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| 17:42 Uhr

Interview mit Knut Elstermann
Die Soße zum Filmgenuss

Knut Elstermann, geboren 1960 in Berlin, studierte Journalistik in Leipzig und arbeitete bei DDR-Medien. Heute ist er als freier Autor, Moderator und Filmkritiker für den MDR und den RBB im Hörfunk und Fernsehen tätig. Bei radioeins moderiert er jeden Samstag das Kinomagazin „12 Uhr mittags.“
Knut Elstermann, geboren 1960 in Berlin, studierte Journalistik in Leipzig und arbeitete bei DDR-Medien. Heute ist er als freier Autor, Moderator und Filmkritiker für den MDR und den RBB im Hörfunk und Fernsehen tätig. Bei radioeins moderiert er jeden Samstag das Kinomagazin „12 Uhr mittags.“ FOTO: Jochen Saupe
Der Kritiker moderiert „Mischen Possible 2.0“ am Staatstheater. Von ida Kretzschmar

Cottbus Am Samstag und Sonntag verwandelt sich das Große Haus des Staatstheaters Cottbus mit „Mischen Possible 2.0“ wieder in ein Kino ohne Leinwand. Mit dabei: Filmkritiker Knut Elstermann. Im RUNDSCHAU-Gespräch verrät er seine ganz besonderen Vorlieben.

Knut Elstermann, Sie moderieren zum ersten Mal den Filmmusik­abend im Staatstheater. Wie kam es dazu?

Elstermann Die Initiative zu der Filmmusikreihe stammt ja aus dem Orchester. Und da kam dann nun auch die Idee auf: Die schönen Filmmusiken sollten von jemandem kommentiert werden, der sich für Kino interessiert. Ich bin schon mit dem Deutschen Filmorchester Babelsberg viel getourt. Das hat sich offenbar herumgesprochen. Ich sehe meine Aufgabe darin, die Musik einzuordnen, die Geschichte dahinter zu erzählen, also vielleicht ein zusätzliches Element in den Abend einzubringen. Das Philharmonische Orchester und das Haus sind mir als Zuschauer vertraut. Ich liebe das schönste Theater Brandenburgs sehr. Dass ich nun bei den Proben dabei bin und das Konzert moderiere, ist neu, aber überaus reizvoll.

„Mission Impossible“ gab der Reihe den Namen und die Erkennungsmelodie. Wie gefielen Ihnen die Filme?

Elstermann Für mich sind das ganz wunderbare Actionfilme mit und von Tom Cruise. Da geht es nicht nur um Ballerei, sondern auch um Verantwortung.

Was wird sonst diesmal im Fokus des Filmmusikabends stehen?

Elstermann Diesmal erklingen vor allem Titel, die in der Konzertreihe noch nicht zu erleben waren. Aber man kann sich auch über alte Bekannte freuen. Zum Genießen und Träumen verführen unter anderem Elmer Bernsteins legendärer Hit „Die glorreichen Sieben“, Max Steiners Komposition für den Jahrhundertfilm „Vom Winde verweht“, „Der Herr der Ringe“ und „Die Chroniken von Narnia“. Dabei ist auch Klaus Doldingers Soundtrack zum Kinoerfolg „Das Boot“. Auch Melodien aus amerikanischen und deutschen Krimi-Reihen stehen auf dem Programm. Es wird ganz bestimmt ein schöner Streifzug durch die Geschichte der Filmmusik mit Klassikern und zeitgenössischen Melodien. Musik, die Kinomythen wieder auferstehen lässt. Ich bin mir sicher: Es wird ein ganz mitreißendes Konzert, bei dem man die Leidenschaft und die Liebe des Orchesters für Filmmusik spürt. Das Orchester ist ja sehr gefordert, weil es dabei höchst unterschiedliche Stilrichtungen bedienen muss. Sich in jedem Genre auszukennen, dem Film zu dienen und nicht der eigenen kompositorischen Eitelkeit, ist die große Kunst der Filmkomponisten. Das zu interpretieren, dafür ist das Philharmonische Orchester mit seinen Erfahrungen und der Breite seiner klanglichen Möglichkeiten die Idealbesetzung.

Wie hat sich Ihr Faible für Filmmusik entwickelt?

Elstermann Der Film lebt davon, dass er ein Gesamtkunstwerk ist. Da gehört vieles dazu: Drehbuch, Regie, Schauspielerleistung, Kamera, Licht, Ton: Alles muss funktionieren. Und die Filmmusik ist dabei ein wichtiges Element. Leider fällt sie oft runter bei der Besprechung von Filmen. Da will ich mich als Filmkritiker gar nicht ausnehmen. Man hat auf so vieles zu achten. Aber ich bin ein großer Bewunderer der Filmmusik. Sie hat eine eigenständige Kraft, eine eigenständige Bedeutung. Und dieses Nachdenken darüber, das macht gute Filmmusik aus. Ist sie kommentierend tätig, bricht sie sogar die Bilder, stellt sie einen Kontrast her? Oder ist sie eher, wie im heutigen Film oft, ein Gefühlsverstärker, wie eine gute Soße darüber gegossen?

