hermanns Hauptprogramm geschafft hat. Insgesamt ist das durch Gäste verstärkte Schauspielensemble mit viel Spiellust dabei und sorgt auch für poetische Momente.

Für das Publikum bleiben wie beim Tauziehen immer wieder lose Enden zwischen klugen Sprüchen und Klamauk. Man kann sie aufnehmen oder auch liegen lassen. War früher wirklich alles schöner? Was soll der Zirkus! Kaum schwelgen Akteure und Zuschauer im Gestern, purzeln sie gnadenlos in die Gegenwart. Früher ist heute vorbei. Auf zur Party – da ist noch Luft nach oben!

Karten für die weiteren Vorstellungen sind für 21 Euro, ermäßigt 14 Euro, Familienkarte 42 Euro, erhältlich im Besucherservice sowie online über www.staatstheater-cottbus.de, Tickettelefon: 0355/ 78242424. Am 21., 22., 23., 24., 27., 28. und 30. Juni beginnt es immer 20.30 Uhr, am 17. Juni und am 1. Juli bereits um 15 Uhr. Im September geht es weiter. Einlass: 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn, Dauer: zweieinhalb Stunden mit Pause.