Intendant Sewan Latchinian geht dem gleich zu Beginn zuversichtlich entgegen: „Mit Dr. Heilmann ist Kompetenz im Raum, falls sich beim Kochen jemand in den Finger schneidet“ , leitet er augenzwinkernd ein. Einen Vertrauensbonus hat sich der 51-jährige Thomas Rühmann mit seiner Rolle aus der MDR-Fernsehserie „In aller Freundschaft“ auch längst bei den Zuschauern erworben. Und so schwappt, schon bevor er sein Tomaten-Orangen-Süppchen zum Kochen bringt, das Gespräch vom Podium auch in den Theatersaal mit der immer wiederkehrenden Aufforderung: „Haben Sie noch Fragen„“ Oder vorwitzig: „Darf ich auch Fragen stellen““
Bei ihm sei immer alles glatt gegangen, verrät er mit undurchdringlicher Miene. Er habe in der Maxim-Gorki-Straße gewohnt, sei in die Maxim-Gorki-Schule gegangen, seine erste Bibliothek hieß „Maxim Gorki“ und sein erstes Engagement hatte er am Maxim-Gorki-Theater in Berlin. Letzteres zumindest ist verbrieft. Nur zur Sicherheit: Heinz Rühmann könne dann wohl nicht sein Vater sein„ „Nein, Hans Albers“ , reagiert er auf die oft gestellte Frage, um dann einzulenken: „Ich sage jetzt immer, ich sei Heinz Rühmanns illegitimer Sohn“ .
Aber eigentlich war sein Vater Lehrer und er der einzige Schauspieler aus einer Familie mit sieben Kindern. Sein halbes Schauspielerleben habe er Theater gespielt, 1995 machte er im Kopf einen doppelten Salto und arbeitete fortan ohne Netz und doppelten Boden - freischaffend.
Und machte eine Erfahrung gegen sein Naturell: „Man darf sich nicht verstecken. Hätte ich das getan, hätte ich die Rolle des Dr. Roland Heilmann niemals bekommen“ , ist er sich sicher. Die Erfolgsserie wird inzwischen in über 30 Ländern gesehen.
Hier in Senftenberg aber hat Rühmann keinen Arztkittel dabei. Dafür seine Gitarre: „Ich lebe hin und her zwischen Leipzig, dem Drehort von 'In aller Freundschaft', und dem Dorf Zollbrücke im Oderbruch, wo ich mit einem Freund das 'Theater am Rand' betreibe. Dort pflegen wir auch das Erbe von Gerhard Gundermann.“ Ein bisschen versucht er dann Eulen nach Athen zu tragen, als er den Lausitzern erklärt, wer Gundermann eigentlich war, der 1998 verstorbene Rockpoet. Einen radikal-ökologischen Liedermacher nennt er ihn, den Baggerfahrer, der gezwungen war, seine eigene Heimat wegzubaggern. „Sein schönstes Lied will ich Euch singen“ , sagt Rühmann und fordert sanft: „Der Winter soll wieder kalt sein. . .“
Längst ist die Neugier geweckt auf dieses „Theater am Rand“ . „Dort ist die Welt zu Ende und deshalb kann man da fast so gut Theater machen wie in Senftenberg“ , sagt Rühmann. Eine Zuschauerin fragt an, ob dorthin in den Oderbruch nicht einmal ein Theaterbus fahren könne. Dem Intendanten gefällt die Idee und er erkundigt sich nach dem Namen der Ideengeberin. „Die Topflappen-Spenderin“ , sagt sie geheimnisvoll lächelnd.
Was ein perfektes Stichwort für Sewan Latchinian und seinen Gast ist, nun die Topflappen in die Hand zu nehmen und ans Kochen zu gehen. Während der Intendant das Schürzchen hoch schnürt und die beachtliche Kochmütze aufsetzt, um Zander auf grünen Tagliatelle mit Pernodsauce zu zaubern, lässt Rühmann immer wieder Suppe Suppe sein, um mit der Gitarre „Zorn für drei Leben“ zu versprühen. Wobei Latchinian tapfer den Takt mit der Rührmaschine hält. Bis der Gast singt: „Es ist ein Wunder, dass ich noch am Leben bin“ . Noch bevor Latchinian mit seinem berühmten Jodler kontert, fragt er ihn in aller Freundschaft: „Wie bist du ausgerechnet nach dem Verkosten des Zanders auf diese Liedzeile gekommen““