Dieses Konzert hatte etwas von Mischka-Konfekt und dem unvergleichlichen sowjetischen Sahneeis in Schokolade, es klang nach "Park der Kultur und Erholung" und Estradenbühne.

Zuerst "Jazz-Suite Nr. 2", eine Folge von acht kurzen Stückchen, die meilenweit von dem entfernt sind, was man in den 30er- bis 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts auch in der Sowjetunion unter Jazz verstand. Ein großes, bunt besetztes Varieté-Orchester ist gefordert. Es schmettern die Trompeten, schweres Blech stampft den Takt, die Streicher jubilieren. In der "Kleinen Polka" klimpert das Xylofon. "Tanz II" klingt nach Kinderballett im Weihnachtsmärchen.

Im "Lyrischen Walzer" ist ein Solo für Saxofon der besondere Clou, später treten die Saxofone sogar zu viert auf. Das Philharmonische Orchester hatte sich den Saxofon-Professor Detlev Bensmann und vier seiner Studenten als Gäste eingeladen. Allgemeines Raunen im Saal bei "Walzer II", dem Allgegenwärtigen; sogar bei Stanley Kubrick ist er zu hören. Die einzelnen Stückchen sind einfach und eingängig, aber das Orchester spielte so perfekt und mit Lust am Detail, dass sich ein Hörgefühl einstellte wie beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker - jeder Gassenhauer ein polierter Edelstein.

Äußerst brillante Klaviersolistin

Das nächste Schostakowitsch-Werk verstärkte diesen Eindruck noch: das erste Klavierkonzert oder das Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester Nr. 1. Claire Huangci, asiatische Amerikanerin, die in Deutschland studierte, war die äußerst brillante Klaviersolistin, der Spanier Andrés Nebot spielte das virtuose Trompetensolo. Wie die Jazz-Suite zeigt auch dieses Konzert, 1933 uraufgeführt, den unbeschwert genialen Schostakowitsch. Noch hatten ihn die stalinistischen Kulturbürokraten nicht angegriffen, noch schwebte er nicht zwischen Stalinpreis und Todesbedrohung; 1936 begann das Kesseltreiben gegen ihn. In seinem 1. Konzert aber spielt er munter mit Stilzitaten, mischt Beethoven mit sich selbst, - "Appassionata" und "Wut über den verlorenen Groschen" - lässt Rachmaninow vorüberrauschen, bringt echte Jazz-Einflüsse, persifliert gar das ganze Genre des Solo-Konzerts. Claire Huangci begann erfrischend unprätentiös, formte die Eingangstakte als heitere Melodie, zeigte im weiteren Verlauf alle ihre Möglichkeiten, von perlengleich butterweichen Läufen und kleinen Kantilenen über Improvisationsartiges bis zu rhythmischer Nachdrücklichkeit. Ihr Legato und eine Geläufigkeit, die keine Schwierigkeiten zu kennen scheint, sind sensationell; selbst kraftvolle, gar harte Passagen assoziieren so etwas wie eine abgefederte weiche Landung. Die Trompete knallte, knatterte, fetzte dagegen wirklich ein.

Dieselbe Besetzung, Streichorchester, Klavier und Trompete benutzte auch Steffen Schleiermacher für seine Uraufführung "Klangrufe 4". Mit eigenartigen stumpf klingenden, wild tobenden Geräuschen beginnen die Streicher, bis sie vom Klavier quasi beruhigt werden. Man musiziert ein wenig miteinander, bis die Trompete erneut knurrenden Widerstand gegen das brave Klavier wachruft. Eine Musik, die zu Schostakowitsch vielfach in assoziative Zusammenhänge gebracht werden kann - "Klangrufe" eben, hin zu einem Großen in gefährlicher Zeit.

Provokateur von hohen Graden

Dmitri Schostakowitsch war aber auch ein Provokateur von hohen Graden. Nach Kriegsende 1945 entstand seine 9. Sinfonie, aber nichts vom heroischen Heldengesang, den sich Stalin und sein Gefolge von einer "Neunten" erwarteten, ist in dieser Sinfonie zu hören. Sie ist ein genialer Balanceakt zwischen Heiterkeit und grellem Spott - je nachdem, wie man sie hört.

Und je nachdem, wie man sie spielt. Evan Christ und das Philharmonische Orchester musizierten zunächst fröhliche Unbeschwertheit. Trompeten, Piccoloflöte, Solovioline können militant, teuflisch listig oder auch nur witzig klingen. Im ersten Satz entschied man sich für das Gewitzte. Der 2. Satz beginnt mit einer zärtlichen Sehnsuchtsmelodie, wunderbar gespielt von der einsamen Soloklarinette. Mehrere Holzbläser und die Streicher mischen sich nach und nach ein - lyrische Erinnerung an frühere unbeschwerte Zeiten. Danach wird es haydn-artig klassizistisch, gefolgt von schwerem Blech und einem hohen Fagott-Solo - Trauermarsch für den deutschen Helden Siegfried, Assoziation an den 3. "Tristan"-Akt? - bei Schostakowitsch ist sogar in einer Sinfonie zum Sieg über die Deutschen alles möglich. Im letzten Satz schließlich ließ Evan Christ Schostakowitsch zum bissigen Spötter werden. Grelles Hohngelächter erklang wie eine paradoxe Reaktion auf Tod und Grauen, schierer Irrwitz im musikalischen Clownsgewand. Stalin muss ihn als Spott auf die Besiegten gehört haben, jede andere Deutung wäre dem Komponisten schlecht bekommen.

Die Zuhörer ließen sich's gefallen und nach dem etwas plötzlichen Schluss, den Evan Christ mit "das war's" kommentierte, gab es rhythmischen Beifall für den außerordentlichen und vielfach überraschenden Abend.