Und wie ist es für Sie – so ein Kino ohne Leinwand?

Elstermann Absolut reizvoll. Weil eben Kino im Kopf entsteht und die Filmmusik eine Ehre bekommt, die sie sonst nicht hat. Sonst wird sie ja eher im Unterbewusstsein wahrgenommen. Deshalb finde ich es toll, die Filmmusik auf ein Podest zu stellen. Diese Melodien tragen den Film, oft verschmelzen sie mit dem Film. Nicht nur ich liebe Filmmusikkonzerte, sie sind sehr populär. Sie sind kurzweilig, haben so viele Klangfarben, dass es ein großer Genuss ist, sie zu erleben.

Im Sommer habe ich Sie bei zwei sehr unterschiedlichen Anlässen in der Lausitz getroffen. In Spremberg ging es mit dem Babelsberger Filmorchester um James Bond, nur einige Wochen später um die erdnahen Songs von Gundermann in Hoyerswerda. Ist das nicht ein ziemliches Gefühlschaos, dem Sie sich da aussetzen?

Elstermann Ja, aber das ist das Schöne an diesem Beruf, dass ich so viele unterschiedliche Filme und Filmmusiken erleben kann. Als Filmkritiker sehe ich etwa drei Filme am Tag. Das ist emotional schon eine große Herausforderung, andererseits auch ein großes Privileg. Ich setze mich den Filmen emotional aus, muss aber natürlich auch meine Instrumente schärfen, um sie zu analysieren.

Welche Filmmusik hören Sie selbst am liebsten?

Elstermann Meine persönliche Leidenschaft gehört Jazz und Soul. Deshalb ist mir Musik von Quincy Jones und Miles Davis sehr nah. Da hat die Filmmusik eine eigenständige Kraft. Aber ich mag auch sehr die großartigen Melodien von John Williams, die auch schon in Cottbus gespielt wurden, weil ich immer wieder fasziniert bin von ihrer Farbigkeit und Schönheit, die sich nicht abnutzen. Darin ist er unübertroffen in meinen Augen.

Gibt es auch Filmmusiken aus Defa-Zeiten, die Sie nicht vergessen können?

Elstermann Auf jeden Fall, manche sind regelrecht zur Hymne geworden. Zum Beispiel Günther Fischers Song „Solo Sunny“ oder Peter Gotthardts Musik zur „Legende von Paul und Paula“. Er entdeckte und förderte die Puhdys und schrieb den Hit „Geh zu ihr“. Ich habe eine Doku gemacht: „So klang die Defa. Filmmusik aus Babelsberg“. Am 2. Oktober, 20.15 Uhr ist die Ausstrahlung im RBB-Fernsehen. Natürlich sind auch so tolle Hits dabei wie „Heißer Sommer“, der vor 50 Jahren Premiere hatte. Ich habe dazu auch mit Filmkomponisten gesprochen, darunter mit dem 96-jährigen André Asriel, der das berühmte Lied geschrieben hat: „Auf der Sonnenseite“. Das Deutsche Filmorchester Babelsberg hat dazu noch einmal die Musik eingespielt.

Die Existenz dieses traditionsreichen Orchesters stand ja gerade wieder auf der Kippe.

Elstermann Das ist nichts Neues in seiner sehr wechselvollen Geschichte, die mit der Geschichte des deutschen Films und des Medienstandortes Babelsberg verbunden ist. Aktuell haben die Musiker wohl wieder das Schlimmste verhindern können. Es geht weiter mit Musik, die Bilder und Menschen bewegt.

Noch eine Frage an Sie als Kritiker: Welcher Film ist denn für Sie der Film des Jahres?

Elstermann Noch ist das Jahr nicht zu Ende. Aber es gibt schon sehr bemerkenswerte Filme 2018 – von „Gundermann“ bis „Familie Brasch“. Darin lassen wir uns nicht von Außenstehenden erzählen, wie wir gelebt haben. Es ist höchste Zeit, dass Menschen mit Ostbiografie ihre Geschichte erzählen, in ihrer Widersprüchlichkeit, mit all den Erfahrungen. Das ist das Herausragende in diesem Jahr – und dass die Filme in ihrer Differenziertheit, ohne Schwarz-Weiß-Denken, so gut ankommen. In Ost und West übrigens.

Mit Knut Elstermann
sprach Ida Kretzschmar

Filmkonzert „Mischen Possible 2.0“ am 15. September, 19.30 Uhr, und am 16. September, 19 Uhr. Christian Möbius hat die musikalische Leitung übernommen. Karten für beide Konzerttermine sind erhältlich bei der RUNDSCHAU, im Besucherservice, Ticket-Telefon 0355/ 78242424, an der Abendkasse sowie online über www.staatstheater-cottbus.de

TV-Tipp: „So klang die Defa“. 2. Oktober, 20.15 Uhr im RBB